Erzbischof Luis Francisco Ladaria Ferrer, der Präfekt der Glaubenskongregation.
Erzbischof Luis Francisco Ladaria Ferrer, der Präfekt der Glaubenskongregation.
Mensch findet wahres Heil nicht in Wohlstand, Technik oder Macht, sondern in der Vereinigung mit Christus.
Die vatikanische Glaubenskongregation pocht darauf, dass Jesus "einziger und universaler Retter" der Menschen ist. Diese Glaubensüberzeugung werde heute oft nicht mehr verstanden, heißt es in einem am Donnerstag, 1. März 2018 veröffentlichten Brief an alle Bischöfe der Weltkirche. Viele meinten, ihre Lebensverwirklichung hänge allein von den eigenen Kräften ab. Die wahre Rettung des Menschen bestehe jedoch nicht in etwas, das er von sich aus erlangen könne wie etwa Wohlstand, Wissenschaft, Technik, Macht oder ein guter Ruf. Vielmehr bestehe "das Heil in unserer Vereinigung mit Christus".
Diese Vereinigung geschehe aber nicht nur geistig-innerlich, heißt es in dem sechsseitigen Schreiben mit dem Titel "Placuit Deo" ("Es hat Gott gefallen"), das von Glaubenspräfekt Erzbischof Luis Francisco Ladaria unterzeichnet ist. Gott sei in Christus ganz Mensch geworden, und Christus begegne den Menschen "in den ärmsten und leidenden Brüdern und Schwestern". Es gebe heute ein Gefühl eines nur innerlichen Heils und einer rein persönlichen Gotteserfahrung, ohne dass dies Folgen hätte für die Beziehungen zu anderen Menschen und zur Gesellschaft.
Durch sein Leben und Sterben und seine Auferstehung habe Christus eine neue Ordnung zwischen den Menschen und zu Gott gestiftet. In diese Ordnung, zu der auch die Kirche und ihre Sakramente gehörten, habe er die Menschen "mit hineingenommen". Den Glauben an die Rettung durch Christus und die Bedeutung der Kirche dränge Christen dazu, das Evangelium allen Menschen zu verkünden. Dazu wolle man auch mit den Anhängern anderer Religionen "einen aufrichtigen und konstruktiven Dialog" aufbauen.
Gegen individualistische Selbstverwirklichung und reine Innerlichkeit hat Papst Franziskus sich schon öfter gewandt. Er bezeichnet diese Haltungen als "Neu-Pelagianismus" und "Neu-Gnostizismus". Der Pelagianismus geht davon aus, dass die menschliche Natur nicht durch eine Erbsünde verdorben sein könne, da der Mensch ja von Gott selbst erschaffen sei. Die Gnostiker der Spätantike gingen unter anderem davon aus, dass der Mensch das Prinzip einer vollkommenen Gottheit in sich trägt, von der er nicht zu trennen sei.
Mit den antiken christlichen Irrlehren hätten die kritisierten Glaubenshaltungen von heute allerdings nur gewisse Berührungspunkte, heißt es in dem Brief der Glaubenskongregation. Die Auseinandersetzungen in der Antike hätten in einem ganz anderen Kontext stattgefunden, nicht in einer säkularisierten Welt. Die zugrundeliegenden Versuchungen der Selbsterlösung und Innerlichkeit habe es im Christentum aber immer wieder gegeben.
Der Begriff "Pelagianismus" geht zurück auf einen antiken theologischen Streit zwischen dem Mönch Pelagius (ca. 350-431) und Bischof Augustinus (354-430) um die Frage, welche Rolle menschliche Freiheit spielt, wenn es darum geht, Gutes zu tun, und welche Rolle dafür Gottes Gnade spielt. Augustinus betonte vor allem die Gnade, Pelagius die Freiheit.
Allerdings wurde der Begriff Pelagianismus in der Geschichte oft unterschiedlich verstanden. Heute kann er eine Lebensweise meinen, die Gott nicht als Grundlage von Gesellschaft und Staat öffentlich anerkennt. Oder eine Individualität, die über jede Anfrage an sich selbst erhaben ist. Eine entsprechende Haltung kann auch moralistische Züge einer Leistungsethik annehmen.
Die Kritik am "Neu-Pelagianismus" verbindet Franziskus oft mit Kritik am "Neu-Gnostizismus". Gemeint ist eine Esoterik, in der sich Menschen auf eine höhere Seinsstufe stellen. Aufgrund eines besonderen, mitunter geheimen Wissens, meinen solche Menschen, als einzige die oft in Schwarz und Weiß eingeteilte Welt richtig zu verstehen. Damit hätten sie eine Art Rezept an der Hand, um ein besseres Leben führen und sich gar selbst erlösen zu können.