"Wir fordern eine Abkehr von der menschenfeindlichen Politik", sagt die Aktivistin und Frauenrechtlerin Yuen Abana.
"Wir fordern eine Abkehr von der menschenfeindlichen Politik", sagt die Aktivistin und Frauenrechtlerin Yuen Abana.
Als Mitglied des Frauenkomitees von "Freedom from Debt Coalition" kämpft Yuen Abana für eine gerechte Budget- und Sozialpolitik in ihrem Heimatland, den Philippinen: "Wir sind die Steuerzahler, aber wir bekommen nichts von der Regierung", sagt sie im Interview mit dem SONNTAG.
Wie sieht das Alltagsleben der philippinischen Frauen aus?
Yuen Abana: Es ist gekennzeichnet von Armut, mangelndem Zugang zu sozialen Dienstleistungen wie Bildung und medizinischer Versorgung oder gemeinschaftlichen Dienstleistungen wie Wasser- und Elektrizitätsversorgung. Es gibt keine gleichen Beschäftigungsmöglichkeiten für Männer und Frauen.
Was sind die Hauptanliegen Ihrer Organisation?
Yuen Abana: Wir streben eine Veränderung an. Wir wollen eine Abkehr von der menschenfeindlichen Politik, vom Neoliberalismus, der Privatisierung von öffentlichen Gütern und Arbeitskräfteexport. Viele Filipinos wandern in andere Länder aus, um dort ihr Glück zu suchen, weil in unserem Land keine Jobs zur Verfügung stehen. Darunter viele Frauen, damit sie ihre Kinder in die Schule schicken können und sich einen Arztbesuch leisten können, wenn eines ihrer Kinder krank ist.
Wie wirkt sich die Sparpolitik der Regierung auf das Leben der Bevölkerung aus?
Yuen Abana: Die jährliche Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts beträgt sieben Prozent. Wir spüren nichts davon. Es geht nicht in öffentliche Dienstleistungen. Das ist die Ungerechtigkeit. Wir sind die Steuerzahler, aber wir bekommen nichts von der Regierung. Diese gibt den Rückzahlungen der Auslandsschulden den Vorrang, die vergangene Präsidenten angehäuft haben. Dieses Geld fehlt bei den Sozialleistungen. 75 Prozent des Staatsbudgets fließen in den Schuldendienst, die restlichen 25 Prozent gehen in den Bildungs- und Sozialbereich und andere öffentlichen Ausgaben.
Das betrifft vor allem das Leben der Frauen, die die volle Wucht der Armut ertragen müssen und für sie ist es emotional hart, mit dem Problem der Armut zurechtzukommen. Viele Frauen suchen Arbeit, weil ihre Ehemänner einen Hungerlohn verdienen. Familien leben mit dem Existenzminimum von 1,25 US-Dollar pro Tag pro Person.
Warum haben Sie sich entschlossen, gegen die Ungerechtigkeiten anzutreten?
Yuen Abana: Kein anderer macht es, spricht für die Frauen. Wir sind die Verletzbarsten. Wir sprechen nun für uns selbst. Wenn nicht jetzt, wann dann? Wenn nicht wir, wer dann? Wir fordern für Frauen die gleiche Möglichkeit, einen Arbeitsplatz wie Männer zu erhalten, und wollen sie von ihrer bloßen Haushaltsarbeit befreien. Ihre Rolle ist nicht nur die Kinder zu waschen, sie müssen ein produktiver Faktor in der Gesellschaft für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes sein dürfen.
Was haben Sie während Ihrer bisherigen Tätigkeit gelernt?
Es gibt immer Hoffnung und spürbare Erfolge. Wir protestieren nicht nur auf den Straßen, wir führen Informationskampagnen, etwa zu den Preiserhöhungen im Energiebereich, durch. Wir konnten eine Untersuchung erreichen, wo überprüft wird, warum und wie die hohen Gebühren zustande kommen. Es schließen sich immer mehr Menschen unserer Koalition an: Arbeiter, Bauern, indigene Bevölkerungsteile, Beschäftigte im öffentlichen Dienst. Unser Einsatz wird weitergehen.Auf Regierungsseite überlegt man öffentliche Anhörungen mit unserer Beteiligung.
Wie groß ist die Kluft zwischen Reichen und Armen im Land?
Die reichsten Familien haben einen sehr großen Einfluss im Land. Sie machen ihre Geschäfte im Bildungs- und Sozialbereich. Sie berechnen uns legal hohe Strom- und Wasserpreise, weil die normalen lebensnotwendigen Güter von der Regierung privatisiert wurden. Sie können das tun, weil die Regierung es ihnen erlaubt hat. Sie sind so mächtig, weil sie Repräsentanten in allen Bereichen der Politik sind. Sie kontrollieren unser Leben, weil sie wesentliche Einrichtungen im Transport- und Telekommunikationsbereich, aber auch Medien besitzen.
Was ist unter dem Begriff "Gender Budgeting" zu verstehen?
Yuen Abana: Es ist auf den Philippinen seit 1996 ein gesetzlich geregeltes Prinzip, demnach fünf Prozent aller Ausgaben von staatlichen Einrichtungen der Förderung von Frauen und Entwicklung zugute kommen müssen. Das Problem ist, das nur wenige Behörden wissen, dass es das gibt. Deshalb hat sich unsere Organisation die Verbreitung dieser Information zur Aufgabe gemacht, damit Frauen davon profitieren können. Wir drängen die Regierung auf die vollständige Umsetzung hin und wollen das auch überwachen. Die Schwierigkeit besteht darin, dass wir oft nicht zu nötigen Informationen kommen, auch wenn sie uns laut Verfassung zustehen würden.
Welche Wünsche haben Sie für die nächsten zehn Jahren?
Yuen Abana: Ich wünsche mir weibliche Führungskräfte, die wie ich an der Spitze des Kampfes für Veränderung stehen. Sie sind besser ausgebildet als ich und erreichen mehr von unseren Forderungen. Ich wünsche mir Bewegungen, die den Menschenrechten zur Durchsetzung verhelfen.
Wir als Frauen müssen geeint unsere eigenen Interessen verfolgen, nämlich alle Formen der Gewalt gegenüber Frauen auszulöschen. Das kann auch wirtschaftliche oder politische Gewalt sein, nicht nur sexuelle Belästigung und Vergewaltigung.
Freedom from Debt Coalition (FDC, Koalition für eine öffentliche Entschuldung) wurde 1987 gegründet und entstand ursprünglich als Koalition verschiedener zivilgesellschaftlicher Gruppen, die sich dem Thema öffentliche Verschuldung annahmen. FDC zweifelt an der Legitimität vieler öffentlicher Schulden und versucht die Rückzahlungspflicht dieser Schulden anzufechten. Dies sind Schulden, welche z. B. in der Zeit der Marcos Diktatur entstanden sind oder welche von internationalen und nationalen Finanzinstitutionen für fragwürdige Projekte, welche der Bevölkerung mehr schaden, als zugute kommen, vergeben werden.
1990 gründete FDC ein Frauenkomitee, welches gezielt Kampagnen im Bereich feministischer und alternativer Wirtschaftsmodelle entwirft und durchführt. Öffentliche Diskurse und politische Entscheidungen sollen damit beeinflusst werden. Gerade auf die geschlechtsspezifischen Auswirkungen von Gesetzesentwürfen, Budgetentscheidungen und politischen Programmen wird vom Frauenkomitee ein besonderes Augenmerk gelegt.
2016 stellt die Katholische Frauenbewegung Österreichs Hilfsprojekte auf den Philippinen ins Zentrum ihres Engagements. Sie unterstützt auch FDC im Kampf für eine gerechte Sozialpolitik.
Spendenkonto: Erste Bank, IBAN: AT83 2011 1800 8086 0000, BIC: GIBAATWWXXX
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Weitere Informationen zu "Der SONNTAG" die Zeitung der Erzdiözese Wien