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25.08.2016 · Lebensschutz · Familie

Bioethik: Gehört mein Sterben mir?

Die Qualität der Beziehung zwischen Betreutem und Betreuern soll sicherstellen, dass es zu einer Ressourcen- statt zu einer Defizit-Orientierung kommt. Und Beziehung bedeutet auch, dass Menschen sich in einer ihrer schwierigsten Lebensphasen nicht alleingelassen fühlen.

Sind auch andere Länder Europas neben den Niederlanden und Belgien auf dem Weg zur Euthanasie? Univ.-Prof. Christoph Gisinger („Haus der Barmherzigkeit“) über lebensbejahende Pflege bis ins hohe Alter und das richtige gute Sterben anstatt Sterbehilfe.

 

 

Was hat dazu geführt, dass das Sterben durch die moderne Medizin gleichsam verlangsamt worden ist?


Prof. Gisinger: Ist es das wirklich? Die moderne Medizin hat dazu geführt, dass – statistisch gesehen – das Sterben ein Phänomen des höheren Alters darstellt. Ganz im Unterschied zur Menschheitsgeschichte bis vor knapp 100 Jahren, als die Wahrscheinlichkeit zu sterben in fast allen Altersgruppen gleich hoch war.

 

Wenn der Sterbeprozess bereits eingetreten ist, dann sollten palliative Gesichtspunkte (keine Schmerzen, möglichst Symptomfreiheit) das Handeln der Medizin leiten.


In der Praxis führt die sogenannte „Absicherungsmedizin“ in Dilemmata – die Angst vor Vorwürfen, nicht alles erdenklich Mögliche versucht zu haben, und die Schwierigkeit einzuschätzen, ob der Sterbeprozess bereits begonnen hat und unumkehrbar ist.

 

In einigen Fällen gibt es bei der Betreuung am Ende des Lebens auch leider nicht die Alternative zwischen einer „guten“ oder „schlechten“ Handlungsoption, sondern nur zwischen einer „schlechten“ und einer „noch viel schlechteren“.

Ist Europa bereits auf dem Weg zur Euthanasie, wie die Niederlande und Belgien zeigen?

Prof. Gisinger: Vieles deutet darauf hin, dass viele Länder diesen Weg gehen könnten. Dahinter steckt die Illusion und das Bedürfnis von Meinungseliten nach totaler Selbstbestimmung, auch über Zeitpunkt und Art des eigenen Todes.

 

Nach dem Motto: „Mein Sterben gehört mir!“ Dazu kommen auch utilaristische (lat. utilitas, nützlich, zweckorientiert) und ökonomische Aspekte.

 

Ich selbst bin der Überzeugung, dass eine Fremdzuschreibung über den Wert eines Lebens weder aus christlicher noch aus humanistischer Sicht zulässig ist.

 

Euthanasie ist auch aus pragmatischen Gründen strikt abzulehnen, da die Gefahr eines Dammbruchs und eines unter Druck-Setzens von Betroffenen besteht, wo dann von „Freiwilligkeit“ (aus dem Leben scheiden zu wollen) keine Rede mehr sein kann.

 

Dazu kommt natürlich auch die Problematik, wenn ein Betroffener nicht mehr selbst entscheidungsfähig ist, sondern jemand anderer über den Tötungsakt entscheidet.


Wie viel Belastungen und Schmerzen können, wollen wir aushalten? Um wie viel Gesundheit darf man kämpfen?


Prof. Gisinger: Das ist eine sehr persönliche Entscheidung und wird eine sehr große Bandbreite umfassen.

 

Jedenfalls ist „Gesundheit“ kein absoluter Wert und es sollte daher auch zulässig sein – nach ausführlicher Aufklärung und bei Sicherstellung, die Situation verstanden zu haben – sich auch gegen eine von Experten empfohlene Behandlung entscheiden zu dürfen, wenn diese Entscheidung ohne zeitlichen oder sonstigem Druck umnd nach ausführlicher Überlegung und Beratung erfolgt ist.

Was macht dann einen echten „guten Tod“ aus?

 

Prof. Gisinger: Ebenfalls eine sehr persönliche Angelegenheit, die vom eigenen Lebensentwurf und der konkreten Situation abhängt und natürlich auch von dem Umstand, wie die eigene Endlichkeit existentiell gedeutet und verarbeitet wird.

 

Viele Menschen verdrängen diese Tatsache und sind schlecht vorbereitet.

 

Schließlich geht es in der letzten Lebensphase darum, sich selbst und das eigene Leben so anzunehmen, wie es war (und ist) und mit Gelassenheit loslassen zu können. Diese Fähigkeit können wir vor allem auch von hochbetagten Menschen lernen.

 

Was unterscheidet Sterbegleitung von Sterbehilfe?

 

Prof. Gisinger: Sterbebegleitung bedeutet, Menschen am Ende ihres Lebens nicht allein zu lassen und sie physisch (Symptom- und Schmerzfreiheit), psychisch, sozial und spirituell zu unterstützen.

 

Mit dem Begriff Sterbehilfe wird im Allgemeinen das absichtsvolle Herbeiführen des Todes verbunden.

Warum bestimmt am Beispiel des „Hauses der Barmherzigkeit“ die Qualität der Beziehung die Qualität der Pflege?

 

Prof. Gisinger: Wenn man von „Pflege“ im engeren Sinn spricht, denkt man oft an Verbandwechsel, Gabe von Medikamenten etc. Also an verschiedene Tätigkeiten, um Probleme, Krankheiten, Beschwerden oder „Defizite“ auszugleichen. 

 

Dabei wird manchmal auf die positiven Seiten vergessen, darauf, was jemand noch kann, welche Rehabilitationspotentiale oder „Ressourcen“ noch vorhanden sind.

 

Die Qualität der Beziehung zwischen Betreutem und Betreuern soll sicherstellen, dass es zu einer Ressourcen- statt zu einer Defizit-Orientierung in der Begleitung von Menschen mit chronischen Erkrankungen und Behinderung kommt.

 

Und Beziehung bedeutet auch, dass Menschen sich in einer ihrer schwierigsten Lebensphasen nicht alleingelassen fühlen.

erstellt von: Der SONNTAG / Stefan Kronthaler
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Weitere Informationen

zur Person

 

Univ.-Prof. Dr. Christoph Gisinger, Institutsdirektor des „Hauses der Barmherzigkeit“.

 

Institut
Haus der Barmherzigkeit
Seeböckgasse 30a, A-1160 Wien
Tel.: +43/1/ 401 99-0
Fax.: +43/1/ 401 99-1308
E-Mail: info@hausderbarmherzigkeit.at

 

 

Haus der Barmherzigkeit - Pflegezentrum Tokiostraße GmbH
Tokiostraße 4
A-1220 Wien
Tel.: +431/ 901 81-0
Fax: +43/1/901 81-3308
info@hausderbarmherzigkeit.at

 

 

 

LEXIKON: Euthanasie

Sanfter Tod und die Nazis
Urspünglich bedeutete Euthanasie in der Antike der „sanfte Tod“, d. h. ein Tod ohne übermäßige Schmerzen.

 

Im heutigen Sprachgebrauch ist diese ursprüngliche Bedeutung überholt. International wird unter Euthanasie jede Handlung oder Unterlassung verstanden, die ihrer Natur nach oder aus bewusster Absicht den Tod herbeiführt, um so jeden Schmerz zu beenden.


Im deutschsprachigen Raum ist das Wort Euthanasie dermaßen von den grausamen Praktiken des Nationalsozialismus gegen „unwertes“ Leben belastet, dass die Befürworter der Euthanasie sich davor verwahren, diesen Terminus zu akzeptieren, und an seiner Stelle von Sterbehilfe reden.

Ist Euthanasie Sterbehilfe?
Euthanasie ist nicht Sterbehilfe, sondern absichtliche Tötung. Kein auch noch so barmherziges Motiv wie unsinniges Leiden ersparen, kann die lebensvernichtende Absicht des Euthanasiepraktikers veredeln.

 

Die Verwendung des Wortes Sterbehilfe für vorsätzliche Tötung enthüllt das materialistisch-hedonistische Menschenbild der Euthanasiebefürworter.

„Sterbehilfe“: kein Akt der Barmherzigkeit

Wo das Gesetz es erlaubt und die Sitte es billigt, sich zu töten oder sich töten zu lassen, da hat plötzlich der Alte, der Kranke, der Pflegebedürftige alle Mühen, Kosten und Entbehrungen zu verantworten, die seine Angehörigen, Pfleger und Mitbürger für ihn aufbringen müssen.


Nicht Schicksal, Sitte und selbstverständliche Solidarität sind es mehr, die ihnen dieses Opfer abverlangen, sondern der Pflegebedürftige selbst ist es, der sie ihnen auferlegt, da er sie ja leicht davon befreien könnte.

 

Er lässt andere dafür zahlen, dass er „zu egoistisch“ und „zu feige“ ist, den Platz zu räumen. Wer möchte unter solchen Umständen weiterleben? Aus dem Recht zum Selbstmord wird so unvermeidlich eine Pflicht.

Druckmittel gegen die Schwächeren
Gilt die Tötung auf Verlangen einmal als gesellschaftliche Normalität, so wird vielen von ihnen dieses Verlangen sehr bald als soziale Pflicht erscheinen.

 

Die Kosten an Kraft, Zeit und Geld, die ihr Zustand verursacht, sind plötzlich abhängig von ihrem freien Willen. Sie könnten sie den anderen jederzeit ersparen.


Quelle: www.imabe.org
(IMABE – Institut für medizinische Anthropologie und Bioethik zur Förderung des
Dialogs von Medizin und Ethik auf Grundlage des christlichen Menschenbildes)


 

 

bisher erschienene Artikel aus der 9-teiligen Bioethikserie des "SONNTAG"

 

Eine verschärfte Situation

Prof. Günther Pöltner über den Beginn des menschlichen Lebens, grundlegende Kriterien der Bioethik und die Menschenwürde.

 

Antworten der Religionen

Univ.-Prof. Matthias Beck über die unterschiedlichen Positionen und auch die Gemeinsamkeiten der Religionen im Bereich der Bioethik.

 

Die Babys aus dem Glas

Mag. Susanne Kummer, Geschäftsführerin von IMABE spricht über Reproduktionsmedizin

 

Der verkaufte Bauch

Mag. Martina Kronthaler, von der aktion leben österreich, spricht über das Milliardengeschäft "Leihmutterschaft".

 

Bye bye Baby...

Der SONNTAG sprach mit der Psychologin MMag.a Dr.in Nadja Fritzer über das Thema Kinderwunsch.

 

Am Anfang des Lebens

Claudia Versluis, Leiterin des Zentrums NANAYA, über die Lebenswelt des Embryo.

 

Reden wir über die Kinder

Primarius Dr. Klaus Vavrik, Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde, Präsident der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit


 

 

Schwerpunkt

Biorthik & Lebensschutz


 

 

Der Sonntag

Der SONNTAG
Die Zeitung der ED. Wien
Stephansplatz 4/VI/DG
1010 Wien
T +43 (1) 512 60 63
F +43 (1) 512 60 63-3970

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Weitere Informationen zu "Der SONNTAG" die Zeitung der Erzdiözese Wien

 

"Der SONNTAG" Testabo

 

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Der Administrator der Wiener Erzdiözese, Josef Grünwidl ruft in einer Dialogpredigt mit Wettermoderator Wadsak auf, sich unverzagt für Klimaschutz einzusetzen.

Alleinerziehenden-Plattform fordert mehr flexible Betreuungsangebote

Alleinerziehenden-Plattform fordert mehr flexible Betreuungsangebote

Positiv-Bilanz über österreichweites Projekt "Entlastender Dienste". Lernhilfe, Feriencamps, Kinderbetreuung oder Reinigungsdienste sorgten laut Erhebung für psychische, finanzielle und emotionale Entlastung.

Junge Mutter mit Kleinkind

Alleinerziehende: Zahl der Beratungen von Hilfesuchenden verdoppelt

Bedrückende Zahlen zum Tag der Alleinerziehenden (28. September): Um 120 Prozent stieg die Zahl der Beratungsgespräche in der Beratungsstelle für Schwangere und alleinerziehende Mütter in Not der St. Elisabeth-Stiftung innerhalb von nur zwei Jahren. 

Kirchen betonen gemeinsame Verantwortung für die Schöpfung

Kirchen betonen gemeinsame Verantwortung für die Schöpfung

Gottesdienst des Ökumenischen Rates der Kirchen gemeinsam mit den Umweltbeauftragten der Katholischen und Evangelischen Kirche Österreichs sowie den "Religions for Future" in der Wiener Jesuitenkirche.

Hermann Glettler

Bischof Glettler: "An der Seite des Lebens stehen bis zuletzt!"

"Vor allem am Lebensende und bei schwerwiegenden Erkrankungen zeigt sich der Wert menschlicher Verbundenheit", so der Innsbrucker Bischof in einer Stellungnahme.

Kardinal Turkson eröffnet Klima-Gipfel mit Aufruf zu Solidarität

Kardinal Turkson eröffnet Klima-Gipfel mit Aufruf zu Solidarität

Hochrangige Veranstaltung am 28./29. August in der Akademie der Wissenschaften über regionale und lokale Strategien zum Umgang mit der Klimakrise. Turkson: Wien hat auch in Klimafragen wichtige Brückenfunktion zwischen Ost und West.

Hand und Wiese

2025: Die Orden starten in die Schöpfungszeit

Breite Vielfalt an Angeboten im Raum Wien in der Zeit bis 4. Oktober helfen dabei, "ganzheitliche Ökologie als spirituelle, soziale und konkrete Lebensaufgabe ernst zu nehmen".

Umweltverschmutzung

Päpstliche Akademien richten internationalen Klima-Gipfel in Wien aus

Hochrangige Veranstaltung am 28./29. August in der Akademie der Wissenschaften. Auch Kardinal Schönborn und Kardinal Turkson unter den Teilnehmenden.

Schmetterling sitzt auf einer Hand.

Texte für neue Messe "Für die Bewahrung der Schöpfung" nun auch auf Deutsch

Im Auftrag von Papst Leo XIV. Anfang Juli veröffentlichtes Messformular "Für die Bewahrung der Schöpfung" verdeutlicht Zusammenhang zwischen christlichem Glauben und Bekenntnis zur Schöpfung.

Kind malt Familie

Familienverband Wien startet neues Generationenprojekt "Familientisch"

"Der Familientisch soll ein neuer Fixpunkt im Pfarrleben für Familien werden", so  Konrad Pleyer, Familienverband Wien Vorsitzender.

Diskussionsrunde

Neues Dialogformat zu Klimaschutz erstmals in Maria Enzersdorf

Am 2. September 2025 starten in St. Gabriel, Maria Enzersdorf die KlimaGespräche in Österreich. Das neue Format wird von der Katholischen Aktion der Erzdiözese Wien gemeinsam mit der Klima-Kollekte organisiert. 

Kleiner Bub und sein Großvater

Glettler: Älteren Menschen mit Dankbarkeit und Zuwendung begegnen

Die Katholische Kirche begeht am Sonntag den "Welttag der Großeltern". Familienbischof Glettler: Gerade in Zeiten wachsender gesellschaftlicher Herausforderungen wichtig, "die Lebensleistung und das Glaubenszeugnis der älteren Generation nicht zu vergessen.

Öko-Fair-Sozialer Spaziergang

Mit offenen Augen durch die Stadt: Öko-Fair-Sozialer Spaziergang inspiriert zum Umdenken

Im Rahmen des Heiligen Jahres 2025 lud Welthaus Wien zu einem besonderen Stadtspaziergang durch den ersten Bezirk. Unter dem Motto „Pilger:innen der Hoffnung“ setzten sich Teilnehmende aus Wien und Niederösterreich mit Fragen rund um Umwelt, Gerechtigkeit und gesellschaftliche Teilhabe auseinander.

Ein Mädchen malt.

Heiliges Jahr: Katholischer Familienverband startet österreichweiten Malwettbewerb

„Pilger der Hoffnung“ ist das Motto des Heiligen Jahres, das 2025 stattfindet. Aus diesem Anlass startet der Katholische Familienverband den Malwettbewerb „Bilder der Hoffnung“ und ruft auf, sich kreativ mit dem Thema Hoffnung auseinanderzusetzen.

Piles of the different garbage on a ground

Papst ruft zu Umweltgerechtigkeit auf: "Welt im Verfall"

Botschaft von Leo XIV. zum Gebetstag für die Bewahrung der Schöpfung veröffentlicht. Papst: "Die Schwächsten leiden als Erste unter den verheerenden Auswirkungen des Klimawandels, der Entwaldung und der Umweltverschmutzung".

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