"Der Betrieb, der in die Entwicklung der Mitarbeitenden investiert, hat einen ökonomischen Vorteil", sagt Ulrich Hemel.
"Der Betrieb, der in die Entwicklung der Mitarbeitenden investiert, hat einen ökonomischen Vorteil", sagt Ulrich Hemel.
Der Theologe und Unternehmer Ulrich Hemel stellt fest, dass der Mensch zwei Seiten in sich birgt: Er ist nicht nur ein rationaler Nutzenmaximierer, sondern er sucht auch sozialen Anschluss und kooperiert gerne mit anderen.
Sind Christentum und Profitstreben überhaupt vereinbar, wie ist das mit der Gewinnmaximierung?
Ulrich Hemel: Gewinnmaximierung hat einen negativen Beiklang, weil sie auf Kosten der Zukunft etwas herausholt. Deswegen sollte man schon von Gewinnorientierung, vielleicht sogar von Gewinnoptimierung sprechen. Warum? Weil ein gesundes Unternehmen in der Zukunft bestehen muss und dafür auch heute schon Investitionen braucht. Und woher kommen die Investitionen? Sie können auf Dauer nicht nur von Bankkrediten kommen, in aller Regel auch nicht nur aus dem Privateigentum der Gesellschafter. Es ist Aufgabe eines guten Unternehmens, ausreichend Gewinn zu erwirtschaften, um nachher eine hohe Eigenfinanzierungsquote zu haben.

Dient die Wirtschaft noch dem Menschen oder ist es nur ein Streben nach Macht und Geld?
Ulrich Hemel: Dass Wirtschaften auch dem Streben nach Geld und Macht dient, das erleben wir jeden Tag. Wirtschaften ist aber zuerst einmal das Entdecken von Bedürfnissen, die Menschen haben und die Unternehmen befriedigen können. Es birgt ebenfalls in sich eine Art Entfaltungs- und Menschenwürde-Imperativ: Der Betrieb, der in die Entwicklung der Mitarbeitenden investiert, hat einen ökonomischen Vorteil bei gleichem Gehalt und gleicher Entfernung zwischen Wohn- und Arbeitsort. Ich habe auch einen wirtschaftlichen Grund menschenwürdig zu handeln, abgesehen davon, dass es natürlich eine ethische Begründung dafür gibt, wie wir mit anderen Menschen umgehen – und da ist die Wirtschaft keine Ausnahme.
Was bedeutet "Der Umgang mit Kapital ist der Tausch von Geld gegen Träume"?
Ulrich Hemel: Wir haben in der Wirtschaft eine starke Nutzenorientierung. Wenn ich etwas kaufe und sei es auch nur eine simple Zahnpasta oder eine Batterie für eine Fernbedienung, dann habe ich zwangsläufig eine zukunftsgerichtete Erwartung. Ich habe eine Vorstellung davon, wie ich das Gekaufte verwenden kann. Der Übergang von der Imagination zum Traum ist natürlich ganz leicht. Aber wenn ich tatsächlich sage, ich tausche Geld gegen Träume, dann gilt dies auch in ganz großen Zusammenhängen. Das sind natürlich manchmal, wenn es um große Firmenübernahmen geht, gigantische Träume, vielleicht auch Größenwahn, Träume von Macht und Egotrips usw. Das kann man in der Wirtschaftsgeschichte wunderbar sehen.
Besteht nicht die Gefahr, dass Kapital eine neue Religion wird?
Ulrich Hemel: Wir erleben einen Religionswandel in Europa und in der ganzen Welt. Für viele Menschen spielt Religion heute nicht die lebensprägende Rolle mehr. Sie gehen in ihrer persönlichen Identität auf, in dem, was sie beruflich tun. Aus diesem Zusammenhang heraus, dass Menschen ihre Sinnorientierung weniger stark als vielleicht früher in Religionen suchen, kommt dann ein solcher Spruch, dass das Kapital eine neue Religion sei. Bei einigen mag das der Fall sein, Kapital kann ein Mittel der Selbststeigerung und des Selbstausdrucks sein, weil ich zeigen kann, was ich mir leiste. Ich sehe es aber insgesamt eher als Ausdruck dieser Zeiterscheinungen und als echte Religion nur bei ganz wenigen.
Wie schwierig ist für Manager gerade in Übergangszeiten die Diskrepanz zwischen wirtschaftlichen Notwendigkeiten und ethischen Erwägungen?
Ulrich Hemel: Güterabwägungen sind immer notwendig. Ich bin schon hochzufrieden, wenn wir dieses Wort aussprechen, denn dann erkennen wir, dass wir in Alternativen handeln können. In Konfliktsituationen ist es durchaus möglich zu sagen, was auf dem Spiel steht. Entscheidend ist, dass ich einen guten menschlichen Umgang pflege. Das nimmt jedoch von der Härte einer Güterabwägung nichts weg. Manchmal heißt es nämlich, dass ich mein Leben verändern, einen neuen Beruf suchen, in einer schwierigen Situation kämpfen oder auch mich zurückziehen muss. Güterabwägung ist ein Verfahren der Lösung bei einem ethischen Dilemma und in diesem Sinne kann man es selbstverständlich auf die Wirtschaft anwenden. Ich bin aber davon überzeugt, dass eine gute Wertehaltung, wie wir sie aus einer christlichen Inspiration haben können, tatsächlich enorm hilfreich ist. Aus einem ganz einfachen Grund: Jeder Christ weiß, dass er nicht der erste und nicht der letzte Mensch ist und dass er eine Verantwortung vor den Menschen und eben auch vor Gott hat. Das gibt schon Kraft, weil wir damit auf unseren richtigen Platz gestellt sind. Wir sehen Wirtschaft als das maximale Vorletzte, das Letzte geht weit darüber hinaus.
Sie selbst sehen Unternehmensethik in einem neuen Licht.
Ulrich Hemel: Es geht nicht darum, dem anderen das größte Stück Kuchen wegzunehmen, sondern gemeinsam einen Garten zu hegen und zu pflegen. Wir haben in der Wirtschaftsethik immer wieder den homo oeconomicus als Maß aller Dinge gesehen. Der Mensch ist rationaler Nutzenmaximierer, aber er ist es nicht nur. Aus unserer christlichen Tradition heraus stellen wir fest: Er ist gleichzeitig auch ein homo cooperativus – ein Mensch, der Sinn und sozialen Anschluss sucht, der gerne mit anderen kooperiert. Der Mensch trägt einfach beides in sich: die Kooperation und den Wettbewerb. In uns verbirgt sich die große Verletzlichkeit, aber auch die große Schöpferkraft. Die Aufgabe der Gesellschaft, der Philosophie, der Theologie, auch der Unternehmen ist es, dies in das richtige Maß zu setzen.
Ulrich Hemel, geboren 1956, studierte in Mainz und Rom Katholische Theologie, Philosophie sowie Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Im Jahr 1983 promovierte er im Fach Religionspädagogik und habilitierte sich 1988 ebenfalls an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Regensburg.
Nach dem Studium war er zunächst als Unternehmensberater bei der Boston Consulting Group tätig. Danach war er Vorstandsvorsitzender der Paul Hartmann AG (2001 -2004). In dieser Funktion wurde er 2003 als "Managers des Jahres" ausgezeichnet. Anschließend wurde er Vorsitzender der Geschäftsleitung der Süddekor GmbH (2005 -2007). Sein Buch „Wert und Werte“ erhielt 2005 den Preis "Wirtschaftsbuch des Jahres" der Financial Times Deutschland.
Heute ist Hemel Inhaber einer mittelständischen Firmengruppe unter der "Strategie und Wert Beratungs- und Beteiligungs-GmbH". Darüber hinaus ist er Vorstandsvorsitzender des Forschungsinstituts für Philosophie in Hannover und außerplanmäßiger Professor für Katholische Theologie an der Universität Regensburg.
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Ulrich Hemel Die Wirtschaft ist für den Menschen daVom Sinn und der Seele des Kapitals |
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