Europa muss nach den Worten von Papst Franziskus wieder zu Solidarität und einer neuen Dialogkultur finden.
Europa muss nach den Worten von Papst Franziskus wieder zu Solidarität und einer neuen Dialogkultur finden.
Großes Dialogforum im Vatikan.
Europa muss nach den Worten von Papst Franziskus wieder zu Solidarität und einer neuen Dialogkultur finden. "Eine Europäische Union, die bei der Bewältigung ihrer Krisen nicht den Sinn wiederentdeckt, eine einzige Gemeinschaft zu sein, die sich unterstützt und hilft, und nicht ein Gebilde kleiner Interessengruppen, verlöre nicht nur eine der wichtigsten Herausforderungen ihrer Geschichte, sondern auch eine der größten Chancen für ihre Zukunft", sagte der Papst am Samstagabend, 28. Oktober 2017 im Vatikan zum Abschluss des zweitägigen Dialogforums "(Re)thinking Europe" der EU-Bischofskommission ComECE. In seiner mittlerweile fünften großen Europarede warnte Franziskus auch vor Spaltungen und populistischen Bewegungen. Christen sollten den politischen Dialog dort voranbringen, wo er bedroht sei und der Politik als höchster Dienst an der Gemeinschaft "wieder Würde verleihen".
Der Frieden auf dem Kontinent, der zwei Weltkriege erlebt habe, sei ein "zerbrechliches Gut", sagte Franziskus. Partikularinteressen und nationales Denken drohten "die mutigen Träume der Gründer Europas zunichtezumachen". Um Friedensstifter zu sein, reiche es nicht, innere Spannungen zu vermeiden und Konflikte zu beenden. Verlangt seien auch Wahrheitsliebe, Streben nach Gerechtigkeit und Kreativität. Jetzt sei "nicht die Zeit, um Schützengräben auszuheben", sondern zum Mut "für die volle Verwirklichung des Traums von einem geeinten und einträchtigen Europa als einer Gemeinschaft von Völkern (...), die sich nach einem gemeinsamen Ziel der Entwicklung und des Friedens sehnen".
Seine 30-minütige Grundsatzrede begann der Papst mit dem Hinweis, dass der "vielleicht größte Beitrag" von Christen für das heutige Europa die Erinnerung daran sei, dass dieses "nicht eine Ansammlung von Zahlen oder Institutionen ist, sondern aus Menschen besteht": "Es gibt nicht die Bürger, es gibt die Stimmen bei Wahlen. Es gibt nicht die Migranten, es gibt die Quoten. Es gibt nicht die Arbeiter, es gibt die Wirtschaftsindikatoren. Es gibt nicht die Armen, es gibt die Armutsgrenzen", betonte Franziskus.
Christen seien aufgerufen, "Europa wieder eine Seele zu geben". Als deren zweiten Beitrag nannte der Papst die Wiederentdeckung des Sinns für Gemeinschaft. Im Zuge individualistischer Tendenzen habe sich eine "entwurzelte Gesellschaft" entwickelt. Der konkrete Mensch als Person und sein Sinn für die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft aber seien die "Fundamente des Europa, zu dessen Aufbau wir als Christen beitragen wollen und können". "Mauersteine" dieses Baus seien "Dialog, Inklusion, Solidarität, Entwicklung und Frieden", umriss Franziskus die grundlegenden Themen für Europa.
"Jeglichen Dialog" zu fördern, sei eine Grundverantwortung der Politik, mahnte er Papst; stattdessen werde sie allzu oft zu einer Plattform für Konflikte. "Die Stimme des Dialogs wird durch die Racheschreie ersetzt", kritisierte Franziskus. Eine solches "Desinteresse" und die Abkehr vom Gemeinwohl als dem primären Ziel der Politik werde von vielen Bürgern wahrgenommen. Extremistische und populistische Bewegungen machten den Protest zu ihrer Kernbotschaft, ohne jedoch eine konstruktive politische Alternative anzubieten, so der Papst. An die Stelle eines Dialogs träten ein "fruchtloser Widerspruch" oder eine politische Vormacht, die ein echtes demokratisches Leben verhindere. "Im einen Fall werden die Brücken zerstört und im anderen errichtet man Mauern", so Franziskus.
Europa müsse "vom Atlantik bis zum Ural, vom Nordpol bis zum Mittelmeer" zu einem Ort ehrlichen und konstruktiven Dialogs werden, sagte der Papst. Dabei komme auch der Religion eine Rolle zu, etwa in der Begegnung mit Muslimen in Europa. Allerdings sei "immer noch ein gewisses laizistisches Vorurteil verbreitet", das im religiösen Bekenntnis eine Bedrohung sehe. So würden das Recht auf Religionsfreiheit und andere Grundrechte künstlich gegeneinander ausgespielt.
Beim Thema Inklusion rief Franziskus Europas Regierungen zu Offenheit für Zuwanderer und deren Kultur auf. Inklusion heiße, Unterschiede wertzuschätzen und als Bereicherung anzunehmen. In dieser Hinsicht seien Migranten "mehr eine Ressource denn eine Last", sagte er. Angesichts des Flüchtlingsdramas dürfe man nicht vergessen, dass man es mit Menschen zu tun habe. Diese dürften "nicht nach Belieben ausgewählt oder entsorgt" werden, sei es aus politischen, wirtschaftlichen oder sogar religiösen Erwägungen, so der Papst.
Gleichzeitig mahnte er, die Einwanderungspolitik mit "Klugheit" zu gestalten. Neben der "Notwendigkeit, ein offenes Herz zu haben", brauche es Rücksicht auf Integrationsmöglichkeiten des betreffenden Landes. Weder dürfe Einwanderung ungeregelt erfolgen, noch könne man "Mauern der Gleichgültigkeit oder der Angst" errichten. Zuwanderer hätten ihrerseits die Pflicht, Kultur und Traditionen "zu respektieren und auch sich anzueignen", betonte Franziskus.
Seien Ruf nach der Wiederbesinnung auf das Solidaritätsprinzip in Europa bezog der Papst in seiner Rede ausdrücklich nicht nur auf die Beziehungen zwischen Staaten und den Regionen. "Eine solidarische Gemeinschaft zu sein, bedeutet, sich um die Schwächsten der Gesellschaft, die Armen, die von den wirtschaftlichen und sozialen Systemen Ausgegrenzten, angefangen von den alten Menschen und den Arbeitslosen, zu sorgen", sagte Franziskus.
Zugleich mahnte er mehr Gemeinschaftssinn zwischen den Generationen an. Europa erlebe "eine Art Gedächtnisverlust", beklagte Franziskus. Seit den 1960er-Jahren sei ein beispielloser Generationenkonflikt im Gang. Bei der Weitergabe der Ideale, die Europa groß gemacht hätten, habe man, "übertrieben gesagt, dem Vermächtnis den Verrat vorgezogen". Darauf folgte nach Ansicht des Papstes "eine Zeit dramatischer Sterilität, nicht nur, weil in Europa wenige Kinder geboren und zu viele von ihnen um das Recht des Geborenwerdens gebracht wurden, sondern auch weil man sich unfähig fand, den Jungen die materiellen und kulturellen Mittel zu geben, um die Zukunft anzugehen".
Viele junge Menschen fühlten sich "verloren angesichts fehlender Wurzeln und Perspektiven" und gefangen von Erwachsenen, die ihre eigenen Aufgaben kaum bewältigten. Eine ganzheitliche Bildung sei Aufgabe aller und verlange die Beteiligung der Eltern, der Schule und Universität, aber auch von Religion und Zivilgesellschaft.
Damit Europa eine "Quelle der Entwicklung für sich und die ganze Welt" werden könne, brauche es Arbeit und adäquate Beschäftigungsverhältnisse. Es sei Sache der Regierungen, die Bedingungen für ein "gesundes Unternehmertum und entsprechende Beschäftigungsniveaus" zu schaffen. Initiativen nach dem Vorbild christlicher Unternehmer des 20. Jahrhunderts seien "das beste Gegenmittel" gegen die Unausgeglichenheiten einer seelenlosen Globalisierung, so der Papst. Besonders sprach er sich für eine Aufwertung des Handwerks aus. Nötig seien auch Investitionen in Familie und Bildung.
Zum Abschluss des Kongresses "(Re)thinking Europe" im Vatikan hat Kardinal Reinhard Marx einen neuen Europäischen Konvent vorgeschlagen, auf dem die EU-Mitgliedsstaaten über Zukunftsfragen beraten sollten. Europa befinde sich an einem entscheidenden Punkt seiner Entwicklung; es stelle sich die Frage, ob der Kontinent sich wieder auseinanderentwickle und zu überkommenen Mustern zurückkehre, oder ob er Kraft zu einem neuen Aufbruch finde, sagte Marx, Präsident der Kommission der katholischen Bischofskonferenzen in der EU (ComECE) am Samstagabend in der Neuen Synodenaula im Vatikan.
Nötig seien "Räume des Dialogs für den ganzen Kontinent", betonte der Münchner Erzbischof. Die Christen wollten zu einem solchen Aufbruch beitragen, denn das Evangelium motiviere zum Einsatz für eine bessere Welt. "Jetzt ist die Stunde Europas. Jetzt ist die Stunde der Christen in Europa", sagte Marx. Die Christen hätten eine Vision für Europa und seien bereit, sich zu engagieren. "Wir geben das Projekt Europa nicht auf, sondern nehmen es neu an."