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06.05.2014

Zeichen gegen antisemitischen Pfarrer Deckert (1843-1901)

Die Pfarrkirche St. Josef-Weinhaus steht heute noch und feiert ihr 125-jähriges Kirchweihjubiläum. Die Synagoge im 18. Bezirk, in der Schopenhauerstrasse, wurde 1938 in der Pogromnacht zerstört.

Ein Christ kann kein Antisemit sein, das ist heute klarer Bekenntnissatz aller Kirchen. 1893 antwortet der damalige Pfarrer von Wien-Weinhaus, Joseph Deckert, auf die Frage, ob ein Priester Antisemit sein dürfe, "mit voller Überzeugung: Ja, er kann es, er soll es sein und, wenn er es noch nicht ist, soll und muss er es werden."

Eine Gedenktafel erinnert an die Geschichte der Pfarre Weinhaus.

"Für die Kirche ist Pfarrer Deckert eine Schande" formulierte der Judaist Kurt Schubert schon vor Jahrzehnten. So wie er, bemühte sich in den 1980er Jahren Hans Kothbauer um eine Namensänderung des Platzes vor der Kirche. 1990 wurden die amtlichen Tafeln "Pfarrer Deckert-Platz" – eine sichtbare Würdigung eines mehrfach vorbestraften Antisemiten – entfernt. Die beiden Künstler Tal Adler und Karin Schneider sind 2012 im Rahmen eines Kunst- und Erinnerungsprojekts der Akademie der Bildenden Künste an die Pfarre Weinhaus herangetreten und haben gefragt, wie es um die Erinnerungstradition an den Erbauer der St. Josephs-Votivkirche stehe.

 

So setzte sich in den vergangenen zwei Jahren der Studienkreis der Pfarre Weinhaus gemeinsam mit der Künstlerin und dem Künstler regelmäßig zusammen und beschäftigte sich mit unterschiedlichsten Aspekten des Wirkens von Pfarrer Deckert, mit dem antisemitischen Ungeist jener Zeit aber auch mit Gegenstimmen und der neuen Haltung der Kirchen zum Judentum seit der Schoa.

 

Zentral dabei war die Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils Nostra Aetate. Darin beklagt die Kirche "alle Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemandem gegen die Juden gerichtet haben".

 

125 Jahre Pfarre Weinhaus - eine kritische Auseinandersetzung

Zum 125. Jahrestag der Errichtung der Kirche wuchs die Erkenntnis, das Jubiläum nicht feiern zu können, ohne sich mit deren Erbauer auseinanderzusetzen, einem der einflussreichsten kirchlichen Propagandisten des Antisemitismus und der Judenfeindschaft. Deckert sah die Juden als größte Gefahr für die Stadt Wien und den christlichen Glauben seit der Türkenbelagerung 1683.

 

Der jetzig Pfarrer von Weinhaus, Peter Zitta, sagte anlässlich der Besinnungsstunde zur Enthüllung der Gedenktafeln: "Während er immer wieder als engagierter Seelsorger genannt wurde und wird, stand das Wirken von Pfarrer Deckert als engagierte Verbreiter des Antisemitismus, von diesem Raum aus und in mehreren, weit verbreiteten Schriften, wie unbeantwortet da. Wir sitzen an der Stelle, wo auch er gepredigt hat. Wer könnte antworten wenn nicht wir?"

 

Die Enthüllung der Besinnungstafel erfolgte am 24. April 2014, eine Woche vor dem festlichen 125-Jahr-Jubiläum des Kirchenbaus. Bewegt und betroffen stellte Pfarrer Zitta fest: Die Synagoge in Währing, nur wenige Gassen weiter, wurde im selben Jahr wie die Kirche errichtet: "Während unsere Kirche hier noch steht, wurde die Synagoge in der Reichs-Pogromnacht zerstört."

 

Den Ungeist vertreiben

Der jüdische Vizepräsident des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Willy Weisz, ergriff das Wort auch als Bewohner der Nachbarschaft der Weinhauser Kirche. Um den judenfeindlichen Ungeist auszutreiben, müsse man diesen beim Namen nennen, so Weisz. "Sie, die Gemeinde Weinhaus muss dem Antisemitismus absagen. Dies können wir Juden nicht für Sie tun. Aber wir können Ihnen dabei helfen."

 

Auch das war Kirchenschändung

Für den Präsidenten des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Martin Jäggle, trug die Gedenkstunde zur "Reinigung des Gedächtnisses" bei: "Angesichts der Verdienste von Pfarrer Deckert um Kirchenbau und Seelsorge wird sein antisemitisches Engagement nicht mehr als zeitbedingt verharmlost, sondern benannt als Beitrag am Weg, der zur Schoa führt." In seiner Ansprache problematisierte Jäggle den Begriff "Kirchenschändung": "Als Kirchenschändung gilt die Entweihung einer Kirche durch mutwilliges Zerstören von Gegenständen oder durch unsittliche Handlungen in ihr. In dieser Kirche fanden zahlreiche, gut dokumentierte antisemitische Propaganda-Veranstaltungen statt. Zerstörungen im Kirchengebäude sind keine sichtbar geworden, aber waren das keine unsittlichen Handlungen?"

 

Der "ungekündigte Bund"

Die Gedenktafel, die an der Außenseite der Weinhauser Kirche enthüllt wurde, setzt sich aus fünf Teilen zusammen: zwei biblischen Zitaten über die bleibende Erwählung des jüdischen Volkes, zwei programmatischen Sätzen des kirchlichen Lehramts und einer Erklärung des Pfarrgemeinderats. In dieser heißt es über die antisemitische Agitation des Erbauers der Pfarrkirche: "Der verhängnisvolle Einfluss dieser Haltung in der Zeit des Nationalsozialismus einerseits und die Leugnung des bleibenden Bundes Gottes mit dem Volk Israel andererseits machen uns betroffen. Deshalb lassen wir uns von der Umkehr der Kirche im Zweiten Vatikanischen Konzil leiten und möchten als Pfarrgemeinde zur Versöhnung zwischen Juden und Christen beitragen."

 

Die Gedenktafel sei kein Schlussstrich unter eine lästige Debatte, betont Pfarrer Zitta: "Es ist eine Etappe auf dem Weg der christlich-jüdischen Erneuerung, auf dem wir noch weit zu gehen haben."

erstellt von: Markus Himmelbauer/red
06.05.2014
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Fotos

Eindrücke von der Gedenkstunde und der Enthüllung der Gedenktafel in der Pfarre Weinhaus.

Link

125 Jahre Pfarre Weinhaus

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