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09.09.2014 · Buch

Erst die Verheißung und dann die Moral

Schockenhoff: „Wichtig ist das Vorankommen und Weiterschreiten auf dem Weg: Stillstehen auf den Wegen Gottes heißt zurückfallen."

Interview mit dem Freiburger Moraltheologen Eberhard Schockenhoff über sein neuestes Buch zur Bergpredigt (Mt 5 - 7)

Ist das Programm der Bergpredigt mit seinem hohen Anspruch überhaupt erfüllbar?

 

Schockenhoff: Die Gebote der Bergpredigt verstehen sich für Jesus als eine Konsequenz aus dem Anbruch des Reiches Gottes, das er verkündet. Diese Gebote wollen tatsächlich erfüllt werden, aber nicht im buchstäblichen Sinn, sondern so, dass sie von den Hörerinnen und Hörern in ihre eigene Lebenssituation transponiert werden. Das erfordert Phantasie und das, was der Dichter Robert Musil den Möglichkeitssinn genannt hat, der neue Handlungsmöglichkeiten aufspürt. Die Erfüllbarkeit der Bergpredigt darf auch nicht nach einem rechtlichen Modell im Sinne von Gesetzesparagraphen gedacht werden, bei denen sich die Nichterfüllung genau feststellen lässt. Vielmehr verweisen die Gebote der Bergpredigt auf Zielvorstellungen, die sich auf dem Weg des Christseins nur in Annäherungen, aber niemals in abschließender Weise verwirklichen lassen. Wichtig ist das Vorankommen und Weiterschreiten auf dem Weg nach dem Motto der mittelalterlichen Theologie: „Stillstehen auf den Wegen Gottes heißt zurückfallen“ (Stare in via Dei est retrocedere).

 

Warum ist die „größere Gerechtigkeit“ der Schlüsselbegriff der Botschaft Jesu?

 

Schockenhoff: Mit dem Stichwort der „größeren Gerechtigkeit“ umschreibt Matthäus die Stoßrichtung, in der Jesus das Gesetz Israels erneuern und zur Vollendung bringen wollte. Die „größere“ Gerechtigkeit ist immer darum bemüht, die Ansprüche des Nächsten als Person unverkürzt wahrzunehmen und anzuerkennen. Während das Gesetz nach den Grenzen fragt, jenseits derer ich nicht mehr gefordert und von der Nächstenliebe dispensiert bin, geht es Jesus um ein ungeteiltes Wohlwollen, das dem Nächsten ganz und ohne berechnende Einschränkung zugetan ist.

 

Ist die Ethik Jesu dann nicht „radikal“ zu nennen?

 

Schockenhoff: Die Ethik Jesu ist insofern radikal zu nennen, als sie von den Wurzeln des menschlichen Verhaltens, von den bösen Gedanken oder dem Wohlwollen gegenüber dem Nächsten her denkt, die dem menschlichen Herzen entspringen. Die radikalen Forderungen Jesu sind sehr wohl mit der Barmherzigkeit Gottes vereinbar, der demjenigen Erbarmen schenkt, der hinter ihnen zurückbleibt. Dadurch unterscheidet sich die Ethik Jesu trotz ihrer hohen Ideale von allem moralischen Rigorismus, der über dem kompromisslosen Beharren auf der Einhaltung moralischer Gebote den Blick auf den konkreten Menschen mit seinen Schwächen vergisst.

 

Warum ist die christliche Ethik keine religiöse Sondermoral?

 

Schockenhoff: Die christliche Ethik ist eine Moral des authentischen Menschseins. Sie zeigt einen Weg zum verlässlichen, dauerhaften Gelingen des menschlichen Lebens auf, das kein Scheinglück, sondern ein wahres Glück ist, das auf Dauer hält, was es verspricht. Die Forderungen der christlichen Ethik haben einen Widerhall in der Vernunft jedes Menschen, auch wenn er nicht gläubig ist. Jeder kann erkennen, dass es zum Gebot der Feindesliebe, die verlangt, den ersten Schritt auf den Gegner zu unternehmen, keine erfolgreiche Alternative gibt, die die Spirale der Gewalt durchbrechen könnte.

 

Dabei ist das Christentum zuerst keine Morallehre...

 

Schockenhoff: Eine Besonderheit der christlichen Botschaft ist jedoch, dass ihr erstes Wort nicht die Moral, sondern das Evangelium, also die Heilszusage Gottes an den Menschen ist. An erster Stelle steht Gottes Verheißung und die unbedingte Zusage an jedenMenschen, von Gott geliebt zu sein. Erst das Wissen darum, dass man von Gott Vergebung erlangt, befähigt den Menschen auch zum Eingeständnis eigener Schuld und kann so den unheilvollen Mechanismus der Selbstrechtfertigung, der einem Entschuldigungswahn gleichkommt, durchbrechen.

erstellt von: Der Sonntag / Stefan Kronthaler / Interviewpartner: Univ.-Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff, Universität Freiburg i. Breisgau.
09.09.2014
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BUCHTIPP

Eberhard Schockenhoff

Die Bergpredigt

 

Aufruf zum Christsein

2014, Verlag Herder
Auflage: 1
Fester Einband
304 Seiten
ISBN: 978-3-451-34178-6

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 Sammelband 'Bibel falsch verstanden. Hartnäckige Fehldeutungen biblischer Texte erklärt'

"Die Erde untertan machen" und andere Fehldeutungen der Bibel

Neuer Sammelband "Bibel falsch verstanden" widerspricht hartnäckigen Missinterpretationen biblischer Texte von der Schöpfungs- bis zur Apostelgeschichte.

Vorurteil oder nicht? Die Kirche ist konservativ.

Ist die Kirche zu konservativ?

Durchkreuzt: Keine Antwort auf das Warum?

Ein Gott, bei dem uns alles klar wäre, ist nicht der Gott Jesu Christi.

Auferweckung ist nicht gleich Auferstehung (Joh 11, 3-7.17.20-27.33b-45 )

Br. Günter Mayer SDB: Evangeliumsauslegung zum 7. Fastensonntag (29.3.2020)

Vorurteil oder nicht? Ignoranz und Vertuschung

Der Skandal des Vertuschens

Weihbischof Turnovszky: Unser aller Leben hat sich schlagartig verändert

Corona und die Folgen, Weihbischof Turnovszky zur aktuellen Lage und wie sich auch sein Tagesablauf verändert hat.

Fürchtet euch nicht

Vom Umgang mit der Angst

Jetzt ist die Zeit der anderen Backe

Darauf müssen wir uns einfach einstellen. Lassen wir die Unduldsamkeit an der Liebe zerschellen!

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Freude einüben, Leben schöpfen (Joh 9,1)

Barbara Ruml: Evangeliumsauslegung zum 4. Fastensonntag (22.3.2020)

Christus, Heil der Kranken...

Es ist nicht mangelndes Gottvertrauen wenn wir medizinisch vorsichtig sind

Lebendig (Joh 4,5-26. 39a. 40-42)

Markus Beranek: Evangeliumsauslegung zum 3. Fastensonntag ( 15. März 2020)

Vorurteil oder nicht? Die Kirche ist: Verstaubt oder zeitgemäß?

Ist der Glaube und die Kirche überhaupt (noch) zeitgemäß.

Nach 66 Tagen.

Ein Kind, das lebensverkürzend erkrankt, verändert eine ganze Familie und die Hospizarbeit in Österreich.

Vorurteil oder nicht?: Nur Kinder, Küche und Kirche?

Welche Rolle spielen die Frauen in der Kirche? Sind Frauen generell spiritueller als Männer?

Hoffnung und Trost aus Stein und Glas?

Es macht nachdenklich, wenn Kirchen in Zeiten von Angst und Verunsicherung gesperrt werden.

Es ist gut, dass wir hier sind! (Mt 17, 1-9)

Sr. Franziska Madl OP: Evangeliumsauslegung zum 2. Fastensonntag (8.3.2020)

„Passionswege“ durch die Fastenzeit: Völlig allein gelassen

Die Geschichte eines Missbrauchs: Mit einem Mal ist die Zeit wieder präsent. Die Ereignisse liegen 40 Jahre zurück.

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