"Zusammen mit dem ganzen Volk ließ auch Jesus sich taufen. Und während er betete, öffnete sich der Himmel, und der Heilige Geist kam sichtbar in Gestalt einer Taube auf..." (Lk 3)
"Zusammen mit dem ganzen Volk ließ auch Jesus sich taufen. Und während er betete, öffnete sich der Himmel, und der Heilige Geist kam sichtbar in Gestalt einer Taube auf..." (Lk 3)
Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium, 10. Jänner 2016 (Lk 3,15-16.21-22)
Das Volk war voller Erwartung: Damals, in Israel, im Land der Bibel, waren viele auf der Suche, hatten Hoffnung auf bessere Zeiten, sehnten sich nach Befreiung vom Joch der Römer. Manche setzten auf einen gewaltsamen Umsturz, eine Revolte, die sich zur Revolution ausweiten und die Besatzermacht vertreiben sollte. Terroranschläge, Aufstände gehörten zur Tagesordnung, und ebenso deren blutige Niederschlagung durch die römische Armee.
Andere schlossen Kompromisse, richteten sich ein, arbeiteten mit den Herrschern aus Rom zusammen, um davon zu profitieren und halbwegs in Frieden leben zu können. Sie hatten es sich gerichtet, freilich um den Preis, ihren Glauben nicht ganz so ernst zu nehmen und dem Gott Israels, dem Gott der Väter, mit den Göttern der anderen Völker zusammen zu dienen.
Und beide Wege hassten einander: die Revolutionäre hielten die Kompromissler für Verräter an der jüdischen Religion. Die Liberalen wiederum sahen in den Radikalen eine Gefahr für das eigene Volk. Sie wollten retten, was zu retten war. Sie fürchteten, dass die Römer ihnen alles wegnehmen, wenn sie nicht bereit sind, mit ihnen zusammenzuarbeiten und dafür Kompromisse zu machen. Die Revolutionäre galten ihnen als blinde Fanatiker. Beide hielten die anderen für eine lebensbedrohende Gefahr für das jüdische Volk.
Aber es gab noch eine andere Stimme. Einen einsamen Rufer in der Wüste. Er predigte weder die Revolution noch den Kompromiss. Weder erwartete er einen gewalttätigen Umsturz noch stimmte er der Anpassung an die herrschenden Umstände zu. Sein Weg war die Umkehr. Sein Anliegen die Änderung des eigenen Lebens. Er wusste um die Lage seines Volkes, wie es litt und unterdrückt wurde. Den Ausweg aus der Not sah er freilich nicht in einer äußeren Revolution, sondern in der persönlichen Bekehrung. Und dazu forderte er mit großem Mut auf. Er wagte es, dem König Herodes offen entgegenzutreten und ihm zu sagen: Du hast nicht das Recht, die Frau deines Bruders dir zur Frau zu nehmen. Herodes und vor allem Herodias, die Frau seines Bruders, ließen sich diese offene Kritik nicht gefallen. Sie kostete Johannes schließlich das Leben.
Als Jesus dreißig Jahre alt war, ging er zu Johannes in die Wüste, an den Jordan, um sich von ihm taufen zu lassen. Er hat damit klar gezeigt: Sein Weg ist weder der revolutionäre Aufstand noch der angepasste Kompromiss. Johannes hat Jesus den Weg bereitet. Jesus ist den Weg des Johannes weitergegangen und hat um sich Freunde, Anhänger gesammelt, die seinen Weg allen Menschen bekannt machen sollten. Es wurde der Weg des Evangeliums. Bis heute geht es immer wieder um diese Entscheidung, welchen der drei Wege wir wählen.
Doch worin besteht der Weg, den Johannes gelehrt und den Jesus gegangen ist? „Zusammen mit dem ganzen Volk ließ Jesus sich taufen.“ Jesus sucht seinen Platz nicht bei den radikalen religiösen Fanatikern. Auch nicht bei angepassten Anhängern des Zeitgeistes. Er mischt sich einfach und bescheiden unter das Volk. Wie einer von ihnen lässt er sich taufen, das heißt untertauchen im Jordan, wie ein Sünder unter Sündern, wie einer von uns.
Er ist einer von uns geworden. Keinen von uns verachtet er. Allen will er Bruder sein, Freund und Helfer. Gott zeigt ihm und uns, dass das der Weg ist, der Seinem Willen entspricht: Du bist mein geliebter Sohn! Auf diesen Weg lädt Jesus ein. Wer ihn mit Jesus geht, verändert die Welt. Weil er zuerst sich selber verändert.
In jener Zeit war das Volk voll Erwartung, und alle überlegten im Stillen, ob Johannes nicht vielleicht selbst der Messias sei. Doch Johannes gab ihnen allen zur Antwort: Ich taufe euch nur mit Wasser. Es kommt aber einer, der stärker ist als ich, und ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe aufzuschnüren. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. Zusammen mit dem ganzen Volk ließ auch Jesus sich taufen. Und während er betete, öffnete sich der Himmel, und der Heilige Geist kam sichtbar in Gestalt einer Taube auf ihn herab, und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.
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