Gedanken zum Evangelium von Kardinal Christoph Schönborn zum Fest Epiphanie, am 8. Februar 2026.
Salz ist selbst keine Speise, aber ohne Salz ist jede Speise geschmacklos. Salz ist kein Nahrungsmittel, sondern ein Zusatz. Zu viel Salz macht das Essen ungenießbar, zu wenig Salz macht es fad. Auf das rechte Maß kommt es an. Das wissen alle, die kochen, und ebenso alle, die das Gekochte essen dürfen. Was will Jesus sagen, wenn er von seinen „Followern“, wie man heute sagt, seinen Jüngern, schlicht und einfach behauptet, sie seien „das Salz der Erde“? Es ist zuerst einmal ein Bild, dem Jesus ein weiteres hinzufügt, das nicht weniger rätselhaft ist: „Ihr seid das Licht der Welt.“ Bescheiden klingt das nicht, vor allem, wenn man bedenkt, wem Jesus das sagt: der kleinen Schar, die ihn umgibt und mit ihm geht. Der Gegensatz könnte nicht größer sein: Ein paar einfache Leute aus Galiläa, einem unbedeutenden Winkel der Welt, sollen für die ganze Erde so wichtig sein wie das Salz für die Speisen. Sie sollen nicht nur für ihre Provinz, sondern gleich für die ganze Welt das Licht sein. Ist das nicht eine maßlose Übertreibung? Eine völlige Überschätzung der wirklichen Situation?
Heute gibt es weltweit über zwei Milliarden Christen. Trifft auf sie das doppelte Bildwort Jesu zu? Sind sie Salz der Erde, Licht der Welt? An diesen Worten Jesu fällt auf, dass sie nicht als Wunsch formuliert sind, sondern als Tatsachenfeststellung: „Ihr seid das Salz ..., ihr seid das Licht ...“.
Ich bin nicht der Erste, der viel über diese Worte Jesu nachgedacht hat. Wie sind sie zu verstehen? Fördern sie eine hochmütige Haltung? Sind Christen sozusagen automatisch etwas Besseres? Haben sie es gepachtet, für alle anderen Menschen Würze und Licht zu sein? Kritisch kann man weiterfragen: Ist das eine typische Gefahr aller Religionen, dass ihre Mitglieder sich für die Erwählten und die anderen für die Verlorenen halten? Doch gibt es nicht auch ähnliche Einstellungen bei denen, die die Gläubigen für primitiv und ungebildet, sich selbst aber für die Aufgeklärten halten? Ist es nicht überhaupt das Elend unter uns Menschen, dass wir uns selber als die Besseren ansehen und auf die anderen herunterschauen?
Den Ausweg aus all diesen Fragen sehe ich in einer einfachen Überlegung. Ich nehme an, dass mein erster Satz allgemeine Zustimmung findet: „Salz ist keine Speise.“ Wozu dient es dann? Jesus gibt die Antwort: „Wenn das Salz seinen Geschmack verliert…, taugt es zu nichts mehr.“ Der Schlüssel ist das Wort „taugt“. Jesus sagt der kleinen Schar seiner Jünger und durch sie allen Menschen: Salz dient zum Würzen der Speisen. Licht dient zum Leuchten. Salz und Licht sind also kein Selbstzweck. Jesus sagt durch seine Jünger allen Menschen: Du bist kein Selbstzweck! Dein Leben dient nicht nur dir selber. Du bist Salz der Erde, Licht der Welt!
Jesu Worte sind eine riesige Ermutigung. Jeder Mensch ist für diese Welt wichtig, wie Salz für die Speisen oder Licht in der Dunkelheit. Der neue Erzbischof von Wien, Josef Grünwidl, hat das sehr schön in einer Art Leitsatz formuliert: „Nur wer innerlich brennt, kann leuchten.“ Dieses Wort wurde zum „positiven Spruch des Jahres 2025“ gekürt. Jesus ermutigt uns alle. „So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ Stellen wir also unser Licht nicht „unter den Scheffel, sondern auf den Leuchter; dann leuchtet es allen im Haus“. Fast wage ich, es so zu sagen: Sei, was du bist: Salz der Erde, Licht der Welt!
Matthäus 5,13-16
In jener Zeit sagte Jesus zu seinen Jüngern: Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr, außer weggeworfen und von den Leuten zertreten zu werden. Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. Man entzündet auch nicht eine Leuchte und stellt sie unter den Scheffel, sondern auf den Leuchter; dann leuchtet sie allen im Haus. So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen.