„Die Feier mit den Bewohnern dieses Hauses gehört für mich zur Vorbereitung auf Weihnachten. Sie ist ein Fixtermin für mich“, begrüßte der Wiener Erzbischof am Mittwoch vor Weihnachten die Insassen und Justizwachebeamte in der weihnachtlich geschmückten katholischen Kapelle der Justizanstalt Wien-Josefstadt. Bereits zum 29. Mal zelebrierte Schönborn – vermutlich zum letzten Mal – als Erzbischof die traditionelle Andacht mit Weihnachtsliedern, bei der ein Häftling und ein Beamter das Weihnachtsevangelium nach Lukas vortrugen.
Schönborn segnete eine neue Ikone in der Kapelle, die Jesus als guten Hirten mit einem Schaf auf seinen Schultern zeigt. Als Dank für sein jahrzehntelanges Engagement und seine Verbundenheit mit gefangenen Menschen überreichte ein Insasse dem Kardinal eine handgefertigte Figur eines Hirten mit Schafen aus Metall. Die Statue wurde in der anstaltseigenen Schlosserei von Häftlingen angefertigt. Auch drei metallene Rosen erhielt der Kardinal, die ebenfalls von Häftlingen hergestellt wurden. Sie symbolisieren die drei Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe.
In seiner Predigt ging Kardinal Schönborn auf das Bild des Guten Hirten ein. Er predige viel im Laufe des Jahres, so der Kardinal. „Die Predigt hier in der Justizanstalt ist eine der schwersten für mich. Denn ich möchte euch keine frommen Sprüche mitgeben, sondern echten Trost und echte Hoffnung“, begann er einleitend seine Worte. Großen Trost finde er im Bild von Jesus als dem guten Hirten, denn „ich habe in meinem Leben persönlich von Jesus erfahren, dass er mein Hirte ist“.
Im biblischen Gleichnis vom Hirten, der eines seiner 100 Schafe verliert und auf der Suche nach dem einen verlorenen Schaf seine restlichen 99 Schafe zurücklässt (Lukas 15), sieht er eine trost- und hoffnungsvolle Botschaft: „Jeder von uns kann in die Irre gehen. Jesus sagt uns zu: Wenn du dich verläufst, werde ich dich suchen und heimholen. Jesus geht dir nach, er lässt dich nicht hängen. Das gilt für jeden von uns!“ Jesus sei der Trost für die Welt, diesen Trost wünsche er allen Gefangenen, ihren Familien und Freunden „und denen, die Sie als Feinde erlebt haben“, so Schönborn.
Berührender Abschluss des Gottesdienstes war wie jedes Jahr das gemeinsame Singen des Liedes „Stille Nacht“, wenn Menschen, die wegen unterschiedlichster Delikte in Haft sind, gemeinsam das berühmteste Weihnachtslied der Welt anstimmen und damit die Geburt Jesu besingen.