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31.01.2010

Gewaltbereit

Die Gefahr des Gewaltmissbrauchs lauert seit eh und je im Menschenherzen. Sie muss immer neu gezähmt, beherrscht und überwunden werden.

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn

zum Evangelium 4. Sonntag im Jahreskreis,

31. Jänner 2010 (Lk 4,21-30)

In unserer Gesellschaft steigt die Gewaltbereitschaft. Diesen Eindruck haben viele Menschen. Aber stimmt er? Sicher ist eines: Viele Bilder von brutaler Gewalt strömen heute auf alle ein, die sich „Action“-Filme ansehen, Video-und Computerspiele konsumieren. Wie viele Film-Tote gibt es jeden Abend in den vielen Fernsehkanälen, die heute in fast allen Haushalten verfügbar sind!

 

Das wirkt sich auf das Verhalten besonders der Kinder und Jugendlichen aus: Gewalt im Schulhof, am Schulweg. Es fehlt das Gespür für die Grenzen, weil die Kinder in den Medien eine grenzenlose Gewalt vorgespielt bekommen.

 

Ja, die Sorge um die Zunahme von Gewalttätigkeit ist berechtigt. Aber sie darf auch nicht zur

Panikmache führen. Die Gefahr des Gewaltmissbrauchs lauert seit eh und je im Menschenherzen. Sie muss immer neu gezähmt, beherrscht und überwunden werden. Die Bibel sagt uns sehr genau, woher die Neigung von uns Menschen kommt, gewalttätig zu werden. Schon die Ermordung Abels durch seinen Bruder Kain, auf den ersten Seiten der Bibel, zeigt uns, wie tief der Hang zur Gewalt in uns drinnen sitzt. Das heutige Evangelium zeigt uns einen besonderen Aspekt der Gewaltbereitschaft. Mich erschüttert und erschreckt es, wie leicht Begeisterung in Hass umschlägt, wie schnell aus einer freudigen Stimmung ein Ausbruch mörderischer Gewalt werden kann.

 

In Nazareth, in seiner Heimat, ist an diesem Sabbat alles in gespannter Erwartung. Der Zimmermann Jesus, der Sohn der Maria, ist aus Nazareth weggezogen, hinunter an den See Genezareth. Sein Leben hat sich plötzlich ganz unerwartet geändert. Er hat seinen Beruf aufgegeben und angefangen, überall zu predigen und die Leute zur Umkehr  aufzufordern. Die Menschen kamen in Scharen, ihn zu hören. Aber mindestens so anziehend wie sein Wort waren seine Heilungen. Das sprach sich schnell herum. Wirklich Erstaunliches, Unglaubliches erlebten die Leute. Aussätzige wurden geheilt, Lahme konnten wieder gehen, Blinde sehen, Stumme reden. Ja sogar Tote soll er auferweckt haben.

 

Und nun war er wieder daheim. Und viele fragten sich insgeheim: Wird er auch bei uns spektakuläre Wunder „vorführen“? Von seinem Auftreten, seinen Worten  sind alle beeindruckt: Wie er kraftvoll redet, unser Zimmermann!

 

Aber da tut Jesus etwas völlig „Unkluges“. Er sagt ihnen zwei Botschaften, mit denen er sie völlig vor den Kopf stößt: Zuerst sagt er ihnen klipp und klar, dass er ihnen keine „Show“ bieten wird, ein Sensationswunder nach der Art eines großen Zauberers. Und dann erinnert er sie daran, dass schon seinerzeit die großen Propheten, Elija und Elischa, ihre großen Wunder an Ausländern gewirkt haben, an Fremden, nicht an Einheimischen.

 

Mehr hat es nicht gebraucht! Plötzlich sind die begeisterten Landsleute, die eben noch so stolz auf ihren inzwischen berühmten Mitbürger waren, von Hass so erfüllt, dass sie ihn lynchen, umbringen wollen. Gewaltbereit! Alles kommt da zusammen: Gekränkter Stolz, Ausländerfeindschaft, und schließlich nur mehr blinde Wut, die selbst zum Mord bereit ist. Was für ein Lehrstück für uns alle! Eine Warnung - das steckt alles in uns als lauernde Gefahr.

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Evangelium für den 4. Sonntag im Jahreskreis, 31.1.2010, (Lk 4,21-30)

In jener Zeit begann Jesus in der Synagoge in Nazaret darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.

 

Seine Rede fand bei allen Beifall; sie staunten darüber, wie begnadet er redete, und sagten: Ist das nicht der Sohn Josefs? Da entgegnete er ihnen: Sicher werdet ihr mir das Sprichwort vorhalten: Arzt, heile dich selbst! Wenn du in Kafarnaum so große Dinge getan hast, wie wir gehört haben, dann tu sie auch hier in deiner Heimat!

 

Und er setzte hinzu: Amen, das sage ich euch: Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt. Wahrhaftig, das sage ich euch: In Israel gab es viele Witwen in den Tagen des Elija, als der Himmel für drei Jahre und sechs Monate verschlossen war und eine große Hungersnot über das ganze Land kam. Aber zu keiner von ihnen wurde Elija gesandt, nur zu einer Witwe in Sarepta bei Sidon. Und viele Aussätzige gab es in Israel zur Zeit des Propheten Elischa. Aber keiner von ihnen wurde geheilt, nur der Syrer Naaman.

 

Als die Leute in der Synagoge das hörten, gerieten sie alle in Wut. Sie sprangen auf und trieben Jesus zur Stadt hinaus; sie brachten ihn an den Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt erbaut war, und wollten ihn hinabstürzen.

 

Er aber schritt mitten durch die Menge hindurch und ging weg.

 

 


 

Weiterführende Informationen:

 

  • Mehr Informationen über Kardinal Schönborn.
  • Mehr Texte über die Heilige Schrift.

 

 

Fragen an Kardinal Schönborn?

 

  • per Video auf www.fragdenkardinal.at
  • an sein Sekretariat.

 

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