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18.12.2019

Neuer Schwung für die eigene Berufung

Univ.-Prof. Christoph Jacobs über eine „Berufungspastoral für Berufene“ und den Wert des Zölibats für die römisch-katholische Kirche.

 

Was darf man sich unter einer Veranstaltung zur „Berufungspastoral für Berufene“ vorstellen?

 

In bisheriger Weise würde man bei „Berufungspastoral“ zunächst an Werbung für diejenigen denken, die einen zu werbenden Nachwuchs in der Seelsorge oder in den Orden darstellen. Also an diejenigen, die bisher noch nicht als Frau und Mann in der Gruppe der Seelsorgenden stecken oder noch nicht Ordensgemeinschaften angehören.

 

Bei unserem Projekt der „Berufungspastoral für die Berufenen“ investieren wir allerdings mit guten Gründen in die Gruppe derer, die schon da sind. Denn von ihrer Ausstrahlung, ihrem Engagement und ihrer Überzeugungskraft hängt sehr viel ab. Gerade mit dem Blick auf diejenigen, die in Zukunft mit dabei sein könnten.

 

Dabei denken wir in einem sehr viel dynamischeren Berufungsbegriff. Berufung entfaltet sich ganzheitlich – und das lebenslang. Ich kann nämlich nicht sagen: Meine Berufung ist ein für alle Mal zementiert! Sondern ich muss für meine Berufung stets mit Blick auf Gott und die Menschen lebenslang sensibel sein. Ich muss auch etwas tun, ich muss meine Berufung weiterentwickeln.

 

Angesichts der vielen Veränderungen in der Gesellschaft und in der Kirche stehen Priester, Ordensleute und alle, die als Laien in der Seelsorge tätig sind, immer wieder neu vor der Frage: Was ist meine Berufung – heute? Was ist mein Auftrag in der heutigen Gesellschaft?

 

So werden wir überlegen, wie wir unser Selbstbewusstsein, wie wir unsere Identität und unsere Selbstauseinandersetzung immer wieder fördern. Wir stellen vor allem die Fragen: Was will Gott von mir? Was erwarte ich von meiner Tätigkeit? Wie stelle ich mir vor, wie wir, die wir Gott nachfolgen, unsere Berufung in der Welt umsetzen? Dafür müssen wir etwas tun.

 

Wer ist also konkret eingeladen oder angesprochen?

 

Angesprochen sind alle diejenigen, die das Anliegen haben, ihrer eigenen Berufung in der Seelsorge oder in einer Gemeinschaft der Kirche einen neuen Schwung zu geben.

 

Diejenigen, die sich fragen: Wofür brenne ich wirklich? Wie kann ich das Feuer in mir erhalten und fördern? Wie kann ich das weitergeben, was mir persönlich wichtig ist? Eingeladen sind auch diejenigen, die bereits in einer geistlichen Gemeinschaft leben und sagen: Das, was mir wichtig ist, das möchte ich weitergeben. Ich möchte mein Leben investieren, ich will mein Feuer weiterreichen.

 

Wie kann man von Berufungspastoral sprechen in einer Kirche, wo vielfach Ratlosigkeit bis hin zu Resignation spürbar ist?

 

Die Probleme sind natürlich da, aber es geht um den nächsten Schritt in Richtung Lösungen. Mir ist wichtig, nicht wieder die eigene Demoralisierung und Ratlosigkeit ins Zentrum zu stellen. Darüber wird so viel geredet. Das lähmt.

 

Aber die eigentliche konstruktive Frage ist: Wer bin ich und für wen bin ich da? Bei dieser Veranstaltung versuchen wir eine persönliche und gemeinschaftliche Analyse der Ressourcen. Wo können wir da ansetzen, wo können wir etwas tun? Wie können wir unsere Ressourcen wahrnehmen? Können wir gestalten, was uns wichtig ist? Was sind vor allem unsere Visionen, wie wir im besten Fall in 20 Jahren sein könnten?

 

Was sind die Schritte, die den Unterschied machen? Für welche Schritte sollten wir uns entscheiden? Die Veranstaltung ist ein Mix aus pastoralpsychologischen, spirituellen Impulsen, dazu wollen wir in Gruppen und im Plenum arbeiten.

 

Ein wichtiges Wort ist heutzutage „Empowerment“ geworden. Passt das Wort auch für diese Veranstaltung?

 

Diese Veranstaltung ist geradzu ein typisches Empowerment-Projekt. Wir fragen: Wie werde ich stark in dem, was ich bin? Wie werde ich stark in meiner eigenen Identität und Berufung? Vor allem: Wie werde ich stark in meiner eigenen Mission? Wie können wir uns gegenseitig inspirieren?

 

Der Bereich „Berufungspastoral“ fristet in den Pfarrgemeinderäten eher ein Mauerblümchen-Dasein. Warum?

 

Ein Grund liegt darin, dass wir oft unserer eigenen Berufung wenig trauen, sowohl die Gläubigen als auch die Seelsorgenden und diejenigen, die in Ordensgemeinschaften leben.

 

Wir gehen eher beschämt mit unserer Berufung um, nicht mit einem demütigen Stolz. Das frisst sich dann auch durch unsere Gremien, durch unsere Pfarrgemeinden. Es ist in unseren Pfarren der Normalzustand, auf die Berufung Christin oder Christ nicht stolz zu sein. Deshalb gerät das Thema Berufungspastoral angesichts der Strukturfragen leider in den Hintergrund. Und das ist völlig ungerechtfertigt.

 

Die Strukturfragen, die sich immer wieder in den Vordergrund schieben, sollten wir schnellstens lösen: sie sind wie Hausaufgaben, die wir schnell abarbeiten müssen, um wieder zum Eigentlichen zu kommen.

 

Eigentlich geht es darum, wie wir mit unserer Berufung Menschen von heute überzeugen, wie wir sie mit dem Evangelium bekanntmachen. Das ist das Interessante.

 

Hat unsere Kirche eine klare Vision davon, was sie heute mit „Berufungspastoral“ meint?

 

Wir sollten da noch einmal neu ansetzen! Wir brauchen eine umfassende Berufungspastoral. Es gibt dabei einen wichtigen Grundsatz, dass nämlich Berufung stets drei Dimensionen hat: die Berufung zum Mensch-Sein (Gott ermächtigt mich, dass ich Mensch sein darf!), zweitens die Berufung zum Christsein (Ich bin erwählt, Christin oder Christ zu sein!) und drittens die Berufung zum Dienst (Ich habe einen Auftrag!).

 

Wir müssen alle drei Dimensionen gemeinsam weiter entfalten. Es geht dabei allerdings nicht nur um die Berufung von jenen, die im pastoralen Dienst stehen, die als Priester, Ordensleute, Pastoralassistent*innen oder Religionslehrer*innen wirken. Es geht um die dreifache Berufung von allen Getauften. Dies zu erkennen, wäre meine Vision von Berufungspastoral.

 

Natürlich ist Nachwuchs-Werbung wichtig. Aber: erfolgversprechender ist es, der eigenen Berufung als Christin oder Christ in der Gesellschaft zum Leuchten zu verhelfen. Dann wächst das Interesse an Berufen in der Kirche von selber.

 

Beim Thema „Berufungspastoral“ fällt bei uns in der römisch-katholischen Kirche das Stichwort „Zölibat“. Welche Bedeutung hat der Zölibat?

 

Zunächst darf ich als Priester und Pastoralpsychologe davon ausgehen, dass sich der Zölibat über die Jahrhunderte hinweg als eine qualitativ hochwertige, sinnvolle und tragfähige menschliche Lebensform erwiesen hat.

 

Für Menschen, die für diese Lebensform geschaffen sind, ist das Leben im Zölibat eine gute, gesunde, auch potentiell attraktive Lebensform. Obwohl dies bei vielen Menschen gar nicht so ankommt. Ein Grund für die Skepsis könnte sein, dass die Gesellschaft – und auch viele gläubige KatholikInnen – dieser Lebensform in der Zwischenzeit viel zu wenig zutrauen. Als Humanwissenschaftler, als geistlicher Begleiter kann ich sagen, dass diese Lebensform ein richtiges Potential hat für Freiheit, Engagement und Hingabe an Gott und die Menschen.

 

Allerdings hat sie auch einen sehr exotischen Status in der heutigen Gesellschaft. Diesen exotischen Status einschließlich der damit verbundenen Risiken müssen wir zur Kenntnis nehmen.

 

Daher müssen wir zu diesem Status und zu dieser risikoreichen Lebensform qualifizieren, dafür müssen wir etwas tun. Wir dürfen daher auch die Risiken dieser an sich faszinierenden Lebensform nicht totschweigen, sondern sollten für den Umgang damit zurüsten und befähigen.

 

Welche Risiken sind das?

 

Die Risiken bestehen z.B. darin, dass man nicht lernt, mit den Belastungen umzugehen, die dadurch entstehen, dass man sich für andere Menschen und für Gott investiert. Oder dass die zölibatäre Lebensform auch dazu verleiten kann, dass man komisch wird, ohne dass man es merkt. Und dass man für den Beziehungsreichtum, den die zölibatäre Lebensform an sich begünstigen würde, nicht ausreichend qualifiziert und fördert.

 

Jemand sagte einmal zu mir: Du darfst ja als zölibatär Lebender keine Beziehungen leben. Da reagierte ich: Entschuldigung, ich darf nicht nur, ich muss in guten Beziehungen leben. Wenn ich zölibatär leben will, brauche ich vor allem gute, tragfähige Freundschaften und lebendige Beziehungen auf Augenhöhe. Das gehört dazu. Und so zu leben macht Freude.