Ein Einsatz wie der Kardinal Innitzers für die 1941 deportierte Lotte Fuchs war "leider die Ausnahme", so die Historikerin und Leiterin des Wiener Diözesanarchivs Annemarie Fenzl.
Ein Einsatz wie der Kardinal Innitzers für die 1941 deportierte Lotte Fuchs war "leider die Ausnahme", so die Historikerin und Leiterin des Wiener Diözesanarchivs Annemarie Fenzl.
Diözesanarchivarin Fenzl referierte über christlichen Antijudaismus in der Ersten Republik. Autor Gaisbauer schildert Lernprozess Angelo Roncallis, dem späteren Papst Johannes XXIII.
Auch lange vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten zum Katholizismus konvertierte Jüdinnen und Juden wurden Opfer des NS-Rassenwahns. Darauf wies die Kirchenhistorikerin und Leiterin des Wiener Diözesanarchivs, Annemarie Fenzl, am Montag, 4. November 2013, im Rahmen der Bedenkwoche "Mechaye Hametim - Der die Toten auferweckt" anhand der Lebensgeschichte einer Betroffenen, Lotte Fuchs, hin.
Im Unterschied zu vielen Juden, die sich erst im "Anschlussjahr" 1938 im Irrglauben, so der NS-Verfolgung zu entgehen, taufen ließen, war Lotte Fuchs schon kurz nach ihrer Geburt Kirchenmitglied geworden. Die glühende Katholikin arbeitete bis zu ihrer Deportation in der "Hilfsstelle für nichtarische Katholiken" unter Kardinal Theodor Innitzer, so Fenzl. Trotz Innitzers Bemühungen konnte er Fuchs nicht vor der Deportation 1941 nach Theresienstadt und der anschließenden Ermordung retten.
"Das Wachsen des Antisemitismus in der Ersten Republik und die Rolle der katholischen Kirche" war Thema der Veranstaltung im Kardinal-König-Archiv des Erzbischöflichen Palais in Wien, bei der neben Annemarie Fenzl auch der katholische Publizist Hubert Gaisbauer referierte. Das Archiv liegt in unmittelbarer Nähe zur ehemaligen "Hilfsstelle", die im Dezember 1940 von Kardinal Innitzer gegründet wurde.
Fenzl beleuchtete ungeschönt die Hintergründe der auch unter Katholiken vorherrschenden antijüdischen Haltung in der Zwischenkriegszeit. Erst das Zweite Vatikanische Konzil revidierte die davor weit verbreitete Ansicht, wonach "die Juden" als Christusmörder zu betrachten seien, erinnerte die Historikerin. Eine Rolle habe auch der vom jüdischen Großbürgertum geprägte Liberalismus gespielt, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts seinen Höhepunkt erlebte und antijüdische Ressentiments schürte.
So wie Innitzer für Lotte Fuchs hätten sich nicht viele katholische Verantwortungsträger der damaligen Zeit für nichtarische Katholiken eingesetzt, erinnerte Fenzl. Auf der großdeutschen Bischofskonferenz von 1941 sei beispielsweise darüber beraten worden, wie mit dieser Gruppe während der Messe zu verfahren sei. Die Errichtung eigener "Judenbänke" in den einzelnen Kirchen war dabei eine ernsthaft diskutierte Option, so Fenzl. Mit diesem Vorgehen habe die katholische Kirche einiges an Schuld auf sich geladen. Die Kirche habe sich schlicht nicht genug für ihre konvertierten Mitglieder eingesetzt, kritisierte die Diözesanarchivarin.
Das Wirken Angelo Roncallis, des späteren Papst Johannes XXIII. stellte der Journalist und Autor Hubert Gaisbauer ins Zentrum seiner Ausführungen. Roncalli hatte sich in seiner Zeit als Apostolischer Nuntius in Istanbul um die Rettung von Jüdinnen und Juden verdient gemacht. Zu Beginn seiner Karriere sei er jedoch noch ein typisches "Kind seiner Zeit" gewesen, wie es Gaisbauer bezeichnete.
In Roncallis frühen Schriften falle noch eine klare antijudaistische Haltung auf. Später jedoch habe er unter dem Eindruck des zunehmenden Terrors gegenüber den Juden revidiert. In vielen Reden habe Roncalli die Pflicht jedes Christen betont, Nächstenliebe auch gegenüber Juden walten zu lassen. Damit sei er weit über seine Befugnisse hinausgegangen und habe sich im Vatikan viele Feinde gemacht, so Gaisbauer. Letztlich habe Johannes XXIII. viel zur Überwindung der christlich-jüdischen Differenzen beigetragen, die das Konzil mit der Erklärung "Nostra Aetate" zur "nicht revidierbaren" (Kardinal Schönborn) kirchlichen Linie machte.
Programmfolder:
Mehaye Hametim 2013 - Gedenken an Novemberpogrome
Samstag, 9. November 2013, 17 Uhr
Ruprechtskirche, 1010 Wien
Worte des Gedenkens:
Sr. Dr. Beatrix Mayrhofer, Präsidentin der Vereinigung der Frauenorden Österreichs
Bischof Dr. Michael Bünker, Evang. Kirche A.B.
anschließend Schweigegang zum Mahnmal auf dem Judenplatz
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