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20.03.2014

Karl May: Abenteuer im Kopf

Karl May (1842-1912) ist der meistgelesene deutschsprachige Autor.

Karl Mays Geburtstag jährt sich heuer zum 170. Mal, sein Todestag zum 100. Mal. Ein katholischer Gefängnisgeistlicher brachte den späteren Bestsellerautor zum Schreiben.

Karl May ist 2012 in aller Munde: Sein Geburtstag jährt sich am 25. Februar zum 170. Mal, sein Todestag fünf Wochen später am 30. März zum 100. Mal.

Der „Vater” von Winnetou, Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi ist der meistgelesene Schriftsteller deutscher Sprache. Die Gesamtauflage seiner Werke liegt nach Angaben des Karl May Verlags im deutschsprachigen Raum bei 100 Millionen Exemplaren. Weltweit erreichen die Karl-May-Bücher schätzungsweise das Doppelte.

 

Am erfolgreichsten: „Winnetou I”, „Der Schatz im Silbersee” und „Unter Geiern”.

„May” wurde in 42 Sprachen übersetzt, zuletzt in Kurdisch und Albanisch. Die Verfilmung der von ihm erdachten Abenteuer begann ab 1920. Die Streifen der 1960er Jahre mit Pierre Brice als „Winnetou” und Lex Barker als „Old Shatterhand” gelten als die erfolgreichste Filmserie des deutschen Kinos.

 

„Wenn man sich mit seinem Leben beschäftigt, ist das noch viel aufregender als die Abenteuer eines Old Shatterhand. May hat eigentlich keine biografischen Höhen und Tiefen ausgelassen”, sagt der Historiker Andre Neubert, Leiter des Karl-May-Hauses in Hohenstein-Ernstthal, dem Geburtsort des Schriftstellers.

Vor seiner Karriere als Schriftsteller habe es Karl May beispielsweise auf rund siebeneinhalb Jahre Gefängnis und Zuchthaus gebracht: „Aber er war bei weitem kein bösartiger Krimineller”, so Neubert im Gespräch mit der Deutschen Presse Agentur.

 

Höhen und Tiefen

Karl May wurde am 25. Februar 1842 als fünftes von 14 Kindern einer verarmten Weberfamilie im sächsischen Ernstthal geboren. Neun Geschwister starben bereits in jungen Jahren. Als einzig verbliebener Sohn sollte Karl, so wollte es sein Vater, unbedingt den Aufstieg Als Lehrer schaffen.

 

May absolvierte die Ausbildung, doch wegen einer Beziehung mit der Frau seines Wirtes verlor er 1861 seinen erste Anstellung als Hilfslehrer in Glauchau. Kurze Zeit später war er auch seinen zweiten Job als Fabriklehrer in Chemnitz los – weil er die Uhr eines Mitmieters über die Weihnachtsferien mitgenommen hatte.

 

Die Justiz hatte damals kein Erbarmen, sprach von Diebstahl und verurteilte May im Herbst 1862 zu sechs Wochen Gefängnis. Eine Rückkehr in den Lehrerberuf kam nicht mehr in Frage. May geriet auf die schiefe Bahn.

 

Umkehr in der Haft

Es folgten nach verschiedenen Hochstapeleien und kleinkriminellen Delikten Gefängnisaufenthalte u. a. im Zuchthaus von Zwickau, wo May aufgrund guter Führung Verwalter der Gefängnisbibliothek wurde.

 

Er begann, sich vor allem in Reiseliteratur zu vertiefen. Im Gefängnis von Waldheim schließlich begegnete (der lutherisch getaufte) Karl May dem katholischen Gefängnisgeistlichen Johannes Kochta.

 

Dieser eher als schweigsamer Mann bekannte Priester, der vor allem durch Güte und Vorbild bestach, begleitete May seelsorglich und hatte entscheidenden Anteil daran, dass dieser sich der Schriftstellerei zuwandte. Die Zeit im Gefängnis hatte Karl May geprägt und ihn in der Überzeugung gestärkt, dass letztlich das Gute über das Böse siegen müsse.

 

„Dass Karl May ein christlicher Schriftsteller war, wird heute von niemandem mehr ernsthaft in Zweifel gezogen. Der Christenglaube war für ihn der ,wahre Glaube’. Das Bekenntnis zu einem persönlichen Gott als dem Herrn der diesseitigen und jenseitigen Wirklichkeit durchzieht sein gesamtes Werk”, hält der Journalist und Theologe Helmut S. Ruppert über May fest.

 

May sei von der Verstrickung des Menschen und der Erlösung durch Christus zur ewigen Existenz im Himmel überzeugt gewesen. Zum formulierten Glauben habe für ihn die Tat gehört. Getreu der Bergpredigt etwa versucht Old Shatterhand konsequent Feindesliebe zu praktizieren und überzeugt durch dieses Vorbild seinen Blutsbruder Winnetou.

„Kennt einer die Macht des Gebets”, schrieb Karl May am Ende seiner Haft, „so bin ich es. Wie oft ist es der Fels gewesen, auf den ich mich in der Not gerettet habe!”

 

In einem anderen Brief heißt es: „Jesus Christus gestern und heute und in alle Ewigkeit. An diesen glaube ich und an diesen halte ich mich, an ihn und keinen anderen.”

Ausgerechnet ein katholischer Geistlicher, der Dresdner Dogmatiker Paul Rentschka, warf ihm 1908 synkretistischen Ungeist vor. „Möglicherweise kam aus dieser Ecke die anonyme Denunziation Karl Mays bei der römischen Glaubenskongregation, die – freilich vergeblich – forderte, das Werk Karl Mays auf den erst 1967 abgeschafften „Index” der für Katholiken verbotenen Bücher zu setzen”, erläutert Helmut S. Ruppert.

 

Ein begeisterter Leser der Werke von Karl May ist Günter Zwanowetz, Theaterwissenschaftler und Leiter des Österreichischen Bauordens: „Die Abenteuer von Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi in fernen Ländern zogen uns magisch an, jedenfalls weit mehr als der oft graue Alltag der 50er Jahre”, erinnert sich Zwanowetz an den Beginn seiner Lese-Leidenschaft als Zehnjähriger.

 

May habe in seinem Werk ein „sympathisches Christentum gezeichnet, das von Verzeihen und Versöhnung, Mildtätigkeit und aufopfernder Hingabe spricht. Dazu kommt eine für seine Zeit untypische Toleranz und ein Interesse an anderen Religionen.”

 

May werde zwar nicht mehr gelesen, „aber eigentlich bin ich sicher, dass er nicht in Vergessenheit geraten wird und Winnetou und Old Shatterhand auch für kommende Generationen in den ,dark and bloody grounds’ dem Sonnenuntergang entgegen reiten werden”.

erstellt von: Redaktion der Sonntag
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