Mitleid, Ärger oder Wegschauen: Wie gehen wir mit Bettlern um?
Mitleid, Ärger oder Wegschauen: Wie gehen wir mit Bettlern um?
Europa gilt als Hochburg des Wohlstands. Nicht alle profitieren von diesem Reichtum und "zeigen" ihre Armut in Österreichs Städten. Wie umgehen mit Bettlern? Dazu spricht Klaus Schwertner, der Generalsekretär der Caritas Wien, im Sonntags-Interview.
Gibt es heute mehr Bettler als etwa noch vor 20 Jahren?
Klaus Schwertner: Das ist schwer zu sagen. Nachdem diese Menschen keinerlei Anspruch auf Sozialleistungen in Österreich haben, scheinen sie in den Statistiken nicht auf. In der täglichen Arbeit nehmen wir einen Anstieg wahr. Die Zweite Gruft – ein Haus der Caritas für obdachlose EU-Bürger – ist voll belegt. In der Gruft in Wien-Mariahilf haben wir im Vorjahr knapp 100.000 warme Mahlzeiten ausgegeben – so viele wie nie zuvor. Das heißt: Der Druck auf die Menschen steigt. Auch Mütter mit Kindern sind von dieser Entwicklung zunehmend betroffen.
Hat sich das Bild des Bettlers/der Bettlerin in Österreich gewandelt?
Klaus Schwertner: Armut hat heute sehr viele Gesichter. Betteln ist die sichtbarste Form der Armut. Hier sind neue Entwicklungen spürbar. Europa mag heute der wohlhabendste Kontinent der Welt sein. Aber an Orten wie der Zweiten Gruft der Caritas in Wien 18 wird deutlich, dass längst nicht alle von diesem Wohlstand pro tieren. In der Ukraine liegen die Mindestlöhne bei 100 Euro. In Ungarn wurden Sperrzonen für Obdachlose beschlossen, eine der größten Städte Serbiens. Menschen aus diesen Ländern verlassen ihre Heimat, weil sie zu Hause keine Zukunft sehen. Sie stranden in unseren Einrichtungen, in den Wärmestuben der Pfarren oder in den Wärmestuben deutscher und französischer Städte. Die Angebote der Caritas und der Pfarren sind oft die ersten und nicht selten die letzten Anlaufstellen für diese Menschen – in Österreich, aber auch in Ländern wie der Republik Moldau, in Bulgarien und Rumänien.
In der Innenstadt trifft man oft innerhalb einer kurzen Strecke auf mehrere Bettler? Wie soll man damit umgehen?
Klaus Schwertner: Jeder Mensch entscheidet für sich, ob er etwas geben möchte. Manchmal kann eine freundliche Geste, ein Gruß oder etwas Zeit, um sich mit dem Menschen zu unterhalten, hilfreich sein. Es ist wichtig, Menschen, die betteln, wahrzunehmen und sich die Frage zu stellen: Wie viel kann ich geben? Wem möchte ich geben? Grundsätzlich sind wir als Caritas überzeugt: Einen anderen Menschen direkt um Hilfe zu bitten, muss erlaubt sein. Der öffentliche Raum muss auch notleidenden Menschen gehören. Sichtbare Armut ist uns allen zumutbar. Es muss darum gehen, die Armut zu bekämpfen und nicht die Armen. Betteln ist Ausdruck für eine extreme Notlage mit unterschiedlichsten Facetten. Bettelverbote ändern nichts an der sozialen Notlage der BettlerInnen. Im Gegenteil: Durch eine Kriminalisierung werden sie wiederum in ihrer
Würde verletzt. Die Armut bleibt. Menschen betteln aus Verzwei ung. Wenn ihnen diese Möglichkeit genommen wird, muss befürchtet werden, dass das Geld anders beschafft werden muss.
Junge Bettlerinnen aus Osteuropa gehen z.B. in die Anbetungskapelle im Dom, sprechen die Beter direkt in der Kirchenbank an. Wie soll man da reagieren?
Klaus Schwertner: Respekt ist keine Einbahnstraße. Klar ist, dass man auch von bettelnden Menschen ein gutes Miteinander einfordern darf und soll – gerade auch an Orten der Stille und des Gebets.
Immer wieder hört man von straff organisierten Bettlerbanden – ist Geld zu geben hier nicht kontraproduktiv?
Klaus Schwertner: Diese Diskussion begleitet uns seit vielen Jahren. Mir ist nur eine Verurteilung in Österreich im Zusammenhang mit Betteln und Menschenhandel bekannt. Mit dem ständig propagierten Bild der Bettelmafia ist das nicht vereinbar. Selbst dann, wenn diese ausbeuterischen Strukturen bestehen – in Einzelfällen ist dies nicht auszuschließen – ist es widersinnig, die Opfer zu bestrafen und nicht die Täter. Die Unsicherheit, ob Hilfe wirklich sinnvoll ist, lässt sich nie ganz ausräumen. Letztlich sollte jede und jeder aber sein oder ihr Herz sprechen lassen.
Wie kann mit dem Thema "Betteln" in den Pfarren umgegangen werden?
Klaus Schwertner: In der Erzdiözese Wien werden hier sehr positive Schritte gesetzt. In den vergangenen Jahren sperrten in den Wintermonaten die Wärmestuben auf. Es gibt Informationsabende in den Pfarren zum Thema Bettelei und jüngst wurden 20.000 Folder in die Pfarren geschickt, um seriös und im Einklang mit dem Evangelium auf das
Thema aufmerksam zu machen.
Wie kann Bettlern eine "rechtmäßige Arbeit" ermöglicht werden?
Klaus Schwertner: Das einzige, was wir alle tun können, ist, direkt zu helfen – vor Ort in den Herkunftsländern und hier bei uns. Es braucht Aufmerksamkeit, teilen und ein Stück internationaler Gerechtigkeit. Wenn das vereinte Europa ein soziales sein soll, brauchen wir neben der Bankenunion auch eine Solidaritätsunion. Als Caritas fordern wir auch
soziale Maastricht-Kriterien für die Menschen, die hier leben.
Bettlerinnen und Bettler kommen immer öfter auch in Pfarren und bitten dort um Hilfe. "Bettelerinnen und Bettler lösen meist Emotionen in uns aus, oft auch Unsicherheiten verbunden mit der Frage 'Soll ich etwas geben oder nicht?'", weiß Kerstin Schultes, Regionalbetreuerin im Vikariat Wien-Stadt, von der Caritas. Das Thema sei mit Vorurteilen, Halbwissen und einseitiger medialer Darstellung verbunden. "Uns ist es wichtig, hier auch innerhalb der pfarrlichen Caritasarbeit einen starken Gegenpart zu setzen", so Schultes. Ziel sei es, dass sich Menschen mit dem Thema und den dahinterstehenden Menschen und Geschichten auseinandersetzen.
Die PfarrCaritas bietet auch einen Bildungs- und Sensibilisierungsabend sowie ein Handout ("Umgang mit BettlerInnen") für Pfarren und andere. Kerstin Schultes: "Wir kommen in die Pfarre, geben einen Impuls und diskutieren im Anschluss mit den TeilnehmerInnen."
Ab Ende November gibt es unter diesem Titel einen gemeinsamen Folder von Katholischer Aktion der ED Wien, Pastoralamt der ED Wien, KSÖ und PfarrCaritas der Caritas der ED Wien. Dieser Folder enthält Inputs rund um den persönlichen Umgang mit BettlerInnen und wird Pfarren zum Verteilen und Au egen zur Verfügung gestellt. "Der Folder macht mit einfachen Worten auf das Thema aufmerksam, gibt Informationen und möchte für das Thema sensibilisieren", so Kerstin Schultes.
Für nähere Information oder einen Infoabend steht Kerstin Schultes, PfarrCaritas und Nächstenhilfe, unter 01/51 553 3677 gern zur Verfügung.