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27.02.2018 · Glaube · Fastenzeit & Ostern

Spirituelle Impulse aus der Wüste: Weg in die Freiheit

Gott füllt  den Krug. 

„Freiheit bedeutet, um moralischer Werte und Ziele willen auch mit knurrendem Magen, wenigstens ein Stück, weitergehen zu können.“

IMPULS

manna

erst das fressen
dann die religion

 

irgendwann jedoch
wird man selbst des
mannas überdrüssig

 

die gebratenen wachteln
bleiben im halse stecken

 

der stab der einst im

felsenmeer das wasser fand
schlägt als wünschelrute
sehnsuchtsvoll nach oben aus

 

in allen wüsten
nährt auf dauer
nur der hunger
nach gott

 

Andreas Knapp
Aus: Weiter als der Horizont, Echter-Verlag Würzburg, S. 42

 


Seit einigen Jahren arbeite ich als Seelsorger im Gefängnis von Leipzig. Dort ist mir deutlich geworden, dass viele der Inhaftierten schon vorher gefangen waren: im Kreislauf der Drogen, in einer kriminellen Vereinigung, in zwanghaften Mechanismen der Gewalt.

 

Manche erleben die Inhaftierung als Befreiung: Jetzt bin ich endlich raus aus der Spirale von Droge und Beschaffungskriminalität, die mich immer mehr kaputtgemacht hat. Doch ein solcher Prozess bringt auch die Mühe des Entzuges und der Distanzierung vom früheren Umfeld mit sich. Es ist eine Art von „Fastenkur“.


Auch unsere christliche Fastenzeit kann mit einem Weg in eine größere Freiheit verglichen werden. Die 40 Tage der österlichen Bußzeit erinnern an die 40 Tage, die Jesus in der Wüste verbracht hat. Und diese wiederum beziehen sich auf die 40 Jahre, in denen das Volk Israel unterwegs war, um aus der Sklaverei Ägyptens in das von Gott versprochene Land zu ziehen.

 

Satt, aber unfrei

Die Bibel erzählt: Das Volk Israel wird in Ägypten zur Fronarbeit gezwungen. Den Unterdrückten wird ein fester Platz zugewiesen, was ihnen zumindest eine gewisse Sicherheit bietet: Der Sklave weiß, was er zu tun hat – und wird für seinen Arbeitsdienst mit festen Essensrationen entlohnt.

 

So wird das Volk Israel an den Töpfen Ägyptens zwar satt, dafür jedoch seiner Freiheit beraubt.


Die Erinnerung an den Gott seiner Vorfahren weckt den Wunsch nach Freiheit. Denn dieser Gott hat Abraham, Isaak und Jakob aus Liebe erwählt und mit ihnen einen Bund der Freundschaft geschlossen. Eine solche Beziehung setzt die Freiheit beider Partner voraus.

 

Eine erzwungene oder manipulierte Liebe ist keine Liebe. Man kann niemanden zur Freundschaft erpressen. Vielmehr gilt: Liebe wünscht sich Gegenliebe und folglich immer auch Freiheit.


Ausbruch aus der Sklaverei

Im Vertrauen auf Gott wagt das Volk ­Israel den Ausbruch aus der Sklaverei und die Flucht durch die Wüste. Diese Zeit der Ödnis erleben die Israeliten als eine Art von Entziehungskur aus den alten Gewohnheiten und Süchten.

 

Die Wüste wird zur Schule der Freiheit, weil sie keine sofortige Befriedigung der Bedürfnisse bereithält. In der Wüste steht nicht an jeder Düne eine Pommes-Bude und schon gar kein Getränke-Automat.

 

Wer längere Zeit in einer Abhängigkeit gelebt hat, braucht zunächst einmal Abstinenz. Er muss die alten Strukturen und Mechanismen hinter sich lassen und das soziale Umfeld verändern.

 

Gott will den Menschen dazu „erziehen“ (Dtn 8,5), ein freier Bündnispartner zu werden, der liebesfähig ist. Das lateinische Wort für erziehen (e ducare) bedeutet: herausführen, in die Weite führen.

 

Israel soll lernen, sich nicht mehr gehen zu lassen, sondern selber zu gehen. Der lange Marsch durch die Wüste ist unabdingbar, um sich von falschen Abhängigkeiten zu lösen. Gott will den Menschen in eine solche Freiheit führen, damit er mit ihm eine freundschaftliche Beziehung leben kann.

 

Die Versuchung

Der Weg in die größere Freiheit bleibt freilich immer gefährdet und droht im Sand zu verlaufen. Es gibt die Versuchung der Regression: Als die Israeliten in der Wüste hungrig werden, kommt es zur Meuterei.

 

Man will nach Ägypten zurück, um sich an den Fleischtöpfen des Pharao den Bauch vollschlagen zu können: Wenn auch unfrei – Hauptsache satt! Erst kommt das Fressen, dann die Moral (Bertold Brecht).


Freiheit aber bedeutet, um moralischer Werte und Ziele willen auch mit knurrendem Magen, wenigstens ein Stück, weitergehen zu können. Allein eine gewisse Distanz zu den Bedürfnissen und Trieben eröffnet der Freiheit einen Spielraum. Wenn in einer Gesellschaft kein Konsum-Verzicht mehr eingeübt wird, droht die Freiheit des Menschen ein Opfer von Werbung und Manipulation zu werden.

 

Manna – Zeichen der Fürsorge Gottes

In der Wüste lernt das Volk Israel, dass alle wirklich wichtigen Dinge im Leben Geschenk sind, das wir nicht selber machen können. Das Manna etwa, das man unverhofft findet, ist ein Zeichen der göttlichen Fürsorge.

 

Allerdings kann man dieses Brot nicht auf Vorrat sammeln. Die Bibel erzählt, dass einige Israeliten vom Manna mehr einsammeln, als notwendig ist. Aber dieses Brot wird wurmig und stinkt (vgl. Ex 16,20).


Der Wunsch, möglichst viel zu bunkern, ist ein Zeichen für fehlendes Vertrauen. Liebe lässt sich nicht einwecken oder aufsparen. Wer jedoch darauf vertrauen kann, dass Gott seine Liebe jeden Tag neu schenkt, wird freier von der Angst vor morgen und übermorgen.


So will auch der Weg durch die österliche Bußzeit in eine größere Freiheit führen.


Die zentrale Lesung der Osternacht erzählt vom Exodus, vom Auszug aus Ägypten. Und wer sich in diesen 40 Tagen von Abhängigkeiten, von versklavenden Sorgen oder aus unguten Bindungen lösen kann, befindet sich auf dem Weg, um an Ostern das von Gott geschenkte neue Leben zu feiern.

erstellt von: Der SONNTAG / Br. Andreas Knapp
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Weitere Informationen:

Bruder Andreas Knapp

Lebensspuren im Sand

Spirituelle Impulse aus der Wüste

Herder Verlag

ISBN: 978-3451333897


weitere Artikel:

 

Der Weg in die Freiheit führt durch die Wüste

Spirituelle Impulse und Denkanstöße für die Fastenzeit von Bruder Andreas Knapp.

 

Spirituelle Impulse aus der Wüste: Einfach leben

Wer zu viel mitschleppt, wird nicht weit kommen.


In der nächsten Ausgabe (des SONNTAG Nr. 9/2018)
„Staunen vor dem Wunder der Natur“


Vorsätze in der Fastenzeit

Fastenzeit - 40tägige Vorbereitungszeit auf Ostern

 

 

weitere Buchempfehlungen der "SONNTAG"-Redaktion:

 

 


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Ritter-Grepl: Suppenkochen gegen Geschlechterklischees

Vorsitzende der Katholischen Frauenbewegung: Klischee der suppekochenden Frau ins Positive drehen. Care-Arbeit "wertvoll und unverzichtbar für Zusammenhalt". Familienfasttag als niederschwellige Form gelebter Solidarität.

Aschermittwoch

Administrator Grünwidl: Kulturchristentum ist zu wenig

Apostolischer Administrator der Erzdiözese Wien in Aschermittwoch-Predigt im Stephansdom: Wenn Kirche lebendig und glaubwürdig sein soll, braucht es mehr als Brauchtum.

Das Inzersdorfer Fastentuch

Das Inzersdorfer Fastentuch: Viele Fäden – ein Ganzes

An zwei Sonntagen nach der Messe waren viele helfende Hände damit beschäftigt Wollfäden zu sortieren, zu vermessen, aufzuknüpfen, abzuwickeln und so das Fastentuch in Inzersdorf entstehen zu lassen.

Fastenzeit und Ostern

Familienverband lädt zur achtsamen Fastenzeit

Katholischer Familienverband Österreich motiviert mittels App "Gutes Leben" und "Boomerang" sowie Aktionen zu Auszeiten vom stressigen Alltag.

KREUZWEG der Hoffnung für die ganze Schöpfung

KREUZWEG der Hoffnung für die ganze Schöpfung

Das Heilige Jahr steht im Zeichen der Hoffnung. Die Texte des Kreuzwegs sind bewusst kurz gehalten. Eine längere Zeit der Stille zwischen den Stationen hilft, die Texte und Bilder nachklingen zu lassen.

The picture contains a platter of colorful fruits, kitchen utensils like blender, cutlery, bowls, knives, cutting board and pans.

Fastenzeit: Orden laden Interessierte zum "Innehalten und Aufbrechen"

Von Gemüse-Sushi-Fasten bis klösterliche Fastenwochen, stille Exerzitien und biblische Besinnungstage - wie Ordensgemeinschaften Menschen auf dem Weg zu innerer Einkehr und Erneuerung begleiten.

Fastenkalender 2025: Mit Gott wachsen

Fastenkalender 2025: Mit Gott wachsen

Der Steyler Fastenkalender 2025 lädt ein, in der Fastenzeit Körper, Geist und Seele wachsen zu lassen. Mit dem Spendenerlös wird ein Baumpflanzprojekt in Togo unterstützt.

Grass blossom in the morning

Dominikaner laden zur Vortragsreihe „Fasten im Jubeljahr“ ein

In der Fastenzeit dieses Jahres, das die Kirche als Jubel- oder auch „heiliges“ Jahr begeht, laden die Dominikaner an fünf Abenden, zu der Vortragsreihe „Fasten im Jubeljahr - Ökologische Gerechtigkeit als biblisches Anliegen“ ein.

San Giorgio in Velabro: Eine Kirche zwischen Legenden und Geschichte

Der zweite Tag der Fastenzeit beginnt in Rom in San Giorgio in Velabro, einer mittelalterlichen Kirche am Fuße des Palatin. Sie erzählt eine Geschichte, die tief in die Mythen und Traditionen Roms eingebettet ist. Hier verschmelzen Vergangenheit und Gegenwart auf eindrucksvolle Weise.

Die Stationsgottesdienste der Fastenzeit – Eine alte römische Tradition lebt weiter

 

Einzug in den Stephansdom

Feierliche Gottesdienste in der Karwoche und zu Ostern in der Wiener Innenstadt

Die Gottesdienste der drei österlichen Tage am Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag, auch „Triduum paschale“ genannt, bilden den Höhepunkt des Kirchenjahres.

Kreuzweg für queere Menschen und ihre Unterstützenden: „Wounds of Love“

Die Meditation des Kreuzweges Jesu zu seiner Hinrichtungsstätte auf dem Berg Golgotha gehört zu den klassischen kirchlichen Gebetsandachten in der vorösterlichen Fastenzeit. In der Pfarre Breitenfeld wird am Montag, 11. März, ein besonderer Kreuzweg angeboten, der die Erfahrungen queerer Menschen und deren Unterstützer:innen (Allies) thematisiert.

Geige

Wiener Hofmusikkapelle: Musik und Literatur in der Mittagspause

Auch Messen und Benefizkonzerte beim Festival "Übergänge" von 24. bis 31. März.

Kreuz und Dornenkrone

Fastenzeit: "Akademie am Dom" mit Schwerpunkt zu Gott und Leid

Wiener Erwachsenenbildungseinrichtung lädt zu verschiedenen Vorträgen und Diskussionen rund um das Thema Leid. Noch bis Juni Ausstellung von Fotos des Innsbrucker Bischofs Glettler in Räumen der "Theologischen Kurse".

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