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25.04.2014

Revolution im Gottesbegriff

Tück: „Auch heute gibt es einen versteckten Arianismus. Man tut sich schwer, Jesus als Sohn Gottes zu bekennen.”

Warum das Weihnachtsfest Kirchennahe und Kirchenfernere gleichermaßen fasziniert. Was die Botschaft von der Menschwerdung bedeutet. Und warum ein neuer „Arianismus” droht: Dogmatik-Professor Jan-Heiner Tück (Universität Wien) im Gespräch.

Das Weihnachtsfest fasziniert bis heute – Kirchennahe und Fernere. Warum?

Tück: Die Botschaft, dass der ewige allmächtige Gott uns Menschen in einem kleinen ohnmächtigen Kind nahekommt, ist eine tröstliche Botschaft.

 

Auch die, die sich mit dem Glauben schwertun oder der Kirche den Rücken gekehrt haben, erinnern sich oft gerne an Weihnachten, die festliche Liturgie, die Geschenke, die menschliche Wärme.

 

In dieser Erinnerung ist mit der Sehnsucht nach Geborgenheit oft auch eine Ahnung verbunden, dass in der Menschwerdung des göttlichen Wortes eine große Verheißung liegt.

 

Ist die Verkündigung der Botschaft von Weihnachten auf der Höhe der Zeit?

Tück: Es ist natürlich nicht leicht, der leisen Botschaft von Betlehem im lauten Konsumrummel unserer Städte Gehör zu verschaffen.

 

Unsere Zeit kennt unterschiedliche Trends, zwei möchte ich nennen: Auf der einen Seite wird der Körper mit ungewöhnlichem Aufwand gestylt. Man will jung, fit und schön erscheinen – und tut einiges, um das zu erreichen.

 

Viele meinen, ansonsten nicht angenommen zu werden. Dahinter steht oft eine Angst vor dem Älterwerden und Sterben.

 

Auf der anderen Seite mehren sich in der heutigen Medienkultur Vorbehalte gegenüber dem Körper und seiner Endlichkeit. Cyberphilosophen träumen von einer virtuellen Unsterblichkeit, sie propagieren ein künstliches ewiges Leben jenseits des Menschen und machen aus ihrer Leibverachtung keinen Hehl.

 

Die Botschaft von Weihnachten steht quer zu beiden Trends. Sie erteilt sowohl der Körpervergötzung in Wellness und Lifestyle als auch der neognostischen (Gnosis: heilsrelevantes „Geheim”-Wissen, Anm. d. Red.) Leibverachtung eine Absage.

 

Gottes Wort ist Fleisch geworden, es hat die irdische Existenz von uns Menschen geteilt. Daher können auch wir unseren Leib mit all seinen Schwächen und Grenzen annehmen.

Wir brauchen den perfekten Menschen nicht zu simulieren, weil wir durch Christus bereits angenommen sind. Zugleich brauchen wir das lauter werdende Hintergrundgeräusch des Todes nicht zu verdrängen, weil das Mensch gewordene Wort Gottes uns einen Zugang zu einem Leben eröffnet hat, das keine Technik geben kann.

Die Menschwerdung ist das radikal Neue der neutestamentlichen Offenbarung. Wie kann dieses „Wunder der Weihnacht” so ausgelegt werden, dass es viele verstehen?

Tück: Für die Spielarten der antiken Philosophie war es selbstverständlich, dass das Göttliche unendlich, unveränderlich und transzendent ist. Es wurde eine grundlegende Differenz zur Welt des Menschen gesehen, die endlich und veränderlich ist.

 

Das radikal Neue der neutestamentlichen Offenbarung besteht darin, dass diese Kluft durch Gott selbst überbrückt worden ist. Weil Gott gut ist – und zu seiner Güte gehört, dass er sich den anderen frei mitteilen will –, schenkt er sich selbst den Menschen auf menschliche Weise.

 

Das kann er, weil der Mensch über sich hinausfragt und immer schon auf der Suche nach Gott ist. Im Über-sich-selbst-Hinausfragen des Menschen, in seiner Offenheit liegt nach Karl Rahner die „Grammatik einer möglichen Selbstaussage Gottes”.

 

Das Wunder der Weihnacht besteht in diesem einmaligen Ereignis, dass sich Gottes Wort in diese Grammatik des Menschen einschreibt. Anders gesagt: Gott ist so groß, dass er sich auch im Kleinen – im wehrlosen Kind in der Krippe – zeigen kann.

 

Die Präfation zu Weihnachten nennt als Ziel der Menschwerdung die „Vergöttlichung” des Menschen. Was heißt das? Wie kann das verstanden werden?

Tück: Schon die Kirchenväter haben zwischen der Menschwerdung Gottes und der Gottwerdung des Menschen einen Zusammenhang gesehen.

 

Irenäus von Lyon schreibt: „Dazu nämlich ist das Wort Gottes Mensch geworden und der Sohn Gottes zum Menschensohne, damit der Mensch das Wort in sich aufnehme und, an Kindesstatt angenommen, zum Sohn Gottes werde” (Haer. III, 19,1).

 

Zu Gott kommen wir nicht aus eigener Kraft, sondern weil Gott uns Menschen entgegengekommen ist. Wenn wir den Fußspuren Jesu folgen, dürfen wir hoffen, Anteil am göttlichen Leben zu erlangen.

Heute scheint es vielerorts einen Neu-Arianismus zu geben, wonach Jesus ein mit Gott stark verbundener Mensch, aber nicht der wahre Sohn Gottes ist. Wie kann das Geheimnis „Sohn Gottes” erklärt werden?
 
Tück: Arius hat die Göttlichkeit des Sohnes geleugnet. Er wollte die Einheit des Gottesbegriffs wahren und hat – gemäß dem damaligen hellenistischen Denken – den Sohn als oberstes Geschöpf und Schöpfungsmittler bezeichnet.

 

Das Konzil von Nikaia 325 hat demgegenüber klargestellt, dass Vater und Sohn „gleichwesentlich” sind. Es hat die griechische Wesensterminologie herangezogen, um die biblischen Aussagen über Jesus, den Sohn Gottes, in einen neuen Verstehenshorizont zu übersetzen.

 

Dadurch hat es eine „Revolution im Gottesbegriff” eingeleitet: Gott ist keine einsame, verhältnislose Monade („Einheit, Einfachheit”, Anm. d. Red.), in ihm gibt es Beziehung, er ist Leben und Liebe (1 Joh 4,16)!

 

Auch heute gibt es einen versteckten Arianismus. Man tut sich schwer, Jesus als Sohn Gottes zu bekennen. Dabei ist dieses Bekenntnis gerade heute im Dialog mit dem Islam wichtig. Ein Christ, der das Christusbekenntnis neo-arianisch in Zweifel zieht, kann leicht als „anonymer Muslim” vereinnahmt werden, denn Muslime lehnen die Gottessohnschaft Jesu bekanntlich ab und ordnen ihn in die Reihe der Propheten ein.

Dem entspricht, dass die hohe Christologie der altkirchlichen Konzilien oft als nachösterliche Überhöhung hingestellt wird. Leichter erscheint es, im Nazarener ein Vorbild der Humanität, einen Lehrer der Menschlichkeit, einen beeindruckenden Rabbi und Gleichniserzähler zu sehen.

 

Im Hintergrund steht die Frage der kritischen Exegese, ob es zwischen dem historischen Jesus und dem Christusglauben der Kirche nicht eine garstige Kluft gibt. Diese Kluft lässt sich nur überbrücken, wenn man bereits im Leben und in der Verkündigung Jesu Spuren wahrnimmt, die seinen göttlichen Anspruch erkennen lassen.

 

In der Bergpredigt etwa geht Jesus über Moses hinaus und beansprucht göttliche Autorität; er setzt sich souverän über bestimmte Reinigungsvorschriften hinweg und heilt am Sabbat. Schließlich fordert er, dass seine Jünger ihm als Person nachfolgen – für gläubige Juden bis heute eine provozierende Anmaßung.

An diese Spuren einer „Christologie von unten” konnte die nachösterliche Bekenntnisbildung anknüpfen. Das Bekenntnis: „Jesus Christus ist der Herr” hängt demnach nicht in der Luft, es hat einen Anhaltspunkt in der Verkündigung und Praxis Jesu.

 

Schon bald nach Ostern sind Christuslieder wie der Philipper-Hymnus (vgl. Phil 2,6–11) entstanden. Hier lässt sich eine „Explosion der Christologie” beobachten, die bis heute zu staunen, zu denken und zu danken gibt.

erstellt von: Redaktion der Sonntag / Stefan Kronthaler
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