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10.03.2002

Sehend oder blind?

Was ist geschehen?

Evangelienkommentar von Kardinal Schönborn

für den 4. Fastensonntag, 10.3.2002
 (Joh 9,1-41)

Zu Ostern werden weltweit zahlreiche Erwachsene die christliche Taufe empfangen, in manchen Ländern sind es viele Tausende. Bei uns, wo meist schon die Kinder getauft werden, ist diese Zahl noch recht gering, doch wächst sie von Jahr zu Jahr.

 

Fragt man die erwachsenen Taufbewerber nach ihrem persönlichen Weg zum Glauben, dann hört man immer wieder Geschichten, die dem heutigen Evangelium nicht unähnlich sind. Ihr Weg zum Glauben und zur Taufe ist wie der des blind geborenen Mannes, dem Jesus das Augenlicht schenkte, das ihm von Geburt an fehlte. Sie erleben das Gläubigwerden als einen Weg zum Licht. Die Taufe wurde in frühchristlicher Zeit aus dieser Erfahrung heraus als “Erleuchtung” bezeichnet. Und deshalb wurde und wird das heutige Evangelium als ein Schritt in der Vorbereitung auf die Taufe gelesen.

 

Ich empfehle  daher, in der eigenen Bibel dieses ganze lange 9. Kapitel des Johannesevangeliums zu lesen. Wer die Geschichte in voller Länge liest, kann sich kaum der Dramatik des Geschehens entziehen. Am Anfang steht die Wunderheilung des Blinden durch Jesus. Mehrmals hat Jesus Blinde sehend gemacht, und auch aus dem Leben der Heiligen sind immer wieder Blindenheilungen berichtet, etwa von Padre Pio.

 

Die Leute beginnen zu fragen: Was ist geschehen? Wie war das? Wer ist denn dieser Mann Jesus, der dich geheilt hat? Und immer wieder erzählt der Geheilte, was Jesus getan hat und wie er sehend geworden ist. Und dabei macht er die Erfahrung: Je mehr und je öfter er darüber spricht, desto klarer wird ihm selber, wer ihn geheilt hat und was ihm geschenkt wurde. Mehr und mehr wird aus dem Geheilten ein Gläubiger.

 

Ein wichtiges Element auf diesem Weg ist freilich der Widerstand, dem er begegnet. Die “Pharisäer” wollen ihm nicht glauben, sie beschimpfen ihn und werfen ihn schließlich hinaus. Sie halten Jesus für einen Gesetzesbrecher, der nicht von Gott sein kann. Der Geheilte aber kann und will nicht verleugnen, was ihm geschenkt wurde. An dieser feindlichen Ablehnung wächst er, wird immer klarer in seiner Überzeugung, dass Jesus ein Prophet ist, ja mehr noch, der Sohn Gottes. Er findet voll zum Glauben an Ihn und betet Ihn an.

 

Darin ist der geheilte Blinde Vorbild für den Weg zum Glauben.

 

In dem Maße, in dem ich anderen weitersage, wie es mir im Glauben gegangen ist, wird mein Glauben fester, und wo er sich auch im Widerspruch und gegen Widerstände bewährt, wird er tiefer und lebendiger und führt schließlich, wie im heutigen Evangelium, zur vollen Begegnung mit Jesus Christus.

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Evangelium zum Sonntag, 10. März 2002, 4. Fastensonntag, Joh 9,1-41

Der Mann ging fort und wusch sich. Und als er zurückkam, konnte er sehen

 

In jener Zeitsah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war. Da fragten ihn seine Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Ober haben seine Eltern gesündigt, so dass er blind geboren wurde?Jesus antwortete: Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden.

 

Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat; es kommt die Nacht, in der niemand mehr etwas tun kann.Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.Als er dies gesagt hatte, spuckte er auf die Erde; dann machte er mit dem Speichel einen Teig, strich ihn dem Blinden auf die Augenund sagte zu ihm: Geh und wasch dich in dem Teich Schiloach! Schiloach heißt übersetzt: Der Gesandte. Der Mann ging fort und wusch sich. Und als er zurückkam, konnte er sehen.

 

Die Nachbarn und andere, die ihn früher als Bettler gesehen hatten, sagten: Ist das nicht der Mann, der dasaß und bettelte?Einige sagten: Er ist es. Andere meinten: Nein, er sieht ihm nur ähnlich. Er selbst aber sagte: Ich bin es.

 

Da fragten sie ihn: Wie sind deine Augen geöffnet worden?Er antwortete: Der Mann, der Jesus heißt, machte einen Teig, bestrich damit meine Augen und sagte zu mir: Geh zum Schiloach, und wasch dich! Ich ging hin, wusch mich und konnte wieder sehen.

 

Sie fragten ihn: Wo ist er? Er sagte: Ich weiß es nicht.Da brachten sie den Mann, der blind gewesen war, zu den Pharisäern.Es war aber Sabbat an dem Tag, als Jesus den Teig gemacht und ihm die Augen geöffnet hatte.Auch die Pharisäer fragten ihn, wie er sehend geworden sei. Der Mann antwortete ihnen: Er legte mir einen Teig auf die Augen; dann wusch ich mich, und jetzt kann ich sehen.

 

Einige der Pharisäer meinten: Dieser Mensch kann nicht von Gott sein, weil er den Sabbat nicht hält. Andere aber sagten: Wie kann ein Sünder solche Zeichen tun? So entstand eine Spaltung unter ihnen.Da fragten sie den Blinden noch einmal: Was sagst du selbst über ihn? Er hat doch deine Augen geöffnet. Der Mann antwortete: Er ist ein Prophet.

 

Die Juden aber wollten nicht glauben, dass er blind gewesen und sehend geworden war. Daher riefen sie die Eltern des Geheiltenund fragten sie: Ist das euer Sohn, von dem ihr behauptet, dass er blind geboren wurde? Wie kommt es, dass er jetzt sehen kann?Seine Eltern antworteten: Wir wissen, dass er unser Sohn ist und dass er blind geboren wurde.Wie es kommt, dass er jetzt sehen kann, das wissen wir nicht. Und wer seine Augen geöffnet hat, das wissen wir auch nicht. Fragt doch ihn selbst, er ist alt genug und kann selbst für sich sprechen.Das sagten seine Eltern, weil sie sich vor den Juden fürchteten; denn die Juden hatten schon beschlossen, jeden, der ihn als den Messias bekenne, aus der Synagoge auszustoßen.Deswegen sagten seine Eltern: Er ist alt genug, fragt doch ihn selbst.

 

Da riefen die Pharisäer den Mann, der blind gewesen war, zum zweiten Mal und sagten zu ihm: Gib Gott die Ehre! Wir wissen, dass dieser Mensch ein Sünder ist.Er antwortete: Ob er ein Sünder ist, weiß ich nicht. Nur das eine weiß ich, dass ich blind war und jetzt sehen kann.

 

Sie fragten ihn: Was hat er mit dir gemacht? Wie hat er deine Augen geöffnet?

 

Er antwortete ihnen: Ich habe es euch bereits gesagt, aber ihr habt nicht gehört. Warum wollt ihr es noch einmal hören? Wollt auch ihr seine Jünger werden?

 

Da beschimpften sie ihn: Du bist ein Jünger dieses Menschen; wir aber sind Jünger des Mose.Wir wissen, dass zu Mose Gott gesprochen hat; aber von dem da wissen wir nicht, woher er kommt.

 

Der Mann antwortete ihnen: Darin liegt ja das Erstaunliche, dass ihr nicht wisst, woher er kommt; dabei hat er doch meine Augen geöffnet.Wir wissen, dass Gott einen Sünder nicht erhört; wer aber Gott fürchtet und seinen Willen tut, den erhört er.Noch nie hat man gehört, dass jemand die Augen eines Blindgeborenen geöffnet hat.Wenn dieser Mensch nicht von Gott wäre, dann hätte er gewiss nichts ausrichten können.

 

Sie entgegneten ihm: Du bist ganz und gar in Sünden geboren, und du willst uns belehren? Und sie stießen ihn hinaus.

 

Jesus hörte, dass sie ihn hinausgestoßen hatten, und als er ihn traf, sagte er zu ihm: Glaubst du an den Menschensohn?Der Mann antwortete: Wer ist das, Herr? Sag es mir, damit ich an ihn glaube.Jesus sagte zu ihm: Du siehst ihn vor dir; er, der mit dir redet, ist es.

 

Er aber sagte: Ich glaube, Herr! Und er warf sich vor ihm nieder.

 

Da sprach Jesus: Um zu richten, bin ich in diese Welt gekommen: damit die Blinden sehend und die Sehenden blind werden.

 

Einige Pharisäer, die bei ihm waren, hörten dies. Und sie fragten ihn: Sind etwa auch wir blind?

Jesus antwortete ihnen: Wenn ihr blind wärt, hättet ihr keine Sünde. Jetzt aber sagt ihr: Wir sehen. Darum bleibt eure Sünde.

 


 

Weiterführende Informationen:

 

  • Mehr Informationen über Kardinal Schönborn.
  • Mehr Texte über die Heilige Schrift.

 

 

Fragen an Kardinal Schönborn?

 

  • per Video auf www.fragdenkardinal.at
  • an sein Sekretariat.

 

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