Ein Mann sitzt in der Mariahilfer Straße, ein alter Mann, in der prallen Sonne. Er hat keine Beine. Mit seinen verkrüppelten Händen stützt er sich auf das Pflaster.
Ein Mann sitzt in der Mariahilfer Straße, ein alter Mann, in der prallen Sonne. Er hat keine Beine. Mit seinen verkrüppelten Händen stützt er sich auf das Pflaster.
Sabine hat eine Wohnung, Arbeit und relativen Wohlstand. Ivan hat nichts von dem. Sein einziges Kapital sind seine fehlenden Beine, das erregt manchmal Mitleid und lässt ein paar Münzen in seine Kappe klimpern. Der Bettler Ivan hat Sabine berührt.
Ein glühend heißer Sommertag. Auf der Mariahilfer Straße gehen Menschen ihrer Wege, schauen in Auslagen, auf ihre Telefone. Manche Blicke verirren sich zum Boden und wenden sich sofort wieder ab. Ein Mann sitzt hier, ein alter Mann, in der prallen Sonne. Er trägt ein schwarzes Sakko, das über den Boden hängt. Wo das Sakko endet, endet auch der Mann. Er hat keine Beine. Mit seinen verkrüppelten Händen stützt er sich auf das Pflaster.
"'Was ist das?', habe ich gedacht", erinnert sich Sabine Beck, "das ist ein Mensch!" Die junge Frau wendet den Blick nicht ab – und fängt den seinen auf. "Er hat mich angeschaut und mit einer verkrüppelten Hand auf seinen Mund gedeutet", erzählt sie, "ich hab' alles fallen lassen und ihm zu trinken gegeben. Er hat eine Flasche in einem Zug geleert. Dann habe ich ihm etwas zu essen gekauft und ihn gefüttert. Er hat zu weinen angefangen. Ich auch."
Die ungewöhnliche Szene lockt Geschäftsinhaber auf die Straße. Der Mann sitze jeden Tag hier, berichten sie, manchmal falle er um. Sabine ist fassungslos. Sie telefoniert herum und erfährt, der Bettler namens Ivan ist vielen Organisationen bekannt. Aber, so heißt es einhellig, man könne nichts tun. "Ich hab' eine wahnsinnige Wut gehabt", so Sabine, "morgen wird es noch heißer und dieser Mann stirbt vielleicht, auf einer der größten Einkaufsstraßen Wiens, in einer der reichsten Städte Europas."
Dieser Gedanke ist ihr unerträglich. Die Mutter einer siebenjährigen Tochter besucht Ivan nun jeden Tag, gibt ihm zu essen und zu trinken. Sobald sie sich zu dem Bettler auf den Boden setzt, bleiben Leute stehen, fragen nach und wollen auch helfen. "Einmal kam eine Gruppe junger Leute auf uns zu", erzählt Sabine, "ein Bursche sagte zu mir: 'Allah oder welcher Gott auch immer segne sie.'"
Gemeinschaft wächst
Im Internet schreibt Marketingprofi Sabine Beck nieder, was sie bewegt. Das Echo ist enorm. Eine große Gemeinschaft bildet sich, die Ivan unterstützen will. Einer bringt Frühstück, einer Getränke, jemand organisiert einen Sonnenschirm. Mancher hat Kontakte, die weiterhelfen, andere dolmetschen.
"Ich möchte nach Hause", ist das erste, das Ivan sagte. Nach Hause, das ist eine große Familie in einem bulgarischen Dorf. Wo seine Frau begraben ist, Ivan seine Kinder großzog und arbeitete, bis durch eine Krankheit seine Beine abstarben und seine Hände verkrüppelten. Rente gab es für ihn keine. Betteln war die einzige Option.
"Ich habe sehr, sehr große Skrupel, Ivan in die Armut zurückzubringen", sagt Sabine, "mir persönlich wäre es lieber, ihn in Wien gut versorgt zu wissen - da hatte ich eine Möglichkeit in Aussicht. Aber seinen Wunsch muss ich respektieren."
Sabine beginnt, Spenden zu sammeln, Geld für den Flug und Ivans Versorgung in seiner Heimat, Winterkleidung, Spielsachen. Einen Rollstuhl spendet ein Fachhändler aus Köln, für den Transport bieten sich zwei Stewardessen, ein Pilot, ein Bahnangestellter, ein Fuhrunternehmer und eine Frau aus Wien an, die das Benzingeld eigens gespart hat. Schließlich bringt ein Wiener den Rollstuhl seines verstorbenen Vaters vorbei. "Ich habe gemerkt: Die Leute wollen helfen, und die Welt ist kein so schlechter Ort."
Es geht nach Hause
Die letzte Zeit vor der Abreise verbringt Ivan im Krankenhaus. Eines Tages kann Sabine ihm sagen, dass er tatsächlich zu seiner Familie kann. "Das war einer der ergreifendsten und glücklichsten Momente. Ivans ganzes Gesicht hat sich verändert, dieses faltige Gesicht mit dem zahnlosen Mund hat gestrahlt." Der alte Mann sagt nur einen Satz, immer wieder den gleichen Satz: „Du sollst für immer glücklich und gesegnet sein.“ Von nun an fragt er jeden Tag: "Wie oft muss ich noch schlafen?" Dann geht es los, eine österreichische Fluglinie spendiert die Tickets, eineinhalb Stunden später sind Ivan, Sabine und ein Begleiter in Bulgarien. Den Heimatort des 75-Jährigen findet das Navigationssystem des Mietautos nicht. "Kein Wunder", meint die Dolmetscherin: "Romasiedlung".
Am Rande einer pittoresken Ortschaft mit Wellnesshotels ist Ivans Heimat. "Ich war schon in einigen Slums auf der Welt, aber hier war ich in Schockstarre", schildert Sabine, "ich habe nicht gewusst, dass die Dritte Welt so nahe ist."
In den steilen Straßen aus Müll kommt das Auto nicht weiter, ein Pferdekarren wird organisiert. Rund siebzig Menschen heißen Ivan willkommen, umringen seine Begleiter, umarmen, küssen und bekreuzigen sie. Ivans Sohn kommt angelaufen und schließt seinen Vater in die Arme. Es wird viel gelacht und geweint.
In der Siedlung gibt es keine Kanalisation. Wasser tragen die Frauen in alten Plastikflaschen in die Häuser. Strom hat die schäbigste Hütte, und überall läuft der Fernseher, der eine schöne Welt anderswo vorgaukelt. Während sich alle über die mitgebrachten Sachen freuen, ist Sabine zum Heulen. "Ich hab gesehen, was alles zu tun wäre und hab‘ totale Ohnmacht gefühlt."
Sabine erzählt, dass viele Menschen geholfen haben, damit Ivan nach Hause kann. Sie bittet seine Familie, gut auf ihn aufzupassen. Bevor sie ein paar Tage später abreist, übergibt sie die gesammelten Spenden, kauft ein Handy und verspricht wiederzukommen.
„Wenn ich in dieser Siedlung aufgewachsen wäre, dann hätte ich von klein auf einen einzigen Gedanken: Wie komme ich von hier weg?“, ist Sabine überzeugt. Seit sie das Elend gesehen hat, macht sie eines sehr wütend: "Die Arroganz zu sagen: 'Dem geb´ ich nichts, der gehört zur Bettelmafia.' Das sind einfach ganz, ganz arme Menschen, und wir haben die Pflicht, ihnen zu helfen." Nicht für jeden kann eine Hilfsaktion gestartet werden, weiß Sabine Beck: "Ivan ist ein Einzelschicksal. Die Armutsmigration wird zunehmen. Wir müssen daran arbeiten, den Menschen in ihrer Heimat zu helfen." Darüber macht sie sich zur Zeit viele Gedanken. Denn ihre Geschichte mit Ivan ist nicht zu Ende. Es war der Beginn.
Webseite:"Der Sonntag"
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