Linzer Theologin Guanzini bei "Mechaye Hametim"-Gottesdienst in Wiener Ruprechtskirche - Gedenken an das Grauen der Novemberpogrome hat heilende Bedeutung, "weil es der Verdrängung entgegentritt
Das Gedenken an die Novemberpogrome von 1938 muss mehr sein als ein Innehalten. Dies betonte die Linzer Theologin Prof. Isabella Guanzini beim Gedenkgottesdienst in der Wiener Ruprechtskirche. Sie forderte eine "gefährliche Erinnerung", die wachrütteln, Empathie wecken und zur Veränderung aufrufen soll.
Im Rahmen der Reihe "Mechaye Hametim – Der die Toten auferweckt" fand vergangenen Sonntag in der Wiener Ruprechtskirche ein Gottesdienst statt. Es kamen zahlreiche Gläubige und Persönlichkeiten, unter ihnen Prof. Martin Jaggi vom jüdisch-christlichen Koordinierungsausschus.Zum Abschluss der Gedenkfeier zogen sie zum Mahnmal am Judenplatz.
Guanzini zufolge ist das Erinnern an das Grauen heilsam, da es der Verdrängung entgegenwirkt. "Was unausgesprochen bleibt, kehrt zurück", warnte die Theologin. Das Versagen früherer Generationen sei eine historische Verantwortung der jüngeren. Die Theologin erinnerte daran, dass der Glaube Jesu im Glauben Israels verwurzelt ist und das Verschweigen der jüdischen Identität Jesu zu einer Ablehnung und Ausgrenzung des Judentums und schließlich zum Antijudaismus geführt hat, der in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 seinen schrecklichen Ausdruck fand.Der Novemberpogrome zu gedenken bedeute, den Schrei Jesu als den Schrei eines Juden und der Leidenden wahrzunehmen und in den theologischen Diskurs einzuschreiben.
Die österreichischen Bischöfe verurteilten in einer Erklärung anläsaslich des 9. Novembers die Zunahme antisemitischer Übergriffe in Österreich. Diese seien insbesondere im Zusammenhang mit dem Krieg Israels gegen die Terrorgruppe Hamas in den Sozialen Medien sichtbar geworden. „Jeder Antisemitismus baut auf Lüge und Hass auf. Er darf die Herzen nicht wieder vergiften!”, hielten die Bischöfe fest. Sie betonten die historische Verantwortung Österreichs für die Auslöschung einer großen jüdischen Gemeinde 1938.
Die Bischöfe fordern, alles daran zu setzen, dass jüdisches Leben in Österreich sichtbar, möglich und sicher sein kann. Die Bischöfe bekräftigten, dass die christlichen Kirchen an der Seite der jüdischen Gemeinden stehen. Seit der Konzilserklärung Nostra Aetate aus dem Jahr 1965 sei Christen wieder bewusst, dass die Wurzeln ihres eigenen Glaubens untrennbar im Judentum liegen.