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12.11.2014

"Eine Wirtschaft der Ausschließung tötet": Magdalena Holztrattner im Interview

In Österreich verdienen Frauen für die gleiche Arbeit 25 Prozent  weniger als Männer, sagt Magdalena Holztrattner, Direktorin der Katholischen Sozialakademie.

Eine Wirtschaft der Ausschließung und der unterschiedlichen Einkommen tötet, schreibt Papst Franziskus in "Evangelii Gaudium". Ist es tatsächlich so dramatisch? Ja, meint Magdalena Holztrattner, Direktorin der Katholischen Sozialakademie, im "Sonntag"-Interview.

SONNTAG: Papst Franziskus übt in seinem Apostolischen Schreiben "Evangelii gaudium" scharfe Kritik an der Wirtschaft, die nur auf die Maximierung von Gewinn ausgerichtet ist. Er fordert  ein „Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen“, denn: "Diese Wirtschaft tötet." Worauf zielt seine Kritik?


Magdalena Holztrattner: Der Papst denkt an große, transnationale Konzerne, die nicht das Wohl breiter Teile der Bevölkerung im Blick haben, sondern die Kurse und die AktionärInnen. Er denkt aus der Perspektive des Südens. Ein Beispiel: Das Schwein, von dem unser tägliches Schnitzel stammt, wird - sofern es nicht regional und nachhaltig biologisch produziert wurde – mit Kraftfutter gefüttert, mit Soja, das meist in Lateinamerika produziert wird und zwar als Gentechnik in Monokulturen. Dafür wurde Urwald abgeholzt. Der Urwald ist die grüne Lunge der Erde und kann sich nie mehr regenerieren. Hier ist also schon extrem viel Leben umgebracht worden, wenn wir an unsere Mitwelt denken, an Tiere und Pflanzen.


Die Plantagen werden von Flugzeugen mit Pestiziden besprüht. Die daneben liegenden Wohnsiedlungen von meist armer Bevölkerung werden nicht geschützt, Schwangere, Kinder, Alte, Junge werden krank. Diese Krankheiten hängen damit zusammen, dass wir Fleisch, oder auch Milch und Butter in Unmengen und sehr billig produzieren wollen. Die Konsequenz dieser Art von Lebensmittelindustrie ist lebensmindernd, krankheitserzeugend und langfristig tötend.

Wie wirken sich diese Wirtschaftmodelle, die nur den Börsenkursen und Interessen der Aktionäre dienen, in Österreich aus?


Magdalena Holztrattner: Wirtschaft und Arbeit wird bei uns oft gleichgesetzt mit Erwerbsarbeit. Sie ist ein Leistungsmerkmal: Wer etwas tut, ist etwas wert, bringt der Gesellschaft etwas. Das sind Bilder, die wir alle im Kopf haben und Dimensionen, die unsere Identität sehr stark beeinflussen, wenn nicht sogar stiften. Was macht das mit Menschen, die erwerbsarbeitslos sind? Sie sind oft Druck ausgesetzt, der psychisch und physisch krank machen kann. Sie bekommen das Gefühl, "ich gehöre nicht dazu". Das ist für den Menschen eines der schlimmsten Gefühle.


Die Erwerbsarbeitslosen sind ein Produkt unseres Wirtschaftsverständnisses, das Wirtschaft und Arbeit beschränkt auf Produktion, auf Leistung, auf Tätigkeiten, die bezahlt werden. Es gibt viele Tätigkeiten, die wirtschaftlich sehr wichtig sind, aber nicht oder nur sehr schlecht bezahlt werden, zum Beispiel die Erziehungs- und die Pflegearbeit. Ein Großteil davon wird von Frauen geleistet.
Auch der Druck auf Erwerbstätige erhöht sich, Burnout, psychische Erkrankungen, Depressionen aufgrund von Arbeitsbelastung steigen massiv.

Viele Menschen haben zwar Arbeit, können davon aber nicht angemessen leben. "Working poor" wird dieses Phänomen genannt. Was kann dagegen getan werden?


Magdalena Holztrattner: Das gibt es leider immer mehr. Hier ist die Frage, was gegen einen Mindestlohn spricht, der so gestaltet ist, dass Menschen ein in ihrem Umfeld angemessenes Leben führen können. Deutschland hat das geschafft. (Lohnuntergrenze von 8,50 Euro Stundenlohn gilt ab 2015; Anmerkung der Redaktion) Das ist die eine Seite. Die andere sind die zum Teil exorbitanten Unterschiede bei den Einkommen. Hier gibt es die Forderung, dass die Einkommensschere, die soziale Ungleichheit auch bedingt, gedeckelt wird. Von unten mit Mindestlöhnen und von oben mit Höchstlöhnen. Ein Vorschlag wäre ein Verhältnis von 1 zu 20. Das heißt, verdienen in einer Firma die am schlechtesten Bezahlten 1.000 Euro, bekommen die am besten Bezahlten 20.000 Euro pro Monat. In Schweizer Banken wurden bei Untersuchungen Gehaltsunterschiede im Verhältnis von über 1 zu 300 offen gelegt. Also 1.000 Euro Monatslohn im Vergleich zu mehr als 300.000 Euro pro Monat. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

Wieso akzeptiert die Gesellschaft solche Unterschiede schon so lange?


Magdalena Holztrattner: Das ist eine gute Frage, die ich mir immer wieder stelle. Viele glauben, das müsse so sein. Die Leute, die so exorbitant mehr verdienen, begründen das damit, dass sie soviel mehr Ausbildung, Leistung, Wissen haben. All diese Dimensionen sollen sich auch im Gehalt niederschlagen, um anzuerkennen, dass manche Menschen mehr in ihre Erwerbsarbeit investiert haben als andere oder mehr Verantwortung haben. Aber die Frage ist, wie hoch sind die Unterschiede. Ich glaube, vieles ist einfach nicht bekannt. Warum ist es im breiten Denken selbstverständlich, dass Männer mehr verdienen als Frauen? In Österreich verdienen Frauen für die gleiche Arbeit im Durchschnitt 25% weniger als Männer. Das heißt, Männer werden das ganze Jahr bezahlt, Frauen nur neun Monate, statistisch gesehen. Diese Tatsachen nehmen wir hin. Hier fehlt in vielen Bereichen das Wissen darum, welche anderen Modelle es geben könnte, um Wirtschaft geschlechtergerechter, generationengerechter und gerechter im Hinblick auf ethnische Zugehörigkeit zu gestalten. Es fehlt an Information, an Bewusstseinsbildung, bei uns und in anderen Ländern. Dort ist die Situation noch katastrophaler, und Menschen, die sich für Gerechtigkeit, Solidarität und wirtschaftliche Gerechtigkeit einsetzen, werden verfolgt, gefoltert und umgebracht.

Welche ethisch vorzeigbaren Wirtschaftsmodelle gibt es?

 

Magdalena Holztrattner: Es gibt verschiedene Ansätze, bei denen Wirtschaft nicht nur oder nicht hauptsächlich auf die Maximierung von Gewinn, Eigentum und Kapital ausgerichtet ist, sondern vorrangig  auf das soziale Wohlergehen aller, bei denen Wirtschaft kleiner, bescheidener denkt und anderes Denken zulässt. In Österreich gibt es einige Beispiele von alternativer solidarischer Ökonomie, etwa "Foodcoops": Menschen beziehen Lebensmittel direkt bei den Erzeugern, ohne Zwischenhändler. Die Bauern werden besser bezahlt, und die Leute können regional und saisonal einkaufen.
Es entstehen bei uns immer mehr Leihläden, wo Dinge ausgeborgt werden können, die man nicht oft braucht – Rasenmäher, Werkzeug, Nähmaschinen. In Reparatur-Cafés wird in netter Kaffeehausatmosphäre gelernt und geübt, Kleidung oder Gegenstände zu reparieren und herauszukommen aus dem Denken: "Reparieren zahlt sich nicht aus." Das ist auch eine Art des Wirtschaftens, um den gekauften Gegenstand länger genießen zu können, und nicht aufgrund einer fehlenden Schraube oder einer Bruchstelle wegwerfen zu müssen. Es sind Ansätze alternativen Wirtschaftens, die langfristiger, ressourcenschonender denken und soziale Netze stärken.

erstellt von: Der Sonntag / Monika Fischer
12.11.2014
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Weitere Informationen:

Evangelium Gaudium

"Freude des Evangeliums" bzw. "Freude über das Evangelium" lautet der Titel des ersten Apostolischen Schreibens von Papst Franziskus (November 2013). Es beinhaltet Überlegungen zur Verkündigung des Evangeliums in der Welt von heute und beschäftigt sich mit Herausforderungen wie einer "Wirtschaft der Ausschließung", der "neuen Vergötterung des Geldes" und der "sozialen Ungleichheit, die Gewalt hervorruft".

 

Katholische Sozialakademie Österreichs (ksoe)

Schottenring 35/DG
1010 Wien
Tel: +43-1-310 51 59
Fax: +43-1-310 68 28
www.ksoe.at
office@ksoe.at

 


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