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19.09.2014

Patriarch Sako fordert Befreiung von Mosul und der Ninive-Ebene

Trügerische Ruhe: Die Millonenstadt Mossul im Irak ist unter der Gewalt der Terrormiliiz IS.

Chaldäischer Kardinal wirbt in Genf gegen Luftangriffe, für eine
"internationale Koalition unter der Ägide der Vereinten Nationen" -
Caritas-Präsident Syriens macht auf Notlage im Kriegsland aufmerksam.

Die Befreiung der Ninive-Ebene und der Millionenstadt Mossul "im Rahmen einer umfassenden politischen Lösung" hat der chaldäisch-katholische Patriarch Louis
Raphael I. Sako gefordert. Der Kardinal betonte in Genf, wo er sich auf Einladung des Ständigen Vertreters des Heiligen Stuhls bei den hier ansässigen internationalen Organisationen, Erzbischof Silvano Tomasi, aufhielt, dass die Ideologie der Terrormiliz IS "zum Genozid, zum Tod unzähliger schuldloser Menschen und zu anderen schweren Verbrechen" führt.

 

Die Terrorgruppe IS stelle außer für die Christen auch für andere Gruppen und "für die ganze Gesellschaft" des Nahen Ostens, ja für die internationale Gemeinschaft eine schwerwiegende Bedrohung dar, so Sako. Sie sei eine extremistische Organisation, die von "blinder Brutalität" geleitet werde, über umfangreiche Finanzquellen verfüge, dazu mit modernen Waffen ausgerüstet und in den sozialen Medien präsent sei. Raubüberfälle, Gruppenvergewaltigungen, Folterung und Mordorgien gegen Menschen, die von den IS-Ideologen als "Ungläubige" abqualifiziert werden, seien tägliche Praxis.

 

Unterstützung von überall

Er appelliere im Namen aller Verfolgten an die politischen Führungspersönlichkeiten in aller Welt, eine gemeinsame Strategie zur Bekämpfung des "Islamischen Staates" zu entwickeln, "um diese Tragödie zu beenden", sagte der chaldäisch-katholische Patriarch. Notwendig sei eine "internationale Koalition unter der Ägide der Vereinten Nationen", um die Rechte der hunderttausenden Vertriebenen im Nordirak zu schützen und zu verteidigen. Allerdings würden Luftangriffe "nur weitere schuldlose Personen töten". Notwendig seien vielmehr Bodentruppen "auch aus arabischen Ländern".

 

Die UNO hätte für die sichere Rückkehr der Vertriebenen in ihre Städte und Dörfer Sorge zu tragen, während es Pflicht der Regierung in Bagdad sei, die Vertriebenen für ihre Vermögensverluste und die Zerstörung ihrer Häuser zu entschädigen. Dabei sollte Bagdad nach Auffassung des Patriarchen auch von anderen Regierungen und humanitären Organisationen unterstützt werden. Bis zur Rückkehr der Vertriebenen in ihre Heimatorte müsse die internationale Gemeinschaft die Betroffenen mit Obdach, Nahrung, Wasser, Kleidung und medizinischer Hilfe versorgen. Ausdrücklich verlangte Sako auch den Schutz der UNESCO für die in die ersten christlichen Jahrhunderte zurückreichenden Gotteshäuser und Monumente der Christen.

 

Das EU-Parlament hat den chaldäisch-katholischen Patriarchen inzwischen für den diesjährigen Sacharow-Preis nominiert. Der mit 50.000 Euro dotierte "Preis für die Verteidigung der Menschenrechte" wird alljährlich in einer feierlichen Sitzung um den 10. Dezember verliehen. An diesem Tag war 1948 die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte unterzeichnet worden.

 

Luftangriffe kein Problemlöser

"Luftangriffe lösen die Probleme nicht", betonte auch der chaldäisch-katholische Bischof und irakische Caritas-Präsident Shlemon Warduni, der zur Teilnahme an der Caritas Koordinationskonferenz für die Nahost-Hilfe in Rom war, im Gespräch mit der italienischen katholischen Nachrichtenagentur SIR. Es gehe vielmehr darum, die Waffenlieferanten der IS dazu zu zwingen, ihre Lieferungen an diese "schrecklichen Leute einzustellen, die keinem moralischen, religiösen oder gesellschaftlichen Gebot gehorchen".

 

Die Bischöfe im Irak und in Syrien seien in höchster Sorge, weil die Strategie der Luftangriffe das Risiko einer dramatischen Verschlechterung der Situation mit sich bringt. Warduni wörtlich: "Die Christen leben seit 2.000 Jahren im Irak, sie haben Anspruch auf ihre Rechte. Jetzt wollen die Islamisten uns aus unserer Heimat vertreiben. Wie ist das möglich? Wo bleibt die UNO? Die internationale Gemeinschaft muss eingreifen, aber mit den entsprechenden Mitteln."

 

Kritik hatte Warduni bereits in der Vorwoche in Brüssel am "dröhnenden Schweigen" der internationalen Gemeinschaft geäußert: Die Christen des Irak hätten ihre Hoffnung auf den UN-Sicherheitsrat und andere internationale Institutionen gesetzt, damit ihre Heimat aus der Hand des IS befreit werde, aber bisher habe sich nichts getan. Die Christen im Irak fühlten sich heute wie das Opfer der Räuber im Gleichnis vom Guten Samariter, jedoch ohne dass ihnen ein "guter Samariter" zu Hilfe komme.

 

Die IS-Terroristen hätten in Mosul und in der Ninive-Ebene die Christen unbarmherzig vertrieben, 120.000 Menschen hätten ihr Zuhause verloren. Warduni: "Sie wurden ausgeraubt, man hat ihnen alles weggenommen und sie bei hohen Temperaturen zu Fuß zur Flucht gezwungen." Zum ersten Mal seit 2.000 Jahren sei in Mosul und in den Kleinstädten der Ninive-Ebene nicht mehr die Heilige Messe gefeiert worden.

 

Syrer total verarmt

Im Hinblick auf die Situation in Syrien sagte der chaldäisch-katholische Bischof von Aleppo, Antoine Audo, im Interview mit "Radio Vatikan", dass nicht nur die täglichen Gefechte in verschiedenen Landesteilen und die Millionen von Flüchtlingen für
die Menschen eine enorme Belastung darstellen, sondern auch der Zusammenbruch der nahezu gesamten Infrastruktur und die hohe Zahl der Arbeitslosen von bis zu 80 Prozent. Audo hob die Verarmung des ganzen Landes hervor: "Jeder in Syrien ist zu einem armen Menschen geworden, auch die, die ihr Zuhause nicht verlassen mussten."

 

Reiche und gut ausgebildete Bürger würden ihre Möglichkeiten nützen, um ins Ausland zu gehen. Zurückgeblieben sei der Mittelstand, der jedoch zunehmend verarme, während die Lage der schon ursprünglich Armen "nur noch miserabel" und "auf allen Ebenen schrecklich" sei. Ein "Wunder" sei, dass sich trotz der Betroffenheit aller eine positive Einstellung in den Menschen erhalten habe, zudem sei die Solidarität unter Christen sehr groß.

 

Caritas im Einsatz

Audo, der auch Präsident der syrischen Caritas ist, skizzierte die Strategie der Hilfe: Ein Programm versorge die Menschen - darunter sogar Ärzte und Ingenieure - mit Lebensmitteln, ein anderes kümmere sich um die medizinische Versorgung, was angesichts der vielen zerstörten Krankenhäusern und der geflohenen Ärzte notwendig sei. Ein weiteres Caritas-Programm unterstütze Menschen, die fliehen mussten oder deren Zuhause zerstört wurde, durch einjährige Hilfen zur Bezahlung der Miete.

 

Besonders wichtig für die Zukunft des Landes sei jedoch auch das Bildungsprogramm: Laut Audo biete die Caritas in Aleppo 5.000 Kindern und Studenten Stipendien zur Fortsetzung ihrer Ausbildung an, was auch den Familien helfe und psychologische Stabilität erzeuge. Einen weiterer Fokus bildet die Versorgung der älteren Bevölkerung, die nach der Flucht ihrer Kinder oft alleine zurückbleiben. "In Aleppo kümmern wir uns um 500 ältere Menschen", so der Caritas-Präsident.

 

Trotz der Gerüchte in Aleppo, die islamistische Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) würde bald die christlichen Wohnbezirke angreifen, äußerte sich der chaldäisch-katholische Bischof gegenüber der Nachrichtenagentur SIR skeptisch gegenüber Luftangriffen einer US-geführten Koalition auf Positionen der Dschihadisten. Man müsse vielmehr alles tun, um eine politische Lösung zu finden und keine Waffen einzusetzen.

erstellt von: red/ru/kath
19.09.2014
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Kontakt

Caritas International:

http://www.caritas-international.de/hilfeweltweit/naherosten/syrien/buergerkrieg-flucht

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