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26.06.2021 · Kardinal · Gedanken zum Evangelium

Ich sage dir, steh auf!

Auferstehung geschieht täglich in den kleinen Dingen, die das Leben lebendig machen. Ein Wort der Anerkennung, ein Zeichen der Wertschätzung, eine Geste des Trostes, alles, was andere aufrichtet, ist Vorgeschmack der Auferstehung. Und dafür ist es nie zu spät.

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Sonntag, 27. Juni 2021 (Mk 5, 21-24.35b-43)

Die flehentliche Bitte dieses Vaters berührt jeden, der sich in seine Situation hineinversetzt: „Meine Tochter liegt im Sterben. Komm und leg ihr die Hände auf, damit sie geheilt wird und am Leben bleibt!“ Wir erfahren seinen Namen und seinen Beruf: Jaïrus war ein Synagogenvorsteher. Seine Tochter war zwölf Jahre alt. Jesus lässt sich von seiner Bitte bewegen und geht mit, umringt von einer Menschenmenge.

 

Bis heute bitten Menschen Jesus um Hilfe in allen möglichen Notsituationen. Ist das naiv? Eine Art Magie, aus der Bedrängnis heraus auf ein Eingreifen von oben zu hoffen? Eine Kerze in der Kirche anzünden, als würde sie für mich das Anliegen vor Gott bringen? Es ist keine Schande, den Himmel zu bestürmen, wenn irdischer Kummer uns drückt. Jaïrus hat gehört, dass Jesus heilen kann. In seiner Angst um das Leben seines Kindes greift er nach diesem Strohhalm der Hoffnung.

Unterwegs kommt die befürchtete Nachricht: „Deine Tochter ist gestorben.“ Lass den Meister in Ruhe, es ist zu spät. Wie oft ist dieses Wort zu hören: Es ist zu spät! Es hilft nichts mehr! Jesu Antwort: Es ist nie zu spät! „Fürchte dich nicht! Glaube nur!“ Was hilft der Glaube angesichts des Todes? Der Tod ist endgültig! Das sagt die nüchterne Erfahrung. Man klagt über den Tod, man weint, aber bald kehrt man zum Alltag zurück. Das Leben geht weiter, bis der Nächste stirbt.

 

Jesus erntet nur Spott und Gelächter als er sagt: „Das Kind ist nicht gestorben, es schläft nur.“ Natürlich weiß Jesus, dass das Mädchen, das da auf seinem Bett aufgebahrt liegt, tot ist. Aber nennen wir die Gestorbenen nicht die „Entschlafenen“? Ist der Tod nicht "Schlafes Bruder"? Robert Schneider hat seinem berühmten Roman diesen Titel gegeben. Was Jesus dann tat, hat sich allen Beteiligten unvergesslich eingeprägt, so sehr, dass seine Worte in seiner aramäischen Muttersprache überliefert wurden. „Talita kum!“ Mädchen, ich sage dir, steh auf! Wahrscheinlich hätten wir dieselbe Reaktion wie die Augenzeugen damals: fassungsloses Entsetzen! Tote sind eben tot. Wenn sie sich plötzlich erheben und leben, ist das äußerst unheimlich. Jesus bleibt nüchtern und praktisch. Liebevoll sagt er den Eltern: Gebt dem Kind etwas zu essen!

 

Ich sage dir, steh auf! Dieses Wort Jesu ist wie eine Einladung zu erfahren, dass eine Auferstehung von den Toten, wie die hier berichtete, zwar selten ist, nicht aber die Ahnung davon. Das morgendliche Aufstehen nach dem Schlaf der Nacht ist eine solche Ahnung. Es bleibt ein großes Geheimnis, dass wir jede Nacht in den Schlaf abtauchen und beim Aufwachen wieder im Leben auftauchen. Ein neuer Tag beginnt. Wachen und Schlafen, dieser Rhythmus begleitet uns ein Leben lang, bis wir im Tod entschlafen und so zum ewigen Leben erwachen.

 

Ich sage dir, steh auf! Es gehört zu den schönsten Erfahrungen, wenn junge Menschen eine helfende Hand gereicht bekommen, die ihnen Mut macht, aufzustehen und ihren Weg zu gehen. Ich denke dankbar an die Hände, die mich in jungen Jahren und auch später aufgerichtet haben. Auferstehung geschieht täglich in den kleinen Dingen, die das Leben lebendig machen. Ein Wort der Anerkennung, ein Zeichen der Wertschätzung, eine Geste des Trostes, alles, was andere aufrichtet, ist Vorgeschmack der Auferstehung. Und dafür ist es nie zu spät.

 

Andere niederzumachen, um sich selber zu erheben, ist das Gegenteil von dem, was Jesus gemacht hat. Er ist mit dem von Sorge geplagten Vater mitgegangen. Mitgehen mit denen, die Kummer haben, ist schon ein Stück Auferstehung. Denn Jesus hat nicht nur das Töchterlein des Jaïrus wieder ins Leben zurückgeholt. Er hört nicht auf, auch uns die Hand zu reichen, und uns zu sagen: „Steh auf!“

erstellt von: Kardinal Christoph Schönborn
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Evangelium am Sonntag, 27. Juni 2021 Mk 5,21–24.35b–43

In jener Zeit fuhr Jesus im Boot an das andere Ufer des Sees von Galiläa hinüber und eine große Menschenmenge versammelte sich um ihn. Während er noch am See war, kam einer der Synagogenvorsteher namens Jaïrus zu ihm. Als er Jesus sah, fiel er ihm zu Füßen und flehte ihn um Hilfe an; er sagte: Meine Tochter liegt im Sterben. Komm und leg ihr die Hände auf, damit sie geheilt wird und am Leben bleibt! Da ging Jesus mit ihm. Viele Menschen folgten ihm und drängten sich um ihn. Unterwegs kamen Leute, die zum Haus des Synagogenvorstehers gehörten, und sagten zu Jaïrus: Deine Tochter ist gestorben. Warum bemühst du den Meister noch länger? Jesus, der diese Worte gehört hatte, sagte zu dem Synagogenvorsteher: Fürchte dich nicht! Glaube nur! Und er ließ keinen mitkommen außer Petrus, Jakobus und Johannes, den Bruder des Jakobus. Sie gingen zum Haus des Synagogenvorstehers. Als Jesus den Tumult sah und wie sie heftig weinten und klagten, trat er ein und sagte zu ihnen: Warum schreit und weint ihr? Das Kind ist nicht gestorben, es schläft nur. Da lachten sie ihn aus. Er aber warf alle hinaus und nahm den Vater des Kindes und die Mutter und die, die mit ihm waren, und ging in den Raum, in dem das Kind lag. Er fasste das Kind an der Hand und sagte zu ihm: Talita kum!, das heißt übersetzt: Mädchen, ich sage dir, steh auf! Sofort stand das Mädchen auf und ging umher. Es war zwölf Jahre alt. Die Leute waren ganz fassungslos vor Entsetzen. Doch er schärfte ihnen ein, niemand dürfe etwas davon erfahren; dann sagte er, man solle dem Mädchen etwas zu essen geben.

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