Auch wenn einige Ergebnisse der DBK-Missbrauchsstudie seit geraumer Zeit bekannt sind: Die offizielle Vorstellung bei der Vollversammlung der Bischöfe in Fulda wurde mit Spannung erwartet. Kardinal Reinhard Marx gestand dabei eigenes Versagen ein.
Auch wenn einige Ergebnisse der DBK-Missbrauchsstudie seit geraumer Zeit bekannt sind: Die offizielle Vorstellung bei der Vollversammlung der Bischöfe in Fulda wurde mit Spannung erwartet. Kardinal Reinhard Marx gestand dabei eigenes Versagen ein.
3.677 gelistete Fälle, bei denen Minderjährige zwischen 1946 bis 2014 zu Opfern von Missbrauch in Kirche wurden.
Die Deutsche Bischofskonferenz hat am Dienstag, 25. September 2018 die 350 Seiten umfassende Studie eines interdisziplinären Forscherkonsortiums zu Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche in Deutschland aus den vergangenen Jahrzehnten veröffentlicht. Darin sind 3.677 Kinder und Jugendliche im Zeitraum von 1946 bis 2014 als Opfer von sexuellem Missbrauch dokumentiert. In den 38.156 ausgewerteten Akten der 27 deutschen Diözesen gab es bei 1.670 Klerikern (4,4 Prozent) Hinweise auf Beschuldigungen, Minderjährige missbraucht zu haben.
Der Koordinator der Studie, der Mannheimer Psychiater Harald Dreßing, zeigte sich bei der Pressekonferenz zur Präsentation der Studie in Fulda erschüttert über das Ausmaß der Vorfälle. Die Ergebnisse legten nahe, dass es in der Kirche Strukturen gegeben habe und gebe, die Missbrauch begünstigen könnten, sagte der Psychiater. "Dazu gehören der Missbrauch klerikaler Macht, aber auch der Zölibat und der Umgang mit Sexualität, insbesondere mit Homosexualität". Auch die Rolle der Beichte müsse überdacht werden, weil Täter sie zum Teil zur Tatanbahnung, aber auch zur Verschleierung und zur eigenen Entlastung missbraucht hätten.
Eine nähere Beschäftigung mit diesen Strukturen und Themen sei aus seiner Sicht wichtiger als die Analyse der einzelnen Zahlen, die ohnehin nur "die Spitze eines Eisbergs" zeigen könnten, sagte Dreßing. Er verteidigte zugleich die Studie gegen Kritik: Dass die Untersuchungen aus Datenschutzgründen anonym erfolgen mussten und dass es nicht möglich gewesen sei, alle Taten seit 1946 zu erfassen, sei von vornherein bekannt gewesen. Trotzdem hätten die Forscher viele wichtige Erkenntnisse zutage fördern können.
Auch habe die Bischofskonferenz als Auftraggeber den Forschern immer freie Hand gelassen, ergänzte der Koordinator der Studie. Das gelte auch für die Präsentation und die Interpretation der Ergebnisse, die alleine von den Wissenschaftlern formuliert worden seien.
Kardinal Reinhard Marx reagierte mit deutlicher Selbstkritik an der Kirche und an seinem eigenen Handeln auf die Veröffentlichung der Missbrauchsstudie: "Allzulange ist in der Kirche Missbrauch geleugnet, weggeschaut und vertuscht worden", sagte der Bischofskonferenzvorsitzende bei dem Pressetermin in Fulda. Er bitte alle Opfer um Entschuldigung und schäme sich für das Vertrauen, das zerstört wurde, für die Verbrechen durch Amtspersonen der Kirche.
Wörtlich sagte Marx weiter: "Ich empfinde Scham für das Wegschauen von vielen, die nicht wahrhaben wollten, was geschehen ist und die sich nicht um die Opfer gesorgt haben. Das gilt auch für mich! Wir haben den Opfern nicht zugehört."
Sexueller Missbrauch sei ein Verbrechen, ergänzte Marx. Und wer schuldig sei, müsse bestraft werden. Man habe zu lange weggeschaut um der Institution willen "und des Schutzes von uns Bischöfen und Priestern willen". Die Kirche habe Machtstrukturen zugelassen und "meist einen Klerikalismus gefördert, der wiederum Gewalt und Missbrauch begünstigt hat".
Jetzt müsse man viel stärker als bisher die Opfer einbeziehen, so der Kardinal weiter. Diesen müsse Gerechtigkeit widerfahren. Die Kirche müsse neues Vertrauen aufbauen und nicht enttäuschen: "Ich weiß dass das schwer ist. Ich verstehe viele, die sagen: Wir glauben Euch nicht." Er hoffe sehr, dass "wir Vertrauen zurückgewinnen können".
Rund vier Jahre lang arbeitete das Forscherkonsortium um Psychiater Dreßing an der Studie. Alle 27 deutschen Diözesen nahmen - für unterschiedliche Zeiträume - an der Studie teil, in einige Diözesen wurden Kirchenakten vertieft für die gesamte Phase untersucht. Außerdem wurden für eine qualitative Studie mehrstündige Interviews mit 50 Beschuldigten und 214 Betroffenen geführt.
Unter den 1.670 beschuldigten Klerikern sind den Angaben zufolge 1.429 Diözesanpriester (5,1 Prozent aller im Untersuchungszeitraum tätigen Diözesanpriester), 159 Ordenspriester (2,1 Prozent) und 24 hauptamtliche Diakone (1,0 Prozent). Bei 54 Prozent der Beschuldigten lagen Hinweise auf ein einziges Opfer vor, bei 42,3 Prozent Hinweise auf mehrere Betroffene.
62,8 Prozent der von sexuellem Missbrauch Betroffenen waren männlich, 34,9 Prozent weiblich, bei 2,3 Prozent fehlten Angaben zum Geschlecht. Das deutliche Überwiegen männlicher Betroffener unterscheidet sich nach Angaben der Forscher vom sexuellen Missbrauch an Minderjährigen in nicht-kirchlichen Zusammenhängen.
Drei von vier Betroffenen standen mit den Beschuldigten in einer kirchlichen oder seelsorgerischen Beziehung, zum Beispiel als Ministrant oder als Schüler im Rahmen von Religionsunterricht, Erstkommunion- oder Firmvorbereitung.
Bei rund einem Drittel der beschuldigten Geistlichen wurden kirchenrechtliche Verfahren wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger eingeleitet, bei 53 Prozent nicht; bei 13,1 Prozent fehlten entsprechende Angaben. Rund ein Viertel aller eingeleiteten kirchenrechtlichen Verfahren endete ohne Sanktionen. Aus dem Klerikerstand entlassen wurden 41 Beschuldigte, 88 wurden exkommuniziert, also aus der kirchlichen Gemeinschaft ausgeschlossen.
Sexuelle Übergriffe an Minderjährigen durch Geistliche fanden meist bei privaten Treffen in der Privat- oder Dienstwohnung des Beschuldigten statt. Weitere Taten ereigneten sich in kirchlichen oder schulischen Räumlichkeiten oder in Zelt- oder Ferienlagern, ging aus den im Zuge der Studie durchgeführten Befragungen von Tätern und Opfern hervor.
Im einzelnen gaben 60 Prozent der beschuldigten Geistlichen an, dass die Übergriffe bei ihnen zu Hause stattgefunden hätten. Etwa 32 Prozent erklärten, sie hätten die Taten in Kirchenräumen wie der Sakristei oder dem Beichtstuhl begangen, rund 8 Prozent gaben Internate und rund 4 Prozent Heime an.
Ähnlich sehen die Angaben der Opfer aus. Auch sie geben mit einer Mehrheit (52 Prozent) die Wohnungen der Geistlichen als Tatorte an. Es folgen Kirchenräume (45,8 Prozent), Schulen und öffentliche Räume (jeweils 17,8 Prozent), andere private Räumlichkeiten wie PKWs (17,3 Prozent) sowie Internate (5,1 Prozent), Wohnung der Eltern der Opfer (3,7 Prozent) und Krankenhaus (1,9 Prozent).
22 Prozent der beschuldigten Geistlichen erklärten, der Missbrauch habe während einer Jugendfreizeit stattgefunden, 22 Prozent gaben Ministrantenstunden an, es folgt die Angabe "vor oder nach einem Gottesdienst" (18 Prozent), im Zusammenhang mit einer Beichte (16 Prozent), vor oder nach dem Religionsunterricht, während oder nach einer sportlichen Aktivität oder vor oder nach einer Musikveranstaltung.
In den Berichten der Opfer steht beim Kontext des Missbrauchs die Beichte (25,3 Prozent) an erster Stelle, es folgen vor oder nach dem Gottesdienst (24,3 Prozent) und vor oder nach dem Ministrantenunterricht (24,3 Prozent), während der Jugendfreizeit (19,2 Prozent), vor oder nach dem Religionsunterricht (17,3 Prozent), vor oder nach einer Musikveranstaltung oder vor, während oder nach einer sportlichen Aktivität.
Die Art der Übergriffe wurde in einer anderen Befragung erfasst. Demnach kam es in etwa 15 Prozent der Fälle zu einer Form der Penetration, die weitaus meisten Übergriffe waren intime Berührungen unter der Kleidung, oft verbunden mit Masturbation.
Die Bundesvorsitzende der deutschen Opferschutz-Organisation Weißer Ring, Roswitha Müller-Piepenkötter, sagte bei der Pressekonferenz zur Vorstellung der Missbrauchsstudie, die Kirche habe das Problem des sexuellen Missbrauchs noch nicht im Griff. Es sei davon auszugehen, dass "auch für die nahe Vergangenheit und für die Zukunft mit solchen Fällen zu rechnen ist", so die im Beirat der Studie sitzende Juristin.
Kardinal Marx betonte, dass die katholischen Bischöfe nach der Veröffentlichung der Forschungsergebnisse weitere Schritte für nötig halten, um das Thema gründlicher aufzuarbeiten. Vielleicht könne es dabei so etwas wie unabhängige "Wahrheitskommissionen" in den Diözese geben, sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz.
Auch für eine engere Zusammenarbeit mit dem Staat, der Justiz und dem Missbrauchsbeauftragten der deutschen Bundesregierung sei er grundsätzlich offen, ergänzte der Kardinal. Er könne aber noch nicht den Beratungen der Bischofsvollversammlung vorgreifen. Die Studie sei zunächst eine Bestandsaufnahme und noch keine Aufarbeitung. "Aber wir haben heute viel über das Wort Aufarbeitung gesprochen: Dazu gehört zuerst, genau hinzuschauen, was wirklich war. Betroffene müssen die Informationen darüber erhalten und auch wissen, wer die Verantwortlichen waren."
Der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, der Trierer Bischof Stephan Ackermann, sagte, der Forschungsbericht gebe der Kirche "deutliche Hinweise" für die Beantwortung der Frage, welche Strukturen und Dynamiken das Missbrauchsgeschehen begünstigen können.
Der Forschungsbericht zeige auch Defizite auf, weshalb die Bischöfe künftig "noch konsequenter und abgestimmter untereinander vorgehen müssen". Alle Maßnahmen müssten eingebettet sein "in eine Kultur und in Strukturen, die dazu beitragen, den Missbrauch von Macht wirksam zu verhindern". Er wolle sich als Missbrauchsbeauftragter dafür einsetzen, die Bekämpfung des Missbrauchs "beharrlich fortzusetzen". Die Bischöfe bräuchten dafür auch die "Hilfe der Gesellschaft und der Politik".
Ackermann begrüßte zudem die Forderung von Opferverbänden nach einer Verbesserung der Entschädigung für sexuellen Missbrauch. Der Mechanismus zur Zahlung von finanziellen Anerkennungsleistungen für erlittenes Leid und zur Zahlung von Therapien sei bisher sehr unterschiedlich gehandhabt worden und könne sicher optimiert werden, sagte er.