Weise nennen wir einen Menschen, der die Dinge und die Menschen im rechten Maß zu sehen und zu behandeln versteht.
Weise nennen wir einen Menschen, der die Dinge und die Menschen im rechten Maß zu sehen und zu behandeln versteht.
Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn
zur Lesung am Fest des heiligen Leopold,
15. November 2012 (Spr 3113-20)
Wie kann man in der Politik ein Heiliger werden? Diese Frage bewegt mich immer am Fest des Heiligen Leopold. War das nur damals möglich, im Mittelalter? Oder ist auch heute noch denkbar, inmitten des politischen Lebens ein Heiliger zu werden? Kann man das Leben eines mittelalterlichen Landesfürsten mit dem eines heutigen Politikers überhaupt vergleichen? Nun, eines ist sicher: Auch heute gibt es Politiker, die "im Ruf der Heiligkeit" gelebt haben und gestorben sind. Vor nicht ganz einem Jahr wurde die Sozialpolitikerin Hildegard Burjan (1883 – 1933) im Wiener Stephansdom selig gesprochen. Und für zwei der drei "Gründungsväter" der Europäischen Union laufen Seligsprechungsverfahren: für Robert Schumann (1886 – 1963) und für Alcide de Gasperi (1881 – 1954).
Wie war das damals, beim Babenberger Marktgrafen Leopold III. (1075 – 15. November 1136)? Er muss auf seine Zeitgenossen einen tiefen, bleibenden Eindruck gemacht haben. Seine über vierzigjährige Regierungszeit hinterließ eine so gute "Nachrede", dass er noch heute als Landespatron Österreichs, und insbesondere Wiens, Niederösterreichs und Oberösterreichs gilt und verehrt wird. Verehrt wurde er schon zu Lebzeiten. Man nannte ihn den "milden Markgrafen". Wegen seiner Großherzigkeit galt er als "Vater der Armen". Vor allem aber hat er es verstanden, sein Österreich aus den Konflikten und Kriegen seiner Zeit weitgehend herauszuhalten und so den Menschen den Frieden zu sichern.
Beeindruckend war seine Kinderschar. Nach dem frühen Tod seiner ersten Frau, die einen Sohn hinterließ, heiratete er die Tochter des damaligen Kaisers, Heinrich IV., Agnes. Aus dieser Ehe wurden 18 Kinder geboren, darunter zwei Bischöfe, Otto von Freising und Konrad von Salzburg, so wie sein Nachfolger Herzog Heinrich II., genannt "Jasomirgott".
Aber all das erklärt noch nicht, warum Leopold zum Heiligen wurde. Da mag die heutige Schriftlesung aus der Bibel, aus dem Alten Testament, hilfreich sein. Denn sie nennt die Tugend, die wohl in der Politik am meisten gebraucht wird: die Weisheit.
"Glücklich der Mann, der Weisheit gefunden, der Mann, der Einsicht gewonnen hat." Was ist das, die Weisheit? Warum preist sie die Bibel so hoch? Warum gilt sie für wichtiger als alles andere, als Reichtum und Erfolg? Wann sprechen wir von einem weisen Menschen? Nicht dann, wenn einer möglichst schlau ist, alle Tricks der Politik, der Wirtschaft, der Werbung beherrscht! Auch dann nicht, wenn einer es geschickt versteht, in jeder Situation seinen Vorteil zu finden.
Weise nennen wir einen Menschen, der die Dinge und die Menschen im rechten Maß zu sehen und zu behandeln versteht. Wie kommt man dahin? Wohl letztlich dadurch, dass man alles im Licht Gottes zu sehen versucht, auch die vielen kleinen und großen Dinge des Alltags, die Entscheidungen, was zu tun und was zu lassen ist.
Der heilige Leopold wurde auch "der Fromme" genannt. Nicht "bigott", nicht frömmelnd war er, sondern ein Mann, der mitten in seinem politischen Alltag an der Quelle der Weisheit blieb. Sein Wirken hatte deshalb nachhaltigen Erfolg. Das zeigen unter anderem seine drei Klostergründungen, die bis heute blühen: Klosterneuburg, Heiligenkreuz und Klein Mariazell, das prächtig neu auflebt. Ich meine, wir sollten weniger auf unsere Politiker schimpfen und mehr für sie beten. Heiliger Leopold, bitte für sie – und für uns"
Wohl dem Mann, der Weisheit gefunden, dem Mann, der Einsicht gewonnen hat.
Denn sie zu erwerben ist besser als Silber, sie zu gewinnen ist besser als Gold. Sie übertrifft die Perlen an Wert, keine kostbaren Steine kommen ihr gleich.
Langes Leben birgt sie in ihrer Rechten, in ihrer Linken Reichtum und Ehre; ihre Wege sind Wege der Freude, all ihre Pfade führen zum Glück. Wer nach ihr greift, dem ist sie ein Lebensbaum, wer sie festhält, ist glücklich zu preisen.
Der Herr hat die Erde mit Weisheit gegründet und mit Einsicht den Himmel befestigt. Durch sein Wissen brechen die tiefen Quellen hervor und träufeln die Wolken den Tau herab.