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28.12.2019 · Kardinal · Gedanken zum Evangelium

Die Flucht der Heiligen Familie

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Sonntag, 29. Dezember 2019 (Mt 2,13-15.19-23)

Man kann nicht das christliche Ägypten besuchen, ohne an vielen Orten auf die Spuren der Heiligen Familie zu stoßen.

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Sonntag, 29. Dezember 2019 (Mt 2,13-15.19-23)

Vor drei Jahren durfte ich Gast der Koptischen Kirche in Ägypten sein. Papst Tawadros, das Oberhaupt der Kopten, hatte mich eingeladen. Eine Woche lang konnte ich Kirchen, Klöster, Einrichtungen dieser so bewundernswerten, uralten christlichen Kirche kennenlernen. Am meisten haben mich die Gläubigen selber beeindruckt. Seit 1375 Jahren ist Ägypten unter islamischer Herrschaft. Die Christen, einst die Mehrheit, sind seit langem eine immer wieder verfolgte und ständig benachteiligte Minderheit. Umso eindrucksvoller ist ihre starke Glaubenstreue, die Lebendigkeit ihrer Gemeinschaft, die besonders in den Wüstenklöstern erlebbar ist, den blühenden Zentren ihrer Kirche.

 

Man kann nicht das christliche Ägypten besuchen, ohne an vielen Orten auf die Spuren der Heiligen Familie zu stoßen. Dass Josef auf eine Weisung Gottes hin eiligst mit Maria und dem Kind nach Ägypten geflohen ist, lesen wir im heutigen Evangelium. Die Angst vor der mörderischen Wut des Herodes trieb die kleine Familie in die Flucht. Sie dürften nicht die einzigen Juden gewesen sein, die damals in der brutalen Tyrannei des Herodes nach Ägypten auswichen, wo es starke jüdische Gemeinden gab.

 

In meiner Studienzeit war es üblich, die Geschichte von der Flucht nach Ägypten als fromme Legende abzutun! Umso überraschter war ich, als ich im Lauf der Jahre in der Begegnung mit koptischen Christen, Priestern, Bischöfen feststellen musste, dass sie alle zutiefst überzeugt waren: Die Heilige Familie lebte als Flüchtlinge in Ägypten. Mehr noch: Die uralte Überlieferung konnte genau den Fluchtweg nachzeichnen und all die Stationen angeben, an denen die Heilige Familie sich eine Zeitlang aufhielt, ehe sie weiterzog.

 

Bei meinem Besuch in Ägypten wurden mir mehrere dieser Orte gezeigt, an denen bis heute das Verweilen der Heiligen Familie verehrt wird. Mir wurde bewusst, wie tief das Flüchtlingsschicksal der Heiligen Familie das Glaubensleben dieser tapferen Christen geprägt hat. Seither frage ich mich, ob und wie das bei uns, den Christen Europas, im Bewusstsein lebendig ist. Was bedeutet es für mein Verständnis von Christsein, dass Jesus, der Sohn Gottes, als Kind Marias geboren, schon kurz nach der Geburt das Schicksal eines Flüchtlings erlebte?

Weihnachten ist bei uns das Fest der Familien, des Schenkens, der Geborgenheit. Das heutige Evangelium erinnert uns an die schmerzliche Wirklichkeit, dass, während wir Weihnachten feiern, Millionen von Familien das Schicksal von Jesus, Maria und Josef erleben. Die koptischen Christen hängen so sehr an den Erinnerungen an die Flucht der Heiligen Familie, weil sie darin ihr eigenes Schicksal wiederfinden.

 

Noch etwas ist mir bei meinem Besuch in Ägypten bewusstgeworden. Nicht weniger als 23 Orte werden genannt und gezeigt, wo sich überall die Heilige Familie auf ihrer Flucht aufgehalten habe. Es ist ja nicht ungewöhnlich, dass Flüchtlinge von einem Quartier zum anderen weiterziehen müssen, ehe sie irgendwo eine neue Heimat finden. Bei uns als Flüchtlingsfamilie waren es etwa sieben Stationen.

 

Die koptischen Christen sehen in diesen vielen Aufenthalten einen tiefen Sinn für ihren Glauben. Sie sind stolz und dankbar, dass Jesus mit Maria und Josef zu ihnen gekommen ist. Die Heilige Flüchtlingsfamilie hat durch ihre Anwesenheit an so vielen Orten ihre Heimat Ägypten geheiligt. Besucht heute die Heilige Familie auch unsere Heimat durch so manche Flüchtlingsfamilien in unserer Mitte?

erstellt von: Kardinal Christoph Schönborn
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Matthäusevangelium 2,13-15.19-23

Als die Sterndeuter wieder gegangen waren, siehe, da erschien dem Josef im Traum ein Engel des Herrn und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten; dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten. Da stand Josef auf und floh in der Nacht mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten. Dort blieb er bis zum Tod des Herodes. Denn es sollte sich erfüllen, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen. Als Herodes gestorben war, siehe, da erschien dem Josef in Ägypten ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und zieh in das Land Israel; denn die Leute, die dem Kind nach dem Leben getrachtet haben, sind tot. Da stand er auf und zog mit dem Kind und dessen Mutter in das Land Israel. Als er aber hörte, dass in Judäa Archelaus anstelle seines Vaters Herodes regierte, fürchtete er sich, dorthin zu gehen. Und weil er im Traum einen Befehl erhalten hatte, zog er in das Gebiet von Galiläa und ließ sich in einer Stadt namens Nazaret nieder. Denn es sollte sich erfüllen, was durch die Propheten gesagt worden ist: Er wird Nazoräer genannt werden.


Kardinal Schönborn

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