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24.11.2002

Alles entscheidet sich heute

Es ist Gottes letztes Gericht

Evangelienkommentar von Kardinal Schönborn 

für den 34. Sonntag im Jahreskreis

(Christkönigssonntag),  24.11.2002,

(Mt 25,31-46)

Michelangelos Weltgericht in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan ist wohl die berühmteste Darstellung dessen, wovon das heutige Evangelium spricht. Einmal, “wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt”, wird es eine endgültige Scheidung geben, “wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet”, Einmal wird endgültig die Schlußabrechnung vorliegen, Plus und Minus werden klar dastehen.

 

Es ist Gottes letztes Gericht. Aber wie kommt es zustande? Nach welchem Maßstab wird gemessen, nach welchen Kriterien geurteilt. Zwei große Überraschungen:

 

Das Gericht hat schon stattgefunden. Am Ende wird nur offenbar, was längst schon entschieden ist. Entschieden hat sich alles dort, wo wir es vielleicht gar nicht oder zu wenig erwartet haben: im Verhältnis zu meinem Nächsten. Wie ich einmal endgültig vor Gott stehen werde, das entscheidet sich heute daran, ob ich meinen kranken Nachbarn wahrgenommen und besucht habe.

 

Jesus nennt sechs Situationen der Not: die Hungrigen, die Durstigen, die Fremden, die Nackten, die Kranken und die Gefangenen. Sie stehen für alle Formen der Bedürftigkeit und des Leids.

 

Und nun das zweite Überraschende: Jesus identifiziert sich mit allen diesen Notleidenden. Wer sie beachtet, findet Ihn, wer ihnen Gutes tut, tut es auch Ihm. “Wann haben wir dich gesehen und dir geholfen?” Auf diese erstaunte Frage gibt Jesus die entscheidende Antwort: “Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan”.

 

Was vor Gott zählt, ist die selbstlose, selbstverständliche Zuwendung zum Nächsten, der meiner Hilfe bedarf. Daran, so sagt uns Jesus, entscheidet sich euer ewiges Heil. Die Entscheidung fällt täglich, und wichtig ist nicht, ob wir uns dessen bewusst sind, sondern, dass wir es tun.

 

Eines erschreckt mich an der Rede Jesu vom Weltgericht: Die “Böcke” zur Linken, die der ewigen Strafe verfallen, haben gar nicht gemerkt, dass sie Gott übersehen haben, als sie sich den Notleidenden nicht zugewandt haben. Wie leicht wird der Nächste übersehen! Vor Gott zählt die Unterlassung des Guten schwerer als das Tun des Bösen. Ich mag mich trösten, dass ich niemanden umgebracht habe. Aber genügt das vor Gott, wenn ich statt dessen sehr wohl keine Zeit für die Kranken gefunden, Hunger und Durst meines Nächsten nicht beachtet, den Fremden nicht beherbergt, kurz, den Bedürftigen nicht wahrgenommen habe?

 

Die Unterlassungssünden müssen uns schrecken. Denn, was ich versäumt habe, Gutes zu tun, ist unwiederbringlich vorbei. Mein Nächster, der mich gebraucht hätte, den ich übersehen habe (vielleicht, weil ich zu sehr mit mir um meinen Wünschen beschäftigt war), war Jesus selbst, der auf mich gewartet hat. Mein Gott, hilf mir, dass ich in meiner letzten Stunde doch wenigstens einige Momente vorweisen kann, wo ich Dir in meinem notleidenden Nächsten gedient habe!

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Evangelium für den 34. Sonntag im Jahreskreis (Christkönigssonntag), 24.11.2002, (Mt 25,31-46)

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern:Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen.

 

Und alle Völker werden von ihm zusammengerufen werden, und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet.Er wird die Schafe zu seiner Rechten versammeln, die Böcke aber zur Linken.

 

Dann wird der König denen auf der rechten Seite sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Erde für euch bestimmt ist.Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen;ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen.

 

Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben?Und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen, oder nackt und dir Kleidung gegeben?Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?

 

Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.

 

Dann wird er sich an die auf der linken Seite wenden und zu ihnen sagen: Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist!Denn ich war hungrig, und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben;ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis, und ihr habt mich nicht besucht.

 

Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder obdachlos oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen?

 

Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.

 

Und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten, die Gerechten aber das ewige Leben. 

 

 


 

Weiterführende Informationen:

 

  • Mehr Informationen über Kardinal Schönborn.
  • Mehr Texte über die Heilige Schrift.

 

 

Fragen an Kardinal Schönborn?

 

  • per Video auf www.fragdenkardinal.at
  • an sein Sekretariat.

 

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