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17.02.2023 · Österreich & Weltkirche · Weltkirche

Synode in Prag: Kirche auf Weg zu mehr Partizipation und Inklusion

 

Synoden-Teilnehmerin Steinmair-Pösel in "Furche"-Gespräch mit Prag-Delegierten: Sichtbarwerden von Unterschieden ängstige manche, "aber es war ein wichtiger Schritt". Polak: Bischöfe vor Ort sollen Synodalität soweit möglich jetzt schon verwirklichen. Zulehner: Bischöfe zeigten mit Schluss-Statement Respekt vor zutage getretenen Inhalten.

Bei der jüngsten europäischen Kontinentalsynode zum Synodalen Prozess in Prag wurden in vieler Hinsicht Spannungen in Bezug auf den zukünftigen Kurs der katholischen Kirche deutlich; die beteiligten Bischöfe gaben danach ein klares Bekenntnis zur Synodalität ab; die Kirche insgesamt setzte in Prag einen Schritt auf dem Weg zu mehr Partizipation und Inklusion: So könnten die rückblickenden Kommentare der österreichischen Synoden-Teilnehmenden in verschiedenen Medien zusammengefasst werden. Neben dem Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Salzburgs Erzbischof Franz Lackner, war Österreich vergangene Woche in Prag durch die Theologen Petra Steinmair-Pösel (Innsbruck), Regina Polak (Wien) und Markus Welte (Salzburg) vertreten.

 

Hochschulrektorin Steinmair-Pösel erklärte in einem "Furche"-Gespräch (Donnerstag) mit den Prag-Delegierten, mit der Hinwendung zur Synodalität hätten die Verantwortlichen "eine neue Richtung eingeschlagen, hin zu mehr Partizipation, auch in Richtung einer inklusiveren Kirche". Spannungen - etwa bei den Themen Frau in der Kirche, Umgang mit "Queer"-Personen, Aufarbeitung von Missbrauch - seien dadurch deutlich ans Tageslicht getreten, besonders auch durch unterschiedliche Sichtweisen der Ortskirchen in West- und Osteuropa. Sie glaube aber, so Steinmair-Pösel, "das ist die notwendige Voraussetzung dafür, dass die Unterschiede bearbeitbar werden". Das Sichtbarwerden ängstige manche, "aber es war ein wichtiger Schritt". Und zuletzt sei in Prag ein breiterer Konsens in Richtung "Wir wollen alle diesen synodalen Weg gehen" entstanden, so der Eindruck der Theologin.

 

Regina Polak erwartet für das noch redaktionell bearbeitete Schlussdokument "eine hohe Gewichtung des Missbrauchsthemas". Auch sei in Prag immer wieder die Frage von Dezentralisierung und regionalen Zugängen als Vorschlag eingebracht worden; Abstimmungen habe es bei der Versammlung aber bewusst nicht gegeben. "Die Kirchenleitung muss sich aber bewusst sein, dass es einmal Entscheidungen geben wird müssen, wenn sie in unseren Regionen nicht viele vor den Kopf stoßen will", betonte Polak. Und bei allem deklarierten Willen, "alle im Boot zu halten", werde es wohl keine Entscheidung geben können, bei der es nicht auch Enttäuschte gibt - entweder bei Bremsern von Reformen oder bei Drängern. "Da wird sich die Kirchenleitung überlegen müssen, welchen Flügel der Kirche sie zu enttäuschen bereit ist", sagte die Wiener Pastoraltheologin.

 

Ohne Kirchenbindung auch weniger Glaube

Polak appellierte an die Bischöfe vor Ort, sich zu überlegen, was man auf diözesaner bzw. nationaler Ebene an Synodalität jetzt schon verwirklichen kann. "Da ist kirchenrechtlich schon einiges möglich, was immer noch nicht verwirklicht ist." Polak warnte davor, "nur darauf zu warten, was in Rom passiert". Dann werde es "dramatisch, weil unsere Wertestudien zeigen, dass nicht nur die Kirchenbindung, sondern auch der Glaube an Gott implodiert".

 

Markus Welte, theologischer Referent von Erzbischof Lackner, äußerte diesbezüglich die "große Hoffnung", dass bei der Weltbischofssynode im kommenden Oktober "in einer Art Systematik die verschiedenen Ebenen von Synodalität geklärt werden", etwa was auf ortskirchlicher oder aber weltkirchlicher Ebene anzusiedeln sei. Das sei wichtiger, als dass ein bestimmtes Thema angegangen wird. Synodalität ist nach den Worten Weltes nicht nur Methode, sondern Wesenszug von Kirche. "Den wiederzuentdecken, dazu hat sich der Papst einen gut jesuitischen Lernweg ausgedacht: Nicht theologische Debatte, sondern Experimentierfeld und Erfahrungsraum." So habe er auch Prag erlebt, resümierte der Theologe.

 

Wie es nun weitergeht

Im Ö1-Interview für die Radioreihe "Praxis" skizzierte Petra Steinmair-Pösel das weitere Prozedere nach den bereits erfolgten ortskirchlichen bzw. nationalen und den kontinentalen Schritten des Synodalen Prozesses, mit dem der Papst die katholische Kirche "zukunftsfit" für das 21. Jahrhundert machen möchte. Zunächst wird eine internationale Redaktionsgruppe das Abschlussdokument der Prager Synode fertigstellen - ein ungefähr 20-seitiger Text, der von den Delegierten inhaltlich bereits approbiert worden sei. Dieser werde dann gemeinsam mit dem Prager Abschlussstatement der Bischöfe vom Generalrelator der Synode, Kardinal Jean-Claude Hollerich, nach Rom weitergegeben und bilde dort gemeinsam mit den Abschlussdokumenten der anderen Kontinentalsynoden die Basis für das Instrumentum laboris der Bischofssynode im Oktober.

 

Auf den Einwand, im Prager Abschlussdokument seien im Grunde unvereinbare Positionen nebeneinander gestellt worden, antwortete Steinmair-Pösel: Angesichts der faktischen Unterschiede und Spannungen, sei es besser, diese auch tatsächlich zu benennen. Geschehe dies nicht abwertend, sei es möglich, dass sich Vertreter unterschiedlicher Meinungen dann auch aufeinander zuzubewegen.

 

Dass es "im Extremfall" auch zu einer Art Kirchenspaltung kommen könnte, bejahte die Theologin. "Allerdings sehe ich es wirklich als einen Gewinn und als ein sehr positives Ergebnis dieser Kontinentalsynode, dass am Schluss jetzt ein gemeinsames Bekenntnis aller Beteiligten zur Einheit steht." Auch die in Prag anwesenden Bischöfe (darunter Erzbischof Lackner, Anm.) hätten in ihrem gemeinsamen Statement zum Abschlussdokument verdeutlicht: "Inhaltlich unterstreichen wir voll das, was gesagt worden ist. Wir geben das auch weiter, wir kehren nichts unter den Tisch, wir glätten nicht und beschönigen nicht." Und die Bischöfe hätten sich auch dazu bekannt, dass die Kirche einen synodalen Weg brauche. Sie halte dies für "sehr wichtig", sagte Steinmair-Pösel.

 

Kirchenpolitik schwächt geistlichen Prozess

Einen Überblick auf die Erkenntnisse von Prag gab auch Regina Polak auf dem Theologie-Webportal "feinschwarz.net". Die bei der Europa-Synode feststellbare Vermischung mit kirchenpolitischen Prozessen, "die eine Synode immer auch ist und sich z.B. in der Suche und in Absprachen mit Gleichgesinnten zeigte", schwächt nach Einschätzung der Wiener Theologin den geistlichen Prozess, als der Synodalität in Prag umgesetzt werden sollte. Dies verhindere, "dass man sich tatsächlich ergebnisoffen auf Andersdenkende und den Prozess einlassen und voneinander lernen kann". Überdies brauche es Zeiträume, in denen man sich über das Gehörte auch diskursiv und argumentativ verständigen kann. "Dazu sollten in den nächsten Monaten synodale Strukturen und europäische wie internationale Netzwerke etabliert werden", riet Polak.

 

Zulehner: Nur Sekten sind monokolor

Auch der renommierte Wiener Theologe und Religionssoziologe Paul Zulehner äußerte sich in einem Ö1-Interview ("Religion aktuell" am 13.2.) über die Prager Versammlung. Es sei ungewöhnlich gewesen, dass sich nicht nur Bischöfe trafen, sondern dort "Seite an Seite" mit Laienchristinnen und -christen und Ordensleuten berieten. Die Bischöfe hätten in ihrem Schluss-Statement Respekt vor dem bekundet, was inhaltlich zutage trat. Dass nichts bewertet und zensuriert worden sei, ist nach den Worten Zulehners nicht selbstverständlich.

 

Der Prozess sei noch immer ergebnisoffen, man wisse nicht, welche Seite sich durchsetzen wird, so der Theologe weiter, "das bleibt eine spannende Frage". Die bisherige Uneinigkeit müsse nicht irritieren, denn: "Sekten sind monokolor. Eine große Kirche verträgt die Vielfalt." Es gelte nun, sich in kleinen Schritten um Kompromisse zu bemühen, damit - wie Zulehner sagte - die eine Seite keine Angst vor Identitätsverlust und die andere keine Angst vor Bedeutungsverlust haben muss. Dies könnte darauf hinauslaufen, dass die Kirche dezentraler wird, verwies Zulehner auf die von Steinmair-Pösel vorgeschlagenen "Probierräume" für kirchliche Neuerungen. Dies erfordere freilich eine neue Kultur der Einheit in der Vielfalt. Zu vermeiden sei im Weiteren auch eine bisherige Schwäche des Synodalen Prozesses - nämlich dass sich die Kirche zu sehr mit sich selbst beschäftigt, wie Zulehner mahnte.

erstellt von: red/kathpress
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