"Wien war aus geschichtlichen und geographischen Gründen der geeignete Ort, um eine ökumenische Begegnung, einen Dialog zwischen Ost und West, zu versuchen", sagte Kardinal Franz König beim 30-jährigen Jubiläum der Stiftung.
"Wien war aus geschichtlichen und geographischen Gründen der geeignete Ort, um eine ökumenische Begegnung, einen Dialog zwischen Ost und West, zu versuchen", sagte Kardinal Franz König beim 30-jährigen Jubiläum der Stiftung.
Erste bahnbrechende Meilensteine der Aktivitäten der Stiftung waren die Wiener Christologische Formel (1971) sowie das "Erste Ekklesiologische Kolloquium – Koinonia" (1974).
Wenige Tage bevor die Bischöfe auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1964 das Ökumenismusdekret "Unitatis Redintegratio" verabschiedeten, gründete der Wiener Erzbischof Kardinal Franz König die Stiftung Pro Oriente.
"Wien war aus geschichtlichen und geographischen Gründen der geeignete Ort, um eine ökumenische Begegnung, einen Dialog zwischen Ost und West, zu versuchen", sagte Kardinal Franz König beim 30-jährigen Jubiläum der Stiftung. "Die Wiener Ortskirche sah gewissermaßen darin einen Auftrag aus ihrer Geschichte, solche menschliche, christliche Begegnungen zu suchen und Gegensätze und Spannungen zu überwinden. Damals hat niemand und auch ich selber nicht auch nur im Entferntesten darin denken können, dass einmal Papst Johannes Paul II. in einer Audienz sagen würde, dass die Stiftung eine hochherzige und angemessene Antwort gebe auf den Auftrag des Zweiten Vatikanischen Konzils", so Kardinal König.
In den 50-jährigen Geschichte der "Pro Oriente" gab es einigen bahnbrechenden Meilensteine:
Der Dialog mit den Kirchen der byzantinischen Orthodoxie war in den ersten 25 Jahren des Bestehens von PRO ORIENTE durch die politische Situation belastet: Alle orthodoxen Kirchen in Europa – mit Ausnahme der Kirchen von Griechenland, von Zypern und von Finnland – befanden sich im kommunistischen Machtbereich. Dass es überhaupt zu Kontakten und Gesprächen kommen konnte, war nur möglich, weil PRO ORIENTE von Wien, der Hauptstadt des neutralen Österreich, aus agierte. Als erster "Meilenstein" auf dem Weg des Dialogs sollte sich das "Erste Ekklesiologische Kolloquium – Koinonia“ erweisen. Es war in Begegnungen mit dem Ökumenischen Patriarchen Athenagoras I. und seinem Nachfolger Demetrios I. sorgfältig vorbereitet worden.
Eine besondere Rolle spielte Metropolit Damaskinos Papandreou, der Leiter des Orthodoxen Zentrums in Chambesy. Bei der Eröffnung von "Koinonia" hob er den inoffiziellen Charakter der Begegnung hervor: Die Teilnehmer seien mit dem Segen ihrer Kirchenleitungen nach Wien gekommen, aber eben nicht als offizielle „Repräsentanten“ ihrer Kirchen. Man wolle auf eine "freie, leidenschaftslose Weise" an der Ausräumung von Missverständnissen arbeiten, gemeinsam die Wahrheit prüfen und um die Erkenntnis ringen, dass die legitimen Verschiedenheiten Ausdrucksformen des einen Glaubens sind.
Koinonia schuf wichtige Voraussetzungen für den offiziellen Dialog zwischen katholischer und orthodoxer Kirche, der im Jahre 1980 auf Rhodos und Patmos begann. Einmal mehr zeigte sich, dass in Wien auf inoffizieller Ebene manches "vor-gedacht" werden kann, das dann auch Auswirkungen auf hochoffizieller Ebene hat.
Im Jahr 1971 nahm die Stiftung das inoffizielle Gespräch mit den fünf orientalisch-orthodoxen Kirchen (armenisch-apostolische Kirche, syrisch-orthodoxe Kirche, koptisch-orthodoxe Kirche, äthiopisch-orthodoxe Kirche, indisch-orthodoxe Kirche) auf. Diese Kirchen hatten sich nach dem Konzil von Chalcedon im Jahr 451 von der römischen Reichskirche getrennt. 1.500 Jahre hatte zwischen diesen Kirchen und der römisch-katholischen Kirche Feindschaft und Skepsis geherrscht.
Bereits bei der ersten der fünf inoffiziellen Wiener Konsultationen orientalisch-orthodoxer und römisch-katholischer Kirchenvertreter kam es zu einem kirchenhistorischen Durchbruch. Der damals noch junge koptisch-orthodoxe Bischof Shenouda – der kurze Zeit später zum Papst-Patriarchen gewählt werden sollte – machte den Vorschlag, auf die überkommenen kontroverstheologischen Begriffe zu verzichten und lieber aufzuschreiben, wie der Glaube an Jesus Christus als "wahrer Gott und wahrer Mensch" in Liturgie und Gebet zum Ausdruck gebracht wird. Siehe da: Es zeigte sich weitgehende Übereinstimmung. Mit der sogenannten Wiener Christologischen Formel konnte ein 1.500 Jahre dauernder christologischer Streit beendet werden.
Der Dialog der Wiener Konsultationen wurde später durch ein ständiges Gremium weitergeführt, das sogenannte Standing Committee. Die Ergebnisse wurden in Regionalsymposien in Indien, Deutschland, Libanon etc. verbreitet.
Der 2004 zwischen Rom und den orientalisch-orthodoxen Kirchen begonnene offizielle Dialog benützt die Ergebnisse des inoffiziellen "Pro Oriente"-Dialogs mit dieser Kirchenfamilie als eine seiner wesentlichen wissenschaftlichen Grundlagen.
Die "Wende" von 1989 hatte zunächst auch viele ökumenische Hoffnungen geweckt. Der jahrzehntelange Druck des kommunistischen Staatsatheismus war dahin, die Kirchen konnten sich wieder frei entfalten. Manche – wie der US-amerikanische Politologe Francis Fukuyama – sahen "das Ende der Geschichte" gekommen. Aber sehr bald machte sich das Erbe der Geschichte kräftig bemerkbar.
In der Ukraine und in Rumänien stiegen die ("unierten") katholischen Ostkirchen aus den Katakomben, in denen sie in der Zeit des kommunistischen Totalitarismus heroisch überlebt hatten. Auf orthodoxer Seite wurde diese „Auferstehung“ der „unierten“ Kirchen überaus kritisch beobachtet.
Und in Jugoslawien, einem Land, in dem katholische und orthodoxe Kirche ungefähr gleich stark vertreten waren, machten sich dramatische Zerfallserscheinungen bemerkbar, die zum blutigen Bürgerkrieg und zur Auflösung des Staates führen sollten.
Die von den Kommunisten „zugedeckte“ und geleugnete Geschichte machte sich auch im Hinblick auf den ökumenischen Dialog bemerkbar. „Pro Oriente“ reagierte mit einer Reihe von Friedensinitiativen. Beginnend mit dem Jahr 1991 wurde zu drei Irenischen (Versöhnungs-) Initiativen nach Wien eingeladen. Dabei regten die teilnehmenden katholischen und orthodoxen Bischöfe aus ehemals kommunistisch beherrschten Ländern die Aufarbeitung der gemeinsam erlebten, aber unterschiedlich wahrgenommenen Geschichte an. „Pro Oriente“ nahm die Anregung auf und errichtete 1994 eine Kommission für südosteuropäische Geschichte, die aus Historikern und Theologen aus Südost- und Westeuropa besteht. Ziel dieser Kommission ist es, durch historisch-kritische Analysen eine gemeinsame Sicht der Geschichte dieser Region zu erarbeiten, um damit die Versöhnung zwischen den verschiedenen Ethnien und Religionsgemeinschaften voranzubringen und dem Abbau von Vorurteilen zu dienen.
Durch die Erfahrungen der intensiven Zusammenarbeit von orthodoxen und katholischen Theologinnen und Theologen sowie Historikerinnen und Historikern, war für Verantwortliche der Stiftung „Pro Oriente“ deutlich geworden, dass das Zusammendenken von Geschichte und Theologie ein wichtiger Beitrag auch für das ökumenische Gespräch sein kann. Daher startete die Stiftung drei weitere Projekte, die auch der Vertrauensbildung zwischen den durch die Konsequenzen der „Wende“ entzweiten Kirchen dienen sollten:
Die Kirchen der syrischen Tradition hatten 1.500 Jahre weitgehend isoliert voneinander gelebt, als „Pro Oriente“ sie im Jahr 1994 aus ihren Heimatländern (dem Nahen Osten und Indien) und ihrer Diaspora in Wien zusammenführte. Die Apostolische Kirche des Ostens (die Kirche des alten Perserreichs, die einst in weiten Teilen Asiens verbreitet war und das Evangelium bis nach Indien, China, Japan brachte) wurde erstmals in ein ökumenisches Gespräch mit der katholischen Kirche einbezogen. Diese Kirche hatte sich bereits im Jahr 431 nach dem Konzil von Ephesos von der römischen Reichskirche getrennt – freilich in erster Linie aus politischen Gründen, weil sie im Kampf der beiden damaligen Weltmächte Rom und Persien nicht als fünfte Kolonne der Römer gelten wollte.
„Pro Oriente“ ist nach wie vor das einzige Forum, auf dem diese Kirchen einander – auf inoffizieller Ebene – begegnen. Das Langzeitprojekt gilt dem Studium und der Bewahrung des gemeinsamen theologischen, liturgischen und spirituellen Erbes. Die Ergebnisse der Konsultationen werden von „Pro Oriente“ publiziert. Die wissenschaftliche Arbeit wird vom „Forum Syriacum“ getragen, das in regelmäßiger Folge auch „Colloquia Syriaca“ veranstaltet.
Pro Oriente ist eine Stiftung zur Förderung der Beziehungen zwischen der römisch-katholischen Kirche und den orthodoxen und orientalisch-orthodoxen Kirchen. Gegründet 1964 vom damaligen Erzbischof von Wien, Franz Kardinal König.
Hofburg, Marschallstiege II
A-1010 Wien
Tel.: 43/1/533 80 21
E-Mail: office@pro-oriente.at
"Es gibt keine vergleichbare katholische Organisation, irgendwo in der Weltkirche, die so umfassend, so entschieden und so nachhaltig das Gespräch mit dem christlichen Osten geführt hat, wie Pro Oriente" (Kardinal Christoph Schönborn)