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06.11.2014

DDR: Gelebter Glaube war immer riskant

Klassischer Leninplatz - kein Platz für gläubige Christen.

Vor 25 Jahren begann das Ende der DDR. Wie war das Leben der Katholiken in diesem Staat? Eine Zeitzeugin erzählt.

Am Abend des 9. November 1989 war die Mauer, die Berlin seit 1961 in Ost und West trennte, Geschichte. Mit dem Ende der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) kam nicht nur die Reisefreiheit, sondern auch die Religionsfreiheit wieder zurück, Diese existierte zwar auf dem Papier laut Verfassung, ihr faktisches Fehlen bekamen viele bekennende Christen mit zahlreichen Sanktionen schmerzlich zu spüren.
Wer sich nicht zur Weltanschauung der Arbeiterklasse bekannte, indem er oder sie nicht am Ritual der Jugendweihe, dem Gegenstück zur Firmung bzw. Konfirmation, teilnahm, war Staatsbürger zweiter Klasse. Die Entwicklung dieser jungen Menschen in der Gesellschaft des "Arbeiter- und Bauernstaates" war eingeschränkt.

 

"Wir sind das Volk"

Religion spielte bei der Überwindung des kommunistischen Regimes in Ostdeutschland eine besondere Rolle. Die protestantische Minderheit in der DDR war die treibende Kraft mit ihren Gebetsversammlungen in den Kirchen wie in der Leipziger Nikolaikirche, die dem Fall der Berliner Mauer, der Öffnung der innerdeutschen Grenze, vorausgingen. Die Katholiken hatten den SED-Staat wie kaum eine andere Gruppe innerlich abgelehnt und sich an den Friedensgebeten in den evangelischen Kirchen beteiligt, die häufig Forumscharakter hatten.


Ab September 1989 waren die montäglichen Massendemonstrationen nach dem Friedensgebet in den Leipziger Kirchen fester Bestandteil der „Friedlichen Revolution“. Mit dem Ruf "Wir sind das Volk" meldeten sich Woche für Woche Tausende DDR-Bürger zunächst in Leipzig, später in anderen Städten zu Wort und protestierten gegen die politischen Verhältnisse.


Die katholische Kirche auf dem Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik befand sich seit der Reformation in einer Diasporasituation. Ausnahmen bildeten die bis heute katholisch geprägten Gebiete des Eichsfeldes, der thüringischen Rhön und der sorbischen Oberlausitz.


Infolge des Zweiten Weltkrieges kamen zu 1 Million Katholiken in diesem Bereich 1,5 Millionen katholische Flüchtlinge und Vertriebene hinzu. Diesem Anwachsen war man zunächst kaum gewachsen. Unter schwierigsten Bedingungen wurden seelsorgliche Lösungen gesucht. So entstanden zahlreiche neue Gemeinden. Bis heute gilt, dass die katholische Kirche in Mitteldeutschland entscheidend von Flüchtlingen geprägt ist.

Viele Christen im Ort

"In dem Ort, in dem ich aufgewachsen bin, Herrnhut in der Oberlausitz, Sachsen, gab es bis zum Zweiten Weltkrieg gar keine Katholiken, weil der Ort von der Herrnhuter Brüdergemeine bewohnt war“, erzählt Christine Mitter, die in der "Kontaktstelle für Ausgetretene" der Erzdiözese Wien tätig ist. Ihre Mutter kam als Flüchtling aus Schlesien, ihr Vater stammte aus dem Sudetenland. Die ersten Jahre feierten die Katholiken ihre Messen in einem Schulzimmer, später wurde aus einer leerstehenden Tischlerei eine bescheidene Kirche erbaut, größtenteils durch Eigenbau und Spenden. Sie ist dem heiligen Bonifatius geweiht. "Ein zentraler Punkt war immer die Kirche und der Glaube, das haben uns die Eltern vermittelt“, so Mitter. "Auch das Bewusstsein, dass wir irgendwie anders sind."


Die kirchliche Gemeinschaft war familiär und jeder kannte jeden. In den Gottesdienst gingen nur Menschen, denen der Glaube etwas bedeutete, denn man hat damit auch etwas riskiert. „Danach hat man noch lange draußen geplaudert. Es war alles sehr persönlich. Der Priester hat auch sehr am Leben der Gläubigen teilgenommen und ist oft in die Familien gekommen.“ Öffentliche Gottesdienste wie Fronleichnam oder andere Prozessionen waren verboten. Die Kinder wurden in der Pfarre unterrichtet. Im Kleinkindalter gab es die "Frohe Herrgott-Stunde", in den Sommerferien die "Religiöse Kinderwoche".


Christine Mitter erinnert sich an eine sehr aktive Jugendarbeit mit Kontakten in den Westen, vielen Festen und Tanzveranstaltungen. "Unser Dekanat Zittau hatte als Partnergemeinde Nürnberg. Jugendliche aus Nürnberg kamen regelmäßig zu uns und wir verbrachten Urlaube mit ihnen in Ungarn. In der Schule hatten wir als Katholiken mit Nachteilen zu rechnen, da wir die Mitgliedschaft bei den 'Jungen Pionieren' und die 'Jugendweihe' verweigerten." Wer keine Jugendweihe machte, durfte auch nicht die Matura machen. Mitter konnte nur eine Studienberechtigungsprüfung ablegen.


Völlig überraschend

Als etwas völlig Überraschendes und ein Wunder bezeichnet Mitter, die seit 1987 in Österreich lebte, die Öffnung der Berliner Mauer. "Erst am nächsten Tag habe ich es in den Frühnachrichten aus meinem Weckerradio erfahren. Ich bin wie eine Feder vom Bett aufgesprungen. Das Ganze war irgendwie irreal. Das Groteske daran: Einer meiner Brüder hat sieben Jahre lang einen Ausreiseantrag gestellt. Wenige Tage vor dem 9. November bekam er den positiven Bescheid."

erstellt von: Der Sonntag / Markus Langer
06.11.2014
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