P. Friedrich Bechina ist Untersekretär der vatikanischen Bildungskongregation.
P. Friedrich Bechina ist Untersekretär der vatikanischen Bildungskongregation.
Interdisziplinarität soll wichtiger werden.
Papst Franziskus intendiert mit seiner am Montag, 29. Jänner 2018 präsentierten Apostolischen Konstitution "Veritatis gaudium", die Theologie dialogfähig zu halten und die Fakultäten zu ermutigen, sich stärker in den Dienst des Gemeinwohls zu stellen: Das unterstrich der aus Österreichs stammende Untersekretär der vatikanischen Bildungskongregation, P. Friedrich Bechina, am Dienstag in einem Interview mit dem Portal "Vatican News": "Kann sich unter den Formulierungen, die im theologischen Jargon verwendet werden, ein Mensch etwas vorstellen, der selbst nicht Theologie studiert hat? Sind wir kommunikationsfähig?", formulierte Bechina zugespitzt.
Die "Kirche im Aufbruch", das "Hinausgehen", wie es der Papst sage, bilde den Gegensatz zu der vom Papst ständig kritisierten Selbstreferenzialität, des In-Sich-Verschlossen-Bleiben. Dies sei nicht zuletzt oft auch den kirchlichen Fakultäten vorgeworfen worden: "Es ist die Kritik, nicht zu versuchen, mit anderen Fakultäten einen Dialog aufzubauen und nicht zu versuchen, in der Öffentlichkeit präsent zu sein. Das ist dann auch die Frage des Sprachstils - also in welcher Weise kommunizieren wir Theologie?", so der aus Wien stammende und im Vatikan tätige Ordensmann.
Auf der anderen Seite dürfe jedoch das Bemühen um sprachliche Anschlussfähigkeit nicht dazu führen, "in Banalitäten zu fallen". Theologische Fakultäten seien schließlich keine "Trittbrettfahrer", vielmehr dürfe man von katholischen Fakultäten zu Recht erwarten, "dass sie Ideen entwickeln und in der Forschung neue Ansätze suchen und weiterentwickeln. Das ist ja auch der Grund, warum dieses Schreiben jetzt nicht die großen Neuerungen unter den Normen bringt, sondern vielmehr die Verantwortung zurückspielt an die Fakultäten."
Dennoch gebe es klare "Richtungsweisungen" im Dokument und die generelle Aufforderung, "mutig neue Wege zu suchen". Bechina ortete insgesamt sechs Neuerungen, die der Papst den Fakultäten und kirchlichen Hochschulen aufbürdet: Dazu zählt etwa die neue Qualitätssicherungsagentur "Avepro", die vertraglich gesicherte bilaterale Hochschulzusammenarbeit der päpstlichen Unis, die Distance-Education, die Hilfe für Flüchtlingsstudenten mit Problemen beim Qualifikationennachweis, die kirchliche Hochschulpräsenz an Hotspots wie Refugee-Camps sowie einheitliche Standards zur Erhöhung der Studentenmobilität.
In dem Dokument sei insgesamt viel von Dialogfähigkeit die Rede, sagte Bechina. Es gehe dabei auch um den innerkirchlichen Dialog, den Dialog in einer polarisierten Gesellschaft und manchmal auch polarisierten Kirche. Diese Dialogfähigkeit stehe an erster Stelle unter den Kompetenzen. Betont würden weiter Inter- und Transdisziplinarität. Als sehr wichtig erachtet werde der Netzwerkaufbau: "Das ist auch eine Frage der Qualifikation und breiten Zusammenarbeit, also das Zusammenführen der Ressourcen und Kräfte um des guten Willens", so Bechina.
Zu beachten sei: Wenn eine Apostolische Konstitution den kirchlichen Fakultäten - also theologischen und philosophischen, kirchenrechtlichen und anderen spezialisierten Fakultäten - einen Auftrag gebe, dann sei das auch ein Auftrag an die Kirche ad intra: "Es trifft hier sicher auch die innerkirchliche Leadership-Frage, aber es ist eine Entwicklung der vergangenen 50 Jahre, durch das Engagement des Heiligen Stuhls auch in einer breiteren Öffentlichkeit und in der Gesellschaft das Spektrum zu erweitern", erläuterte der vatikanische Hochschulexperte: "Man darf hier durchaus beides sehen: die Frage nach kirchlichem Leadership und die Frage nach Leaderships für die Gesellschaft insgesamt. Da spielen die kirchlichen Fakultäten eine wichtige Rolle."
Eine Neuigkeit, die dem Papst vorschwebe, sei die Einrichtung von Forschungseinrichtungen, die sich den epochalen heutigen Problemen widmeten. Bereits Benedikt XVI. habe allerdings mit "Caritas in veritate" die katholische Soziallehre wieder in den öffentlichen Diskurs gebracht. "Da wäre sicher ein Gegengewicht auch von den kirchlichen Fakultäten zu wünschen, dass über eine Oberflächlichkeit der Kommunikation, eine Oberflächlichkeit leider manchmal auch im Universitätsbetrieb, hinausgeht und wieder zu einer Tiefgründigkeit eines echten Studiums einer seriösen Forschung gelangt, die dann die Lehre durchformt", erinnerte Bechina.
Er hob auch die vom Papst intendierte Bewusstseinsformung zu einem altruistischen und sorgsamen Umgang in der Gesellschaft, "also die Bereitschaft zu dienen", hervor. Dies sei ein Punkt, der auch von "Caritas in veritate" stamme: "Das ist das Thema der Liebe, die über die Gerechtigkeit hinausgeht. Es gibt aber keine Gerechtigkeit ohne Liebe, und Liebe heißt immer, über sich selbst hinaus zu blicken, für den anderen etwas zu tun. Es ist jener Dienstcharakter, der ihn ausprägt. Ein Schlüsselbegriff diesbezüglich wäre etwa das Service-Learning."
Franziskus greife die Thematik auf, beziehe sich explizit auf seinen Vorgänger Benedikt XVI. und zitiere, dass es an tiefgründigen Gedanken fehle. Ausgehend von der Frage "Eigennutz oder gemeinsamer Nutzen?" betone er die Notwendigkeit der Erweiterung des Horizontes, "nicht nur auf die unmittelbar soziale Frage, sondern auch die globalen anderen Fragen, die das Bewahren der Schöpfung und das ganze Thema der Nachhaltigkeit betrifft - und das nicht nur in einem materiellen Sinn, sondern durchaus in einem politischen Sinn". Das sei auch eine Botschaft im Blick auf das politische Szenario heute, "in dem sehr viel auch zu Polarisierung und Oberflächlichkeit hinführt und zu all dem, was wir heute Populismus nennen".