"Die enorm hohe Zahl an Asylberechtigten stellt alle Systeme vor gewaltige Herausforderungen", sagt Franz Wolf.
"Die enorm hohe Zahl an Asylberechtigten stellt alle Systeme vor gewaltige Herausforderungen", sagt Franz Wolf.
"Religion als sinnstiftendes, spirituelles Element halte ich für einen enorm wichtigen Faktor im Zusammenleben", sagt Franz Wolf, Geschäftsführer des Österreichischen Integrationsfonds. Aber er stimmt völlig mit dem Philosophen Blaise Pascal überein: "Glaube ohne Vernunft ist lächerlich."
Wie kann es gelingen, dass Asylberechtigte sukzessive in die österreichische Gesellschaft hineinwachsen?
Franz Wolf: Aufgrund der stark ansteigenden Zahlen von Asylsuchenden und der daraus erfolgenden hohen Anerkennungszahlen von Asylanträgen ist die Integration der Asylberechtigten eine besondere Herausforderung. Es gibt zentrale Faktoren wie der oft gesagte Satz "Sprache ist der Schlüssel zur Integration". Ohne Sprache ist weder Verständigung noch Begegnung möglich. Es ist unabdingbar, dass Menschen die deutsche Sprache lernen und sich verständigen können. Wenn man sagt, die Sprache ist der Schlüssel zur Integration, dann ist aus meiner Sicht Beschäftigung die Tür, durch die man zur Integration durchgeht. Denn ohne diese ist oft eine strukturierte Alltagsbewältigung nicht möglich, die Arbeitsgestaltung oft willkürlich. Wenn man am Arbeitsmarkt Fuß gefasst hat, ist ein großer Teil der Integration geleistet. Ein weiteres Element ist sicherlich die Vermittlung von Werten und der Basis unseres gemeinsamen Zusammenlebens.
Was bieten die verpflichtenden Werte- und Orientierungskurse an?
Franz Wolf: Wir versuchen einerseits praktisches Alltagswissen des Lebens in Österreich zu vermitteln, wie beispielsweise Mülltrennung oder Themen des Zusammenlebens in einem gemeinsamen Wohnhaus, was Hausordnung und dergleichen betrifft. Anderseits geht es auch um tiefer greifende Fundamente unserer Gemeinschaft: Rolle der Frau in der Gesellschaft, Gleichberechtigung von Mann und Frau, Freiheit des Wortes, individuelle Autonomie, Verhältnis von Staat und Religion.
Die große Frage, die uns derzeit beschäftigt, ist: Wie kann man sicherstellen, dass das vermittelte Angebot gelebt wird? Aus meiner Sicht ist ein zentraler Punkt: Wie verhalten sich öffentliche Institutionen, wenn wir über Werte sprechen? Viel entscheidender ist noch, wie wir selbst unsere Werthaltungen, die wir beanspruchen, tatsächlich leben und dadurch vermitteln.
Wie Sie schon angesprochen haben, wesentlich ist die Sprache zu erlernen. Wie schaffen Sie es, für die große Nachfrage das entsprechende Angebot aufstellen zu können?
Franz Wolf: Wir hatten in letzter Zeit immer zwischen 15.000 bis 20.000 Asylsuchende in Österreich und ca. 3.000 bis 4.000 Asylberechtigte pro Jahr. Im letzten Jahr ist diese Zahl auf 100.000 Menschen, die in Österreich Asyl gesucht haben, angestiegen. Wir haben in der ersten Instanz allein 14.000 Asylberechtigte. Das sind Zahlen, die in einem enormen Ausmaß angestiegen sind und auch dementsprechend hoch bleiben werden. Noch heuer wird eine enorm hohe Zahl an Asylberechtigten erwartet. Das stellt alle Systeme vor gewaltige Herausforderungen. Es wurden 2015 beträchtliche Mittel zur Verfügung gestellt, recht schnell im Sommer mit sechs Millionen Euro zusätzlich seitens des Integrationsministers. Aktuell gibt es einen Topf von 75 Millionen Euro für die Flüchtlingsintegration. Derzeit steht genug Geld für die Sprachförderung von Asylberechtigten zur Verfügung. Es ist wichtig, dass die Menschen das Angebot auch wahrnehmen. In Zeiten eines sehr angespannten Arbeitsmarktes in Österreich ist es für Asylberechtigte, die ein mittleres Niveau an Sprachkenntnissen erworben haben, nun schwieriger geworden, einen Platz am Arbeitsmarkt zu finden.
Integrationsmaßnahmen wie Deutschkurse erhalten Menschen erst mit einem positiven Asylbescheid. Sollte der Spracherwerb nicht schon früher beginnen?
Franz Wolf: Es hat in der Vergangenheit das Paradigma gegolten und grundsätzlich gilt es nach wie vor: Wenn jemand Asyl erhält, dann hat er/sie einen dauerhaften, langfristigen Aufenthalt in Österreich und wird möglichst rasch mit staatlichen Integrationsangeboten unterstützt. Aufgrund der sehr hohen Asylzahlen gilt es einen pragmatischeren Weg zu finden, der derzeit im Gespräch ist und demnächst umgesetzt werden soll, dass es bereits Sprachkursangebote aus Bundesmitteln für Menschen gibt, bei denen eine hohe Wahrscheinlichkeit der Asylanerkennung gegeben ist, z.B. Flüchtlinge aus Syrien oder aus dem Irak. Denn es ist natürlich alles andere als befriedigend, dass Menschen in einem Asylverfahren warten, nichts zu tun und dadurch auch keine Tagesstruktur haben.
Die Arbeitslosenquoten sind in den vergangenen Jahren in Österreich deutlich gestiegen. Man hofft, arbeitslose Asylberechtigte am Arbeitsmarkt integrieren zu können. Wo gilt es anzusetzen, welche Chancen sehen Sie dabei?
Franz Wolf: Die Beschäftigung von Asylberechtigten ist das wichtigste Element, das nun gefragt ist. Denn Nichtstun ist sozusagen das Gegenteil von Integration. Es gilt alles Mögliche zu versuchen, um Asylberechtigte in den Arbeitsmarkt zu bringen. Es gibt eine Reihe von Bestrebungen, aber die Zahl der Asylberechtigten ist hoch und das Sozialsystem zunehmend belastet. Es entsteht verstärkt eine Gerechtigkeitsdebatte. Die heimische Bevölkerung fragt sich: Ist es gerecht, dass jene Menschen, die Asyl erhalten haben, vom ersten Tag an Sozialleistungen erhalten, wenn man bedenkt, dass eine Million Menschen im Land eine Mindestpension unter 1000 Euro haben? Das entscheidende Element ist, dass Menschen möglichst schnell in die Beschäftigung gebracht werden, idealerweise direkt in den Arbeitsmarkt. Zweite Möglichkeit: Man engagiert sich verstärkt, gemeinnützige Arbeit zu schaffen. D.h. wer vom Gemeinwohl lebt, soll auch einen Beitrag zum Gemeinwohl leisten.
Gibt es eine Kooperation des Integrationsfonds mit Arbeitsmarktservice und Wirtschaftskammer in Arbeitsmarktfragen?
Franz Wolf: Es gibt eine Reihe von Programmen. Probleme bereiten aktuell die Qualifikationen von Asylberechtigten oder von Flüchtlingen insgesamt. Es gibt beträchtliche Unterschiede, aber tendenziell sind diese niedrig. Eine erhebliche Zahl an Menschen war nie in der Schule, sie sind also nicht alphabetisiert. Auf der anderen Seite gibt es gerade aus Syrien eine Reihe von sehr gut qualifizierten Menschen. Das kommende Gesetz, betreffend im Ausland erworbene berufliche Qualifikationen, ist ein wesentlicher Schritt dafür, mitgebrachte Potenziale und Fähigkeiten so gut als möglich in Österreich zu nutzen. Jedes verlorene Talent ist zu vermeiden.
Es gibt verstärkt – nun auch nach den Anschlägen in Paris und Brüssel – die Diskussion, dass Religionen Teil des Problems und nicht Teil der Lösung sind. Welche Rolle kommt Religionen wirklich im Integrationsprozess zu?
Franz Wolf: Die Frage der Religionen in diesem Prozess ist eine zunehmend wichtige und sehr fordernde, die wir uns alle stellen und mit der es behutsam umzugehen gilt. Die Religion ist jedenfalls eine Brücke zur Integration. Blaise Pascal hat es einmal sinngemäß so gesagt: „Glaube ohne Vernunft ist lächerlich.“ Die Religion als sinnstiftendes spirituelles Element halte ich für einen enorm wichtigen Faktor im Zusammenleben. Aber gerade die Frage nach der Vernunft ist ganz entscheidend mit einzubeziehen. Ich sehe durchaus noch viele Notwendigkeiten seitens der religiösen Strukturen, insbesondere der muslimischen Vertretung, weitere Schritte zu unternehmen, um ein gutes Zusammenleben fortzusetzen oder es zu verbessern.
Gibt es Erfahrungswerte, welche Zuwandergruppen sich leichter integrieren lassen und andere, bei denen es Probleme gibt?
Franz Wolf: Wir hatten in Österreich die sehr erfreuliche Entwicklung, dass mit der Integration der Menschen, die aus dem ehemaligen Jugoslawien in den 1990er Jahren angekommen sind, ein absolutes Erfolgsmodell bezüglich Bildung, Arbeitsmarkt und Zusammenleben im Land vorliegt. Wir sehen natürlich nach wie vor eine Herausforderung in der Integration von Personen mit türkischem Migrationshintergrund. Das zeigt sich am Arbeitsmarkt und in den Bildungsstatistiken. Bei einzelnen Flüchtlingsgruppen wie aus Tschetschenien und Afghanistan oder aus Somalia sind Schwierigkeiten klar erkennbar. Aus den aktuellen Flüchtlingsbewegungen kann man noch nichts schließen. Es gilt sicher, Fehler aus der Vergangenheit zu vermeiden. Wir dürfen nicht wegsehen, müssen Problemstellungen konkret benennen, für Transparenz in den Themenstellungen sorgen, um Lösungen finden zu können.
Ein Informations- und Vernetzungstag für alle, denen die Integration von Flüchtlingen ein Anliegen ist.
Im Blickpunkt steht die nächste Phase der Integration: "Angekommen, Schutz gefunden" – wie geht es weiter?
Fragen zu Arbeitsmarkt, Wohnungssuche, Asylverfahren über Deutschkurse bis hin zur Traumatisierung stehen im Fokus der Veranstaltung. Die Teilnahme ist kostenlos.
Wann: Samstag, 23. April 2016, von 9.30 bis 17 Uhr
Wo: im Kardinal König Haus, 1130 Wien, Kardinal-König-Platz 3
Jetzt anmelden:
www.erzdioezese-wien.at/integrationstag
Rückfragen unter Tel. 01/512 3503-3964 (Barbara Kornherr)