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15.06.2025 · Kardinal · Gedanken zum Evangelium

Was ist die ganze Wahrheit?

Der letzte Grund von allem, den die Religionen Gott nennen, ist und bleibt ein Geheimnis. Niemand hat Gott gesehen. Keiner kann ihn begreifen. All unser Reden von Gott ist ein Tasten. Keine Religion kann das Geheimnis Gottes ganz ausschöpfen.

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium vom 15. Juni 2025

Christen auf der ganzen Welt beginnen ihre Gebete „im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Mit diesen Worten werden auch überall Taufen mit dem Wasser vollzogen, an Kindern wie an Erwachsenen. Glauben also Christen an drei Götter? Dieser Vorwurf wird von anderen Religionen gegen das Christentum erhoben. Doch bekennen sich Christen ganz entschieden zum „Monotheismus“, also zum Glauben, dass es nur einen Gott gibt. Ist das nicht ein Widerspruch? Von drei Personen ist die Rede, Vater, Sohn und Heiliger Geist, die doch der eine Gott sind?


Heute ist der Dreifaltigkeitssonntag. Wird das Geheimnis des christlichen Glaubens an den dreieinigen Gott Thema der Sonntagspredigten sein? Oder werden die Prediger auf ein leichteres Thema ausweichen? Gegenfrage: Ist der christliche Glauben wirklich so kompliziert, dass nur wenige sich trauen, anderen gegenüber zu sagen, warum sie an den einen Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, glauben? Ich selber war schon öfters in der Situation, mit Muslimen darüber zu sprechen, warum ich nicht an drei Götter glaube, sondern mich wie sie zum einen Gott bekenne. Wie mache ich das?


Heuer bekommt das Thema noch zusätzliche Aktualität. Vor 1700 Jahren, im Jahr 325, fand in Nizäa, im heutigen Iznik in der Türkei, das erste große Konzil der Christenheit statt. In seinem Glaubensbekenntnis, das bis heute allen christlichen Kirchen gemeinsam ist, bekennt es sich dazu, dass Jesus Christus wahrer Gott ist, „eines Wesens mit dem Vater“. Zugleich bekennt es klar den Glauben an den einen Gott. Wird Papst Leo XIV. aus diesem Anlass in die Türkei reisen? Die Sache ist heikel. Die Christen sind in der Türkei eine kleine Minderheit. Im Koran wird Jesus als Prophet geachtet. Als Sohn Gottes wird er nicht anerkannt. Wie viele Menschen sehen bei uns Jesus so, wie Petrus ihn bekannt hat: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“? Wie kam Petrus zu diesem Glauben? Wie kommen Menschen bis heute dazu?


Zwei wichtige Bemerkungen zu allen religiösen Fragen, egal welcher Konfession. Vor allem gilt es, daran zu erinnern, dass der religiöse Glauben nicht zuerst mit Theorien zu tun hat, sondern mit den Grundfragen des Lebens: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was ist der Sinn meines Lebens? Wer auf diese Fragen Antworten sucht, stößt auf die Gottesfrage. Glaube ich, dass mein Leben von Gott geschenkt, mir anvertraut ist und mit dem Tod nicht endet, sondern in Gott geborgen ist? Ebenso wichtig ist ein Zweites: Der letzte Grund von allem, den die Religionen Gott nennen, ist und bleibt ein Geheimnis. Niemand hat Gott gesehen. Keiner kann ihn begreifen. All unser Reden von Gott ist ein Tasten. Keine Religion kann das Geheimnis Gottes ganz ausschöpfen. Wir sind alle Suchende und von Gott Gesuchte.


Eines freilich glaube ich als Christ, ohne Anmaßung gegen andere Religionen: an die besondere Sendung Jesu. Im heutigen Evangelium steht seine Aussage: „Alles, was der Vater hat, ist mein.“ Oder: „Ich und der Vater sind eins.“ Man hat ihm heftig vorgeworfen: „Du machst dich selbst zu Gott und bist nur ein Mensch.“ Jesus hat auch versprochen, dass er den Geist schicken werde: „Er wird euch in die ganze Wahrheit führen.“ Also doch der Anspruch, „die ganze Wahrheit“ zu haben? Ist das nicht die Quelle aller Religionskonflikte? Was aber, wenn diese „ganze Wahrheit“ in einem einzigen Wort besteht? „Gott ist die Liebe!“ Liebe kann es nie alleine geben. Sie ist immer Austausch und Gemeinschaft! Gott – Gemeinschaft der Liebe, die allen, wirklich allen offensteht: Ist das die ganze Wahrheit über den dreieinen Gott?

 

erstellt von: Kardinal Christoph Schönborn
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Evangelium vom 15.6.25

 

Johannes 16,12-15

 

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganzen Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selbst heraus reden, sondern er wird reden, was er hört, und euch verkünden, was kommen wird. Er wird mich verherrlichen; denn er wird von dem, was mein ist, nehmen und es euch verkünden. Alles, was der Vater hat, ist mein; darum habe ich gesagt: Er nimmt von dem, was mein ist, und wird es euch verkünden

 

Nachrichten

Die brüchige Sprache der Welt: Leo XIV. und die Suche nach einem gemeinsamen Grund

Papst Leo XIV. warnt vor wachsender Kriegsbereitschaft, schwachem Multilateralismus, eingeschränkter Meinungsfreiheit, globaler Christenverfolgung und fordert stärkeren Schutz von Menschenwürde, Gewissen, Leben und Familie.

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Ein Abschied, der schmerzt, führt zu einem Neuanfang: Die Erzdiözese Wien begleitet die Gemeinde nach der Profanierung der Pallottikirche und lädt alle herzlich ein, in der Pfarre Maria Hietzing eine neue, hoffnungsvolle Heimat zu finden und gemeinsam Kirche zu sein. 

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Mitten im Winter wächst die Solidarität: Eine neue Initiative zeigt, wie engagierte Menschen konkrete Hilfe für Schutzsuchende organisieren und sichtbar machen.

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