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13.06.2022 · Kardinal

Schönborn: "Beziehung gelingt nur dort, wo man seine Wunden zeigt"

Kardinal Schönborn: "Erst wenn man seine Wunden zeigt, kann Beziehung entstehen. Mit dem eigenen Hochglanzcover geht das nicht."

Kardinal und Schauspielerin Stemberger lieferten im "Lange Nacht"-Talk in Wien "ziemlich beste Geschichten" zur Überwindung von Hoffnungs- und Sprachlosigkeit.

Ein Abend, der mit "ziemlich besten Geschichten" über Begegnungen und das Aufeinander-Angewiesensein zum Einsatz gegen Hoffnungslosigkeit einlud, war die diesjährige "Lange Nacht der Kirchen" im Wiener Figlhaus. Auf Einladung der hier wirkenden Gemeinschaft Emmanuel traf dabei Kardinal Christoph Schönborn auf die Schauspielerin Katharina Stemberger sowie auch Bestsellerautor Philippe Pozzo di Borgo, der allerdings nur mit einer Video-Einspielung aus Marokko präsent sein konnte. "Wir können den Ukrainekrieg vielleicht nicht beenden, doch wir können helfen und müssen dafür das Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit überwinden", so eine von Stemberger - die auch UNESCO Botschafterin und Vorstandsvorsitzende des Wiener Integrationshauses ist - formulierte Botschaft des Treffens.

 

Der Autor Philippe Pozzo di Borgo - selbst "nicht gläubig, aber sehr verbunden mit Menschen, die glauben" - nannte als Vorbild für den Beitrag zum Frieden Simon von Cyrene: Jenen aus dem Ausland stammenden Feldarbeiter, der dem ihm zuvor unbekannten Jesus von Nazareth auf Geheiß der römischen Soldaten das Kreuz tragen half. "Wichtig ist, innerlich ruhig und still zu werden, einen Schritt aus sich selbst heraus zu machen, sich selbst vergessen zu können und den anderen in seiner Andersheit, Verletzbarkeit und Fragilität wahrzunehmen, und die Absicht haben, für den anderen etwas zu tun", so der selbst querschnittsgelähmte Verfasser von "Ziemlich beste Freunde".

 

Die Geschichte von seinem im Dezember verstorbenen Studienfreund, der seit einem Badeunfall in der Kindheit ebenfalls querschnittsgelähmt war, steuerte Kardinal Schönborn bei. Als 18-Jähriger sei Jörg - selbst evangelisch - in einem römischen Krankenhaus zwischen Leben und Tod gestanden und habe dem Krankenhausseelsorger "Grüße an den Papst" aufgetragen, der damals Johannes XXIII. war. Letzterer habe tatsächlich geantwortet, wenig später seinen Sekretär ans Krankenbett geschickt und sei mit ihm nach dessen Übersiedlung nach Deutschland über den dortigen Nuntius bis zu seinem Lebensende in Kontakt geblieben. Sein Studienfreund, der später trotz seines Handicaps die Uni abschloss, heiratete und erfolgreicher Firmengründer wurde, habe auch durch sein Leben eine starke Botschaft übermittelt, sagte Schönborn - und "mein eigenes Leben mitgeprägt".

 

Menschen der Umgebung wahrnehmen

"Blühe, wo du gepflanzt bist", so das Rezept von Katharina Stemberger gegen "Irrsinn, Brutalität und Hilflosigkeit". Sie selbst bemühe sich, auf Filmsets alle Menschen um sich wahrzunehmen und dabei mitunter ihre Professionalität abzulegen: "Wenn ich merke, dass mit dem Fahrer, der mich täglich abholt, etwas nicht stimmt, so muss ich auf der Fahrt draufkommen, was sein Problem ist - und schaffe es manchmal, dass dann beim Aussteigen froher ist", so die Mimin. Selbst jene aus ihrem Team, die sich normalerweise als "Feldwebel" benähmen, hätten mitunter das Bedürfnis, nach dem Befinden gefragt, umarmt oder mit Schokolade versorgt zu werden. "Es ist so einfach und auch so entscheidend, dass wir einander zuhören und uns als Teil eines Ganzen begreifen", so Stemberger.

Von seinem Chauffeur erzählte auch Kardinal Schönborn - und erwähnte, dieser habe Stunden zuvor gerade seinen Abschied aufgrund der Pensionierung gefeiert. Mit seinem langjährigen Angestellten sei er tief verbunden, sagte der Wiener Erzbischof, der seine eigene schwere Erkrankung 2019 als Schlüsselmoment dafür bezeichnete: "Als ich damals einen Lungeninfarkt hatte, war er es, der mich gezwungen hat, ins Spital zu gehen", würdigte Schönborn seinen Fahrer. Auch ein anderes unvorhergesehenes Ereignis - die Corona-Pandemie - habe ihn näher zu Menschen seines direkten Umfeldes gebracht, nämlich seiner Hausgemeinschaft. Die Pandemie sehe er dadurch im Rückblick persönlich auch als "Segen" - wiewohl ihm bewusst sei, wie große Belastungen sie für viele Menschen und Beziehungen zugleich auch gebracht habe.

 

Umgang mit Shitstorms

Öfters habe er im Zuge der Coronakrise auch feststellen müssen: "Manche Menschen denken ganz anders", so das Fazit des Kardinals zu den Empörungen und "Shitstorms" aufgrund der Position der Bischöfe zur Impfpflicht sowie auch infolge der einstigen Stephansdom-Impfstraße. Er habe die heftigen Reaktionen als sehr belastend erlebt.

 

Stemberger berichtete von ähnlichen Erfahrungen infolge ihres politischen Engagements für Flüchtlinge an der EU-Außengrenze. Sie habe einen Umgang damit gefunden, erklärte die Schauspielerin: "Ich setzte mich hin und schrieb eineinhalb Tage jedem einzelnen zurück, also etwa: 'Sie schreiben, ich wäre ein Volltrottel. Können Sie sich näher erklären?" Jeweils ein Drittel der Adressaten sei untergetaucht, habe sich entschuldigt oder habe versucht, einen Dialog zu führen, so das Ergebnis. "Wichtig ist, mit offenem Visier zu sagen: Du tust mir weh - willst du das wirklich? Die meisten wollen das nicht. Wichtig ist, dass man sich verletzlich macht." Hier hakte Schönborn ein: "Erst wenn man seine Wunden zeigt, kann Beziehung entstehen. Mit dem eigenen Hochglanzcover geht das nicht."

 

Hirt und schwarzes Schaf

Ein Brückenschlag zwischen den beiden Podiumsteilnehmern - die sich zuvor nie begegnet waren - bildete auch Stembergers Bericht von ihrer Reise ins Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Lesbos im Dezember 2020 kurz nach dessen Brand, gemeinsam mit dem Bischof Hermann Glettler. Vor Ort wurde Stemberger, selbst vor 30 Jahren aus der Kirche ausgetreten, damals vom Innsbrucker Oberhirten eingeladen, am Gottesdienst zum Festtag Mariä Empfängnis (8. Dezember) teilzunehmen. Die Botschaft der Predigt der unmittelbar an der Hafenmole auf zwei Bierkisten gehaltene Messe habe sie tief berührt, so die Mimin, nämlich: "Es geht darum, zu einer Sache 'ja ohne aber' zu sagen." Sosehr habe der Bischof sie "gewonnen", dass sie ihm - mittlerweile war man per-Du - gesagt habe: "Ich weiß, dass ich ein total schwarzes Schaf bin - aber du darfst nicht aufgeben", so Stemberger, und dem komme er auch nach.

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