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02.07.2022 · Kardinal · Gedanken zum Evangelium

Die Ernte ist groß

Die Ernte ist groß! Ich denke an das Thema Einsamkeit.Einsamkeit ist eine der großen Hungersnöte unserer Zeit. Jesus sagt denen, die sich von ihm senden lassen, sie sollen keinen Geldbeutel mitnehmen, keine Vorratstasche. Ich sehe darin eine Einladung, dass wir uns nicht hinter unserem Hab und Gut verschanzen, sondern Herz und Tür für den Anderen offenhalten sollen.

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium vom 3. Juli 2022.

Mich erschreckt das Bild, das Jesus gebraucht. Es ist ernst und macht Sorge: „Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter.“ Wenn es an den Erntearbeitern fehlt, dann verkommt die Ernte auf den Feldern. Ohne Ernte kein Essen. Also droht Hungersnot. Denn das tägliche Brot kommt nicht aus dem Supermarkt, sondern von der guten Ernte auf den Feldern. Von „Ernährungssicherheit“ ist zurzeit viel die Rede. Der Krieg in der Ukraine gibt Anlass zu großer Sorge. Können die Felder dieser Kornkammer Europas wegen fehlender Arbeitskräfte und wegen der Kriegswirren nicht bebaut und abgeerntet werden? Die Männer sind im Krieg, Frauen und Kinder flüchten vor den Bomben. Die Ernteausfälle werden immer größer. In manchen Teilen der Welt kommt zudem anhaltende Dürre dazu. Hunger droht in vielen Ländern. Zur Zeit Jesu wussten die Menschen, wie kostbar das tägliche Brot ist. Wir beginnen wieder, es zu spüren.


Jesus knüpft an der Sorge um genügend Nahrung an, um von einer anderen Hungersnot zu sprechen. „Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden.“ Es gibt viel zu ernten, aber viel zu wenige Arbeiter. Jesus hat aber nicht darüber geklagt, sondern selber gehandelt und gleich einmal zweiundsiebzig von seinen Anhängern ausgesandt. Das war viel, und doch viel zu wenig. Denn Jesus sah die ganze Welt als großen Acker, auf dem die Ernte darauf wartet, eingebracht zu werden. Umso größer seine Sorge: „Es gibt nur wenige Arbeiter.“ Wer ist bereit, sich „anheuern“ zu lassen? Jesus sucht offensichtlich Menschen, die sich von der Erntenot berühren lassen und Hand anlegen. Er wünscht sich Menschen, die seine Sorge teilen und sich senden lassen. Er braucht Mitarbeiter an seiner Sendung. Was er ihnen verspricht, ist freilich nicht gerade anziehend. Sie werden sich Gefahren aussetzen und wehrlos und ohne Geld ihren Dienst zu tun haben: „Ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. Nehmt keinen Geldbeutel mit, keine Vorratstasche …“ Wo immer sie hinkommen, sie sollen als erstes den Menschen Frieden wünschen und Frieden bringen.


Im Klartext heißt das: Jesus sucht Menschen, die an seiner Mission des Friedens und der Versöhnung mitarbeiten. Dazu müssen sie selber seine Haltung einüben, von Wölfen zu Schafen werden, ihre Neigung zu Gewalt und Härte überwinden. Vom heiligen Benedikt, dem Mönchsvater (5. Jh.) wird berichtet, eine Gruppe von Räubern habe ihn in seiner Waldeinsamkeit überfallen wollen. Sie waren von seiner Güte so beeindruckt, dass sie sich für ihr Verhalten schämten und sich ihm anschlossen. Frieden bringen können wir nur, wenn wir ihn im Herzen haben. Was für ein Segen sind Menschen, die statt Streit und Hader Frieden stiften. Solche Arbeiter sucht Jesus für seine Ernte. Und davon gibt es viel zu wenige, obwohl wir sie so dringend bräuchten, in unseren Familien, in der Politik, im Zusammenleben.


Die Ernte ist groß! Ich denke an das Thema Einsamkeit. In unserer Welt haben wir alle Handys, starren auf unsere kleinen Bildschirme, aber wir verlieren die einfache Gemeinschaft untereinander. Einsamkeit ist eine der großen Hungersnöte unserer Zeit. Jesus sagt denen, die sich von ihm senden lassen, sie sollen keinen Geldbeutel mitnehmen, keine Vorratstasche. Ich sehe darin eine Einladung, dass wir uns nicht hinter unserem Hab und Gut verschanzen, sondern Herz und Tür für den Anderen offenhalten sollen. Und warum sagt Jesus: „Grüßt niemanden auf dem Weg?“ Ich sehe das so: Halte dich fern von Tratsch und Klatsch. Wieviel Böses würden wir vermeiden, wenn wir unsere Zunge beherrschen könnten! „Heilt die Kranken“, ist Jesu Auftrag. Wieviel Heilkraft liegt in der Zuwendung zu denen, die zu leiden haben! Wirklich, die Ernte ist groß! Sie wartet auf uns. Sie braucht uns. Bitten wir „den Herrn der Ernte“, solche Arbeiter zu senden. Wir selber sind gefragt.
 

erstellt von: Kardinal Christoph Schönborn
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Evangelium vom 3.7.2022

Lukas 10,1-9

Danach suchte der Herr zweiundsiebzig andere aus und sandte sie zu zweit vor sich her in alle Städte und Ortschaften, in die er selbst gehen wollte. Er sagte zu ihnen: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden! Geht! Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. Nehmt keinen Geldbeutel mit, keine Vorratstasche und keine Schuhe! Grüßt niemanden auf dem Weg!

 

Wenn ihr in ein Haus kommt, so sagt als Erstes: Friede diesem Haus! Und wenn dort ein Sohn des Friedens wohnt, wird euer Friede auf ihm ruhen; andernfalls wird er zu euch zurückkehren. Bleibt in diesem Haus, esst und trinkt, was man euch anbietet; denn wer arbeitet, ist seines Lohnes wert. Zieht nicht von einem Haus in ein anderes! Wenn ihr in eine Stadt kommt und man euch aufnimmt, so esst, was man euch vorsetzt. Heilt die Kranken, die dort sind, und sagt ihnen: Das Reich Gottes ist euch nahe!

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