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27.05.2015

"Der Mensch ist ein soziales Geschöpf"

Ulrich Hemel über Wirtschaftsethik

"Der Betrieb, der in die Entwicklung der Mitarbeitenden investiert, hat einen ökonomischen Vorteil", sagt Ulrich Hemel.

Der Theologe und Unternehmer Ulrich Hemel stellt fest, dass der Mensch zwei Seiten in sich birgt: Er ist nicht nur ein rationaler Nutzenmaximierer, sondern er sucht auch sozialen Anschluss und kooperiert gerne mit anderen.

Sind Christentum und Profitstreben überhaupt vereinbar, wie ist das mit der Gewinnmaximierung?


Ulrich Hemel: Gewinnmaximierung hat einen negativen Beiklang, weil sie auf Kosten der Zukunft etwas herausholt. Deswegen sollte man schon von Gewinnorientierung, vielleicht sogar von Gewinnoptimierung sprechen. Warum? Weil ein gesundes Unternehmen in der Zukunft bestehen muss und dafür auch heute schon Investitionen braucht. Und woher kommen die Investitionen? Sie können auf Dauer nicht nur von Bankkrediten kommen, in aller Regel auch nicht nur aus dem Privateigentum der Gesellschafter. Es ist Aufgabe eines guten Unternehmens, ausreichend Gewinn zu erwirtschaften, um nachher eine hohe Eigenfinanzierungsquote zu haben.

 


Dient die Wirtschaft noch dem Menschen oder ist es nur ein Streben nach Macht und Geld?


Ulrich Hemel: Dass Wirtschaften auch dem Streben nach Geld und Macht dient, das erleben wir jeden Tag. Wirtschaften ist aber zuerst einmal das Entdecken von Bedürfnissen, die Menschen haben und die Unternehmen befriedigen können. Es birgt ebenfalls in sich eine Art Entfaltungs- und Menschenwürde-Imperativ: Der Betrieb, der in die Entwicklung der Mitarbeitenden investiert, hat einen ökonomischen Vorteil bei gleichem Gehalt und gleicher Entfernung zwischen Wohn- und Arbeitsort. Ich habe auch einen wirtschaftlichen Grund menschenwürdig zu handeln, abgesehen davon, dass es  natürlich eine ethische Begründung dafür gibt, wie wir mit anderen Menschen umgehen – und da ist die Wirtschaft keine Ausnahme.

Was bedeutet "Der Umgang mit Kapital ist der Tausch von Geld gegen Träume"?


Ulrich Hemel: Wir haben in der Wirtschaft eine starke Nutzenorientierung. Wenn ich etwas kaufe und sei es auch nur eine simple Zahnpasta oder eine Batterie für eine Fernbedienung, dann habe ich zwangsläufig eine zukunftsgerichtete Erwartung. Ich habe eine Vorstellung davon, wie ich das Gekaufte verwenden kann. Der Übergang von der Imagination zum Traum ist natürlich ganz leicht. Aber wenn ich tatsächlich sage, ich tausche Geld gegen Träume, dann gilt dies auch in ganz großen Zusammenhängen. Das sind natürlich manchmal, wenn es um große Firmenübernahmen geht, gigantische Träume, vielleicht auch Größenwahn, Träume von Macht und Egotrips usw. Das kann man in der Wirtschaftsgeschichte wunderbar sehen.

Besteht nicht die Gefahr, dass Kapital eine neue Religion wird?


Ulrich Hemel: Wir erleben einen Religionswandel in Europa und in der ganzen Welt. Für viele Menschen spielt Religion heute nicht die lebensprägende Rolle mehr. Sie gehen in ihrer persönlichen Identität auf, in dem, was sie beruflich tun. Aus diesem Zusammenhang heraus, dass Menschen ihre Sinnorientierung weniger stark als vielleicht früher in Religionen suchen, kommt dann ein solcher Spruch, dass das Kapital eine neue Religion sei. Bei einigen mag das der Fall sein, Kapital kann ein Mittel der Selbststeigerung und des Selbstausdrucks sein, weil ich zeigen kann, was ich mir leiste. Ich sehe es aber insgesamt eher als Ausdruck dieser Zeiterscheinungen und als echte Religion nur bei ganz wenigen.

Wie schwierig ist für Manager gerade  in Übergangszeiten die Diskrepanz zwischen wirtschaftlichen Notwendigkeiten und ethischen Erwägungen?


Ulrich Hemel: Güterabwägungen sind immer notwendig. Ich bin schon hochzufrieden, wenn wir dieses Wort aussprechen, denn dann erkennen wir, dass wir in Alternativen handeln können. In Konfliktsituationen ist es durchaus möglich zu sagen, was auf dem Spiel steht. Entscheidend ist, dass ich einen guten menschlichen Umgang pflege. Das nimmt jedoch von der Härte einer Güterabwägung nichts weg. Manchmal heißt es nämlich, dass ich mein Leben verändern, einen neuen Beruf suchen, in einer schwierigen Situation kämpfen oder auch mich zurückziehen muss. Güterabwägung ist ein Verfahren der Lösung bei einem ethischen Dilemma und in diesem Sinne kann man es selbstverständlich auf die Wirtschaft anwenden. Ich bin aber davon überzeugt, dass eine gute Wertehaltung, wie wir sie aus einer christlichen Inspiration haben können, tatsächlich enorm hilfreich ist. Aus einem ganz einfachen Grund: Jeder Christ weiß, dass er nicht der erste und nicht der letzte Mensch ist und dass er eine Verantwortung vor den Menschen und eben auch vor Gott hat. Das gibt schon Kraft, weil wir damit auf unseren richtigen Platz gestellt sind. Wir sehen Wirtschaft als das maximale Vorletzte, das Letzte geht weit darüber hinaus.

Sie selbst sehen Unternehmensethik in einem neuen Licht.

 

Ulrich Hemel: Es geht nicht darum, dem anderen das größte Stück Kuchen wegzunehmen, sondern gemeinsam einen Garten zu hegen und zu pflegen. Wir haben in der Wirtschaftsethik immer wieder den homo oeconomicus als Maß aller Dinge gesehen. Der Mensch ist rationaler Nutzenmaximierer, aber er ist es nicht nur. Aus unserer christlichen Tradition heraus stellen wir fest: Er ist gleichzeitig auch ein homo cooperativus – ein Mensch, der Sinn und sozialen Anschluss sucht, der gerne mit anderen kooperiert. Der Mensch trägt einfach beides in sich: die Kooperation und den Wettbewerb. In uns verbirgt sich die große Verletzlichkeit, aber auch die große Schöpferkraft. Die Aufgabe der Gesellschaft, der Philosophie, der Theologie, auch der Unternehmen ist es, dies in das richtige Maß zu setzen.

erstellt von: Der Sonntag / Markus Langer
27.05.2015
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Ulrich Hemel, geboren 1956, studierte in Mainz und Rom Katholische Theologie, Philosophie sowie Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Im Jahr 1983 promovierte er im Fach Religionspädagogik und habilitierte sich 1988 ebenfalls an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Regensburg.

Nach dem Studium war er zunächst als Unternehmensberater bei der Boston Consulting Group tätig. Danach war er Vorstandsvorsitzender der Paul Hartmann AG (2001 -2004). In dieser Funktion wurde er 2003 als "Managers des Jahres" ausgezeichnet. Anschließend wurde er Vorsitzender der Geschäftsleitung der Süddekor GmbH (2005 -2007). Sein Buch „Wert und Werte“ erhielt 2005 den Preis "Wirtschaftsbuch des Jahres" der Financial Times Deutschland.

Heute ist Hemel Inhaber einer mittelständischen Firmengruppe unter der "Strategie und Wert Beratungs- und Beteiligungs-GmbH". Darüber hinaus ist er Vorstandsvorsitzender des Forschungsinstituts für Philosophie in Hannover und außerplanmäßiger Professor für Katholische Theologie an der Universität Regensburg.


 

Buchtipp

 

Ulrich Hemel

Die Wirtschaft ist für den Menschen da

Vom Sinn und der Seele des Kapitals

2013, Patmos Verlag
256 Seiten
ISBN: 978-3-8436-0344-7

Dieses Buch online bei der Wiener Dombuchhandlung "Facultas" erstehen

 


 

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Elisabeth Birnbaums Evangeliumsauslegung zum Palmsonntag (5.4.2020)

Vorurteil oder nicht? Die Kirche ist konservativ.

Ist die Kirche zu konservativ?

Durchkreuzt: Keine Antwort auf das Warum?

Ein Gott, bei dem uns alles klar wäre, ist nicht der Gott Jesu Christi.

Auferweckung ist nicht gleich Auferstehung (Joh 11, 3-7.17.20-27.33b-45 )

Br. Günter Mayer SDB: Evangeliumsauslegung zum 7. Fastensonntag (29.3.2020)

Vorurteil oder nicht? Ignoranz und Vertuschung

Der Skandal des Vertuschens

Weihbischof Turnovszky: Unser aller Leben hat sich schlagartig verändert

Corona und die Folgen, Weihbischof Turnovszky zur aktuellen Lage und wie sich auch sein Tagesablauf verändert hat.

Fürchtet euch nicht

Vom Umgang mit der Angst

Jetzt ist die Zeit der anderen Backe

Darauf müssen wir uns einfach einstellen. Lassen wir die Unduldsamkeit an der Liebe zerschellen!

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Freude einüben, Leben schöpfen (Joh 9,1)

Barbara Ruml: Evangeliumsauslegung zum 4. Fastensonntag (22.3.2020)

Christus, Heil der Kranken...

Es ist nicht mangelndes Gottvertrauen wenn wir medizinisch vorsichtig sind

Lebendig (Joh 4,5-26. 39a. 40-42)

Markus Beranek: Evangeliumsauslegung zum 3. Fastensonntag ( 15. März 2020)

Vorurteil oder nicht? Die Kirche ist: Verstaubt oder zeitgemäß?

Ist der Glaube und die Kirche überhaupt (noch) zeitgemäß.

Nach 66 Tagen.

Ein Kind, das lebensverkürzend erkrankt, verändert eine ganze Familie und die Hospizarbeit in Österreich.

Vorurteil oder nicht?: Nur Kinder, Küche und Kirche?

Welche Rolle spielen die Frauen in der Kirche? Sind Frauen generell spiritueller als Männer?

Hoffnung und Trost aus Stein und Glas?

Es macht nachdenklich, wenn Kirchen in Zeiten von Angst und Verunsicherung gesperrt werden.

Es ist gut, dass wir hier sind! (Mt 17, 1-9)

Sr. Franziska Madl OP: Evangeliumsauslegung zum 2. Fastensonntag (8.3.2020)

„Passionswege“ durch die Fastenzeit: Völlig allein gelassen

Die Geschichte eines Missbrauchs: Mit einem Mal ist die Zeit wieder präsent. Die Ereignisse liegen 40 Jahre zurück.

Genau hinschauen (Mt 4, 1-11)

Markus Muth und Michael Haller schreiben ihre Gedanken zum Evangelium zum 1. Fastensonntag, (1. März 2020)

Vorurteil oder nicht?: Zwischen Glaube und Geld

Den gängigsten Vorurteilen gegen die katholische Kirche auf den Grund gegangen.

Österreichweite Kooperation und Digital-Abo

Neuer Online-Auftritt und wöchentliches Digital-Abo

Der SONNTAG in der Offensive

Selfie schicken und gewinnen

Hilfe für unbegleitete Flüchtlinge in Bosnien

„Pfarrnetzwerk Asyl“ hilft jugendlichen  Flüchtlingen konkret vor Ort in der Stadt Bihac.

Gesund durch den Winter mit Hildegard von Bingen. 7: Mit neuer Kraft ins Frühjahr

Expertin Brigitte Pregenzer gibt Tipps für eine wohltuende Reinigungskur, für Pollen-Allergiker und bei Frühjahrsmüdigkeit.

Gelassen pilgern durch das Weinviertel

Auf 153 Kilometern führt der „Jakobsweg Weinviertel“ von Drasenhofen nach Krems.

„Wir wollen nicht nationale Not gegen andere ausspielen“

Interview mit Andreas Knapp, Auslandshilfechef der österreichischen Caritas.

„In der Bibel ist immer Fasching“

Auch wenn der Fasching keine explizit kirchliche Erfindung ist, offensichtlich gibt es durchaus biblische Anleihen für ausgelassenes Feiern.

Genussvoll glauben: Immer der Nase nach

In dieser Ausgabe widme ich mich den Freuden, die wir uns durch Gerüche und Düfte bereiten können.

Nicht schon wieder! (Mt 5,38-48)

Elisabeth Birnbaums Evangeliumsauslegung zum 7. Sonntag im Jahreskreis (23.2.2020)

Neue Lektüre für Klein und Groß

Warum auch Erwachsene das eine oder andere Kinder- und Jugendbuch unbedingt zur Hand nehmen sollten, haben wir uns für Sie angeschaut.

Was tun bei Demenz?

Kurse und Lehrgänge vermitteln grundlegendes Wissen und einige hilfreiche Methoden und Ideen für einen stressarmen Alltag

Durchkreuzt: Einfach da sein dürfen vor Gott - ein Interview

Schicksalsschläge werfen oft aus der Bahn. Benediktinerpater Martin Werlen im Interview

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