Am Wiener Hauptbahnhof lädt der Raum der Stille zum Verweilen in der Hektik des Alltags ein.
Am Wiener Hauptbahnhof lädt der Raum der Stille zum Verweilen in der Hektik des Alltags ein.
Angebote in Ballungszentren vereinen qualifizierte Beratung und Seelsorge.
Wenn jedes Jahr die Besucherzahlen steigen, dann ist das ein deutliches Signal dafür, dass die sogenannten "Offene Tür"-Einrichtungen zu einer immer wichtigeren "Säule der Seelsorge" werden. Das hat P. Lorenz Voith, Leiter der Wiener "Gesprächsinsel" betont. "Offene Tür"-Stellen wie die "Gesprächsinsel" bieten Lebensberatung, Krisenbegleitung und Seelsorge für Menschen in sozialen, seelischen und religiösen Nöten. Das Angebot ist kostenlos, anonym und ohne Anmeldung möglich.
Es brauche neue niederschwellige kirchliche Angebote für jene Menschen, die man sonst im pastoralen Alltag nicht erreicht, "wo Seelsorger ganz im Sinne Jesu einfach da sind und Hilfe in vielfältigster Weise anbieten, ohne gleich zu missionieren", so Voith. Er äußerte sich am Rande einer internationalen Tagung in Wien, zu der knapp 40 Vertreter von "Offene Tür"-Einrichtungen aus Österreich, Deutschland, der Schweiz und Ungarn gekommen waren.
Zur Frage, weshalb gerade Orden bei dieser relativ neuen Form der Seelsorge eine so wichtige Rolle spielen, meinte der Redemptoristenpater, dass "Orden immer einen Schritt schneller sind bei neuen Entwicklungen". Man komme damit auch einem Auftrag von Papst Franziskus nach, der die Orden aufgefordert hat, als erste hinauszugehen zu den Menschen. Rund 10.000 Kontakte und Gespräche hat die Wiener "Gesprächsinsel" 2016 gezählt, berichtete P. Voith. Der Großteil der Menschen, die sich an "Offene Tür"-Stellen wenden, seien religiös nicht sozialisiert. Auch Angehörige anderer Religionen seien darunter.
Demnächst werde die "Gesprächsinsel" auch mit einem englischsprachigen Dienst beginnen, kündigte Voith an. Das sei in einer Stadt wie Wien einfach ein Gebot der Stunde.
"Offene Türen" gibt es in katholischer, evangelischer und ökumenischer Trägerschaft. Die Wiener "Gesprächsinsel" gibt es seit acht Jahren und wird beispielsweise von der Erzdiözese Wien und der Superiorenkonferenz der Männerorden unterstützt. Dabei seien die Anfänge mühsam und nicht unumstritten gewesen, erinnerte sich Voith. "Und irgendwann muss man dann einfach mutig anfangen", so der Ordensmann, "und Schritt für Schritt auch die Bischöfe überzeugen, dass das ein wichtiges seelsorgliches Anliegen ist".
Die internationale Tagung in Wien, die am Mittwoch zu Ende ging, wurde von der Wiener "Gesprächsinsel" organisiert und widmete sich speziell dem pastoralen und psychologischen Profil der "Offene-Tür"-Stellen.
Die "Offene Tür"-Stellen sind in Deutschland Anfang der 1950er Jahre auf Initiative katholischer Ordensleute im Zentrum größere Städten entstanden und waren oft mit der Entstehung und Entwicklung der Telefonseelsorge verbunden. In Österreich gibt es seit dem Jahr 2000 solche Einrichtungen. Seit zwei Jahren sind diese in einem eigenen "Netzwerk" verbunden, so u.a. die "Gesprächsoase" und der "Brunnen" in Innsbruck, der "Offene Himmel" in Salzburg, "Urbi et Orbi" in Linz, das "Kircheneck" in Graz, die "City-Pastoral" in Klagenfurt, sowie die "Gesprächsinsel", "Quo Vadis" und der "Raum der Stille" (Hauptbahnhof) in Wien. In Eisenstadt und St. Pölten sind ähnliche Projekte geplant.
Bei den "Offene Tür"-Einrichtungen gehe es um qualifizierte Lebensberatung, die zugleich auch Seelsorge ist. "Und das unterscheidet uns von anderen Beratungsstellen", hielt Sybille Loew, Leiterin der "Münchner Insel" fest. Die Anlaufstelle im Zentrum der bayrischen Hauptstadt verzeichne pro Jahr rund 8.000 längere Beratungsgespräche, "und wir greifen das Thema Religion bzw. Glaube auf, wenn es dafür Anknüpfungspunkte gibt", so Loew. Jeder Mensch werde in seinem kulturellen und - sofern vorhanden - religiösen Hintergrund ernst genommen. Und das auch auf dem Hintergrund, dass rund 40 Prozent der "Klienten" der "Münchner Insel" Migrationshintergrund haben. Auch Muslime würden die Seelsorgeeinrichtung, die es seit 1972 gibt, aufsuchen, berichtete Loew.
"Der Seele Raum geben und weitergehen" lautet das Motto der "Bahnhofkirche" in Zürich. "Zu uns kommen sowohl Obdachlose als auch Banker", berichtete Theo Handschin, Leiter der Einrichtung. Freilich aus unterschiedlichen Gründen. Doch egal, ob sich jemand in einer existenziellen Lebenskrise befinde, ein wenig Wärme und einen Platz zum Schlafen brauche oder einfach nur im "Raum der Stille" ein wenig Zeit zum Verschnaufen suche, in der Bahnhofkirche am Zürcher Hauptbahnhof seien alle willkommen. Und das seit 16 Jahren.
Neben dem "Raum der Stille" und dem Gesprächs- und Beratungsangebot werden zudem mit einem täglichen spirituellen Impuls, den es gedruckt oder elektronisch gibt, jeden Tag rund 1.000 Personen erreicht. "Künftig wollen wir die Menschen nicht nur bei uns willkommen heißen, sondern auch verstärkt hinausgehen in diesen Sozialraum Bahnhof, der ja ein ganz eigener Kosmos ist", kündigte Handschin an. Auch die Zürcher "Bahnhofkirche" ist ein ökumenisches Projekt, getragen von der katholischen und evangelisch-reformierten Kirche.