Michael Prüller macht sich Gedanken über die Verrohung in der Gesellschaft.
Michael Prüller macht sich Gedanken über die Verrohung in der Gesellschaft.
Blog von Michael Prüller in der Zeitung der Erzdiözese Wien „Der SONNTAG“.
Sie haben wohl auch davon gehört oder gelesen: von der 15-jährigen Patricia, die in Kagran von drei Mädchen und einem Burschen aus ihrem weiteren Bekanntenkreis geohrfeigt und ins Gesicht geschlagen wurde, bis sie einen doppelten Kieferbruch hatte. Gewalt unter Jugendlichen ist ja nun kein seltenes Thema, und man hört oft von noch Schlimmerem. Außergewöhnlich wurde die Sache aber vor allem deshalb, weil ein Video der „Strafaktion“ im Internet landete.
Ich habe das Video nicht gesehen, sondern nur Fotos in der Zeitung: Nacheinander bauen sich die Schläger vor der 15-Jährigen auf und traktieren sie. Sie steht da, erträgt ohne Gegenwehr Ohrfeigen und Schläge. Hätte sie sich gewehrt, sagt sie auf Facebook, wäre sie nur noch mehr verprügelt worden. Aber sie hält nicht einmal im Reflex die Hände vor das Gesicht, sondern vergräbt sie in der Jackentasche. Sie weicht nicht zurück oder dreht sich weg. Ein 15-jähriges Mädchen.
Wie wachsen diese Kinder auf? Was für ein Milieu der Gewalt, der Unbarmherzigkeit, des Sich-durchsetzen-Müssens tritt uns da entgegen? Kinder, entwurzelt, gewalttätig, verteilen „Fäuste“, einfach so. Eine beinharte, unerlöste Welt, ein paar Schritte neben unseren behütet aufwachsenden Kindern. Eine Welt, in der man ständig auf der Hut sein muss. Auch Jugendliche in solchen Umständen können lieben und sind zum Guten fähig. Aber wie wäre es, wenn in ihrer Welt die Liebe und die Sanftmut Gottes wirksam würden? Wenn es Begegnung mit dem Erlöser gäbe, nach dem sie sich im Grunde ihres Herzens sehnen, und der sich auch nach ihnen sehnt und ihnen Geborgenheit geben möchte?
Hier liegt die große Anfrage an unser missionarisches Christsein: Wie bringen wir das Licht in die dunklen Ecken dieser Welt? Der gute Hirte, der alle heimholen möchte – wie können wir ihm helfen?