Mouhanad Khorchide: "Was uns zu Gott bringt, ist das geläuterte Herz."
Mouhanad Khorchide: "Was uns zu Gott bringt, ist das geläuterte Herz."
Mouhanad Khorchide, Islamwissenschaftler und Religionspädagoge, plädiert für eine neue islamische Ethik.
Haben Terror und Unterdrückung wirklich etwas mit dem Islam zu tun? Die radikale und gewaltsame Bewegung "Islamischer Staat" in Syrien und im Irak, Christenverfolgungen in islamischen Staaten vermitteln dieses Bild. Unverzichtbar scheint in einer solchen Krisensituation sich mit dem Islam auseinanderzusetzen.
Über den Begriff Scharia wird in den letzten Jahren kontrovers diskutiert. Viele Muslime fordern deren Einführung und sehen in der Göttlichen Ordnung den Weg zur Glückseligkeit. Nichtmuslime haben Angst und sehen darin ein menschenfeindliches System, das weder mit Demokratie noch mit Menschenrechten vereinbar ist. Mit Scharia werden Körperstrafen wie die Amputation von Körperteilen, das Auspeitschen oder die Steinigung in Verbindung gebracht.
Mouhanad Khorchide, Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Münster, zeigt ein Gottesverständnis auf, das von einem liebenden Gott der Barmherzigkeit ausgeht und die weit verbreitete Vorstellung eines islamischen Gottes des Gehorsams und der Rache ablehnt. Die Scharia ist keine Gesetzessammlung. Sie ist ein komplexes Rechtssystem, das sich laufend weiterentwickelt. "In demselben Land erhält man innerhalb von ein paar Jahren unterschiedliche, widersprüchliche Antworten zu Rechtsfragen", erklärt Khorchide die Problematik. Der Begriff Scharia komme im Koran nur ein einziges Mal vor, in einer anderen Bedeutung als heute. Es lasse sich weder im Koran noch in der Überlieferung des Propheten Muhammad, die sogenannte Sunna, eine Erklärung mit den Worten "Scharia ist ..." finden. "Der Prophet hat den Begriff nicht verwendet. Das heißt, die Gelehrten haben sich bemüht, Normen aus den Texten abzuleiten, um zu sagen: Wie steht der Islam zu einer bestimmten Fragestellung? Das Ergebnis der Bemühungen haben sie zusammengefasst als deren Verständnis von Scharia. Viele Menschen haben die Assoziation, wenn wir vom Koran sprechen, dass es sich hier um ein Gesetzesbuch handle, der Koran bestünde aus Paragraphen." Der Koran hat 6236 Verse, davon sind nur 80 Verse, die juristische Aussagen zur Gesellschaftsordnung machen, etwa die drei Körperstrafen oder Erbschaftsregelungen.
Scharia heißt im Arabischen der Weg zur (Wasser-)Quelle. Auf den Islam übertragen bedeutet Scharia der Weg zu Gott. "Denn nach islamischen Glauben ist Gott die Quelle", sagt Khorchide. „Es heißt im Koran: ‚Von Gott kommen wir und zu Gott kehren wir zurück.’ Es stellt sich die Frage: Was macht den Weg zu Gott aus? Wie komme ich in Gottes Nähe? Die Antwort ist nicht einfach zu beantworten: Es hängt davon ab, wie ich die Mensch-Gott-Beziehung verstehe. Wenn wir davon ausgehen, Gott geht es um sich selbst, d.h. er ist nur dann zufrieden, wenn ich seine Instruktionen erfülle, wie er es sagt, dann geht es um Gesetze, um eine Gesetzesreligion. Wenn wir von der Vorstellung ausgehen, dass es Gott um den Menschen geht, dann habe ich einen anderen Zugang zum Gebet. Es dient nicht seiner Verherrlichung, sondern das Gebet ist für mich da. Es gibt mir eine Möglichkeit, mich innerlich, spirituell zu bereichern, mich kritisch zu reflektieren und Demut zu erfahren. Nach dem Gebet bin ich nicht mehr der Mensch, der ich vorher war."
Khorchide sieht zwei Verständnisse von Scharia: eine Ansammlung von Gesetzen, Befehlen, Instruktionen, die den Menschen von außen aufgesetzt werden und unhinterfragt befolgt werden müssen, sonst droht die göttliche Strafe. Oder man versteht Scharia als innere Haltung des Individuums und auch der Gesellschaft auf dem Weg zu Gott hin. "Diese Haltung drückt sich aus in dem Vertrauen des Menschen auf Gott und widerspiegelt sich im Verhalten in der Gesellschaft. Was uns zu Gott bringt, ist das geläuterte Herz – ein individueller Weg. Wenn es um das Kollektiv geht, ist es die Gerechtigkeit, eine gerechte Gesellschaftsordnung. Das Läutern des Herzens beginnt mit Selbsterkenntnis, seine Schwächen und Stärken in einem lebenslangen Prozess zu erkennen."
Zu den im Koran erwähnten drei Körperstrafen sagt der Reliongspädagoge: "Es stellt sich die Frage: Sehe ich die Strafe als Selbstzweck, ich diene Gott damit? Gott will, dass ich Menschen ihre Hände abhacke, wenn sie stehlen. Oder ich sehe, dass dies die Sanktion in vorislamischer Zeit war. Der Koran hat nichts Neues erfunden, er betont nur die Gerechtigkeit. Früher war es üblich, dass nur schwache Menschen sanktioniert wurden, die Reichen und Stammesanführer konnten tun und lassen, was sie wollten. Wenn ich es so verstehe, dass Diebstahl sanktioniert werden soll, um eine gerechte Gesellschaftsordnung zu erreichen, dann weiß ich, es geht um dieses Prinzip. Wie ich da hinkomme und es verwirkliche, ist keine religiöse Frage mehr." Khorchide gibt Menschen wie den Salafisten, die alles wortwörtlich nehmen, folgendes Beispiel: "Es steht in der 18. Sure: ‚Pferde und Esel sind als Transportmittel vorgesehen.’ Warum fährt ihr Autos, es ist ja verboten. Darauf sagen sie: Das war damals. Ich frage dann: Warum sagt ihr das nicht auch, wenn es um Körperstrafen geht? Warum bleibt ihr in der Argumentation nicht konsequent?" Wichtig sei das Ziel und nicht die Mittel, die hinführen. Das sei die Lesart, die sich immer stärker durchsetze, die historische Kontextualisierung. "Es geht um die Prinzipien, die übertragen werden, und nicht um die Maßnahmen dorthin. Scharia ist eine gerechte Gesellschaftsordnung und nicht ein juristischer Maßnahmenkatalog", betont Mouhanad Khorchide.
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Mouhanad Khorchide Scharia - der missverstandene GottDer Weg zu einer modernen islamischen Ethik
2014, Verlag Herder ISBN: 978-3451309113
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