Assoz. Prof. Dr. Regina Polak, Institut für Praktische Theologie.
Assoz. Prof. Dr. Regina Polak, Institut für Praktische Theologie.
Sommer-Serie im "Sonntag" zum Universitätsjubiläum (Folge 9): Univ.-Prof. Regina Polak (Institut für Pastoraltheologie) über das Pontifikat von Papst Franziskus und ihre Erwartungen an die Bischofssynode im Oktober.
Papst Franziskus steht für mich für eine Umkehr (vgl. Mk 1,14-15) der Kirche, die noch lange nicht zu ihrem Ende gekommen ist – zu einer Kirche, die zutiefst spirituell ist und daher politische Mitverantwortung übernimmt. Indem er daran erinnert, dass Gott Barmherzigkeit ist, eröffnet er der Kirche neue Denk- und Handlungsmöglichkeiten.

Weder links oder rechts
Diese Barmherzigkeit ist alles andere als eine liebliche Angelegenheit, die das Böse verharmlost. Für Franziskus ist sie Boden und Kern der Gerechtigkeit und das zentrale Heilmittel gegen die Sünde. Diese Barmherzigkeit macht es möglich, jene Strukturen der Wirtschaft anzuprangern, die Menschen töten, weil man nur dann von der Armut der Menschen betroffen sein kann. Barmherzigkeit lässt das Unrecht und die Sünde gegenüber der Umwelt wahrnehmen. Diese Barmherzigkeit ruft er den Sündern, den Kriminellen, den Korrupten, den Herzensverhärteten zu, denen die Flüchtlinge vor Lampedusa keine schlaflosen Nächte bereiten. Ob diese Botschaft des Evangeliums in ihrer Radikalität in Europa schon angekommen ist? Aus meiner Sicht ist die Art, wie Papst Franziskus die Kirche in die Zukunft führt und theologisch denkt, alles andere als eine kontinuierliche Fortsetzung seiner Vorgänger.
Franziskus ist ein Papst des Konzils, aber er ist weder progressiv noch konservativ, weder links oder rechts. Er ist zuallererst dem Evangelium und dessen Mission verpflichtet. Dazu gehört, der Wirklichkeit Vorrang vor dem Ideal zu geben und diese Wirklichkeit von den Armen her wahrnehmen zu lernen. Für die Welt und die Kirche der jungen und armen Länder des Südens macht dieser lateinamerikanische Papst die Kirche so zu einem Zeichen der Hoffnung.
Mahner für reiches Europa
Für das reiche Europa wird Franziskus eher ein Mahner: Er verlangt von uns, unseren Reichtum und unsere Macht zu teilen, die Suche nach Wahrheit und das Streben nach Erkenntnis nicht aus den Augen zu verlieren und die Vielfalt der Kulturen wertzuschätzen und zu schützen.
Ich denke, dass sich die Botschaft von der Barmherzigkeit auch an die Bischöfe und Kardinäle, also die Kirchenleitung richtet. Papst Franziskus steht ganz in der Tradition der Katholischen Kirche, auch in sexual-, familien- und eheethischen Fragen. Aber er interpretiert die (vor allem rechtliche) Tradition im Licht der göttlichen Barmherzigkeit. Dies würde selbstverständlich auch praktische Konsequenzen haben müssen, insbes. im Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen.
Papst: ein Pastoraltheologe
Ob allerdings die derzeitige Kirchenleitung bereits so weit ist, bezweifle ich. Das hängt nicht nur daran, dass die Mehrheit der Bischöfe theologisch konservativ-dogmatisch sozialisiert ist, sondern auch daran, dass Familien in den armen Ländern des Südens oft die einzige soziale Stütze der Menschen sind. Veränderungen des Ehe- und Familienverständnisses werden da leicht als gefährliche Unterminierung wahrgenommen. Man muss ohne Hunger und Not leben können, um sich in Sachen Ehe und Familie unsere berechtigten europäischen Fragen erlauben zu dürfen. Aber vielleicht wirkt Gottes Barmherzigkeit ja tatsächlich.
PS: Papst Franziskus ist übrigens ein Pastoraltheologe: Er denkt immer von der Realität her und interpretiert den Glauben in deren Licht. Das freut mich natürlich besonders.
Eine Serie von Lehrendee der Wiener Katholisch-Theologischen Fakultät im „Sonntag“ im Rahmen einer „Sommer-Akademie“ über das Pontifikat von Papst Franziskus und ihre Erwartungen an die Familien-Bischofssynode, die im Oktober in Rom stattfindet.
Zum Nachlesen: