Jesuitenpater Peter Balleis hat die Erfahrung gemacht: "Im konkreten Handeln wächst stets ein Stück die Hoffnung."
Jesuitenpater Peter Balleis hat die Erfahrung gemacht: "Im konkreten Handeln wächst stets ein Stück die Hoffnung."
Pater Peter Balleis SJ, ehemaliger internationaler Direktor des
Jesuitenflüchtlingsdienstes im Interview mit dem SONNTAG: "Wenn wir als Christen aus den Werten des Evangeliums heraus handeln, in den Flüchtlingen die Nächsten sehen und ihnen helfen, definieren wir unsere Identität stärker als aktives Christentum."
Kann man die Ängste der heimischen Bevölkerung verstehen? Es kommt eine große Zahl von Flüchtlingen nach Europa und viele davon sind Männer.
P. Peter Balleis: Auf den ersten Blick kann man diese verstehen, weil die Informationen, die die Menschen bekommen, nicht differenziert und nicht tiefgründig sind. Man muss unterscheiden zwischen Kriegsflüchtlingen von Syrien, Afghanistan und Irak und jungen Leuten, die aus Marokko oder Algerien kommen und vielleicht keine gute Perspektive haben, aber dort ist kein Krieg, dort fahren unsere Touristen hin. Wenn man sagt, diese Personen müssen sich doch gesetzeskonform verhalten, darf man das ruhig verlangen – von jedem. Viele Männer kommen nach Europa, weil sie in Syrien für den Krieg zwangsrekrutiert werden. Ich kenne einen christlichen Familienvater, der in dem Moment, als er den Einberufungsbescheid bekam, Syrien verlassen hat. Er wollte nicht für einen unsinnigen Krieg, den keiner gewinnen kann, sterben. Im Libanon konnten er und seine Frau nicht bleiben, so machten sie sich auf den Weg nach Deutschland.
In Deutschland und Österreich wird nun viel über Obergrenzen und Abschottung diskutiert. Was sagen Sie dazu?
P. Peter Balleis: Es muss eine Plattform geben, wo man über die Schwierigkeiten reden kann. Denn wenn man es nicht tut, dann treibt man die Leute in den Untergrund oder in die Hände der Extremisten, die nur polarisieren: „Überhaupt keine Flüchtlinge!“ Und die anderen sagen: "Jeder hat das Recht, hier hereinzukommen!" Beides sind illusorische Haltungen. Wir müssen schauen, wo ist die Mitte, was können wir beitragen, damit wir es gut machen. Da gibt es kein Entweder-Oder. Eines ist wichtig, dass man die Themen nicht nur den Extremen überlässt. Jeder sollte darüber nachdenken, was wollen wir selber sein, wie definieren wir uns neu in unserer Zeit und von welchen Wurzeln her. Die Debatte ist deshalb so erhitzt, weil es um fundamentale Dinge geht. Sie ist nur dann gesund, wenn sie nicht extrem geführt wird.
Sie sprechen in diesem Zusammenhang immer wieder von einer einer europäischen Identitätsfindung.
P. Peter Balleis: Natürlich sind Personen, die eine sehr starke islamische Identität haben, eine große Herausforderung. Plötzlich gibt es wieder Leute, denen Religion wichtig ist. Wir müssen uns als Kirche ebenfalls neu definieren. Wenn wir als Christen aus den Werten des Evangeliums heraus handeln, in den Flüchtlingen die Nächsten sehen, die in Not sind, und ihnen helfen, definieren wir unsere Identität stärker als aktives Christentum.
Es entscheidet sehr viel, wie sich Europa sieht, als einen Raum der Freiheit, der Menschenrechte, des Respektes für Minderheiten. Bitte beachten wir, wohin die Flüchtlinge wandern. Diese entscheiden mit ihren Füßen als Votum, welche Länder sie einschätzen, dass sie dort als Menschen behandelt werden, also stehen wir ganz oben in der Weltrangliste. Das ist eine Wertschätzung und das, was die Leute in uns sehen, sollten wir auch versuchen zu leben.
Aus welchen Gründen setzt sich der Jesuitenflüchtlingsdienst sehr stark im Bildungsbereich ein?
P. Peter Balleis: Ein Kind in die Schule zu schicken, ist der beste Schutz für ein Kind. Die Schule ist ein überschaubarer Bereich und wird von den Lehrern überwacht. Bildung ist eine langfristige Lösung für die Grundprobleme. Ich habe zwei Weltkarten vor Augen: In der einen ist der menschliche Entwicklungsindikator, bemessen nach dem Pro-Kopf-Einkommen, der durchschnittlichen Zahl der Schuljahre pro Person und der Lebenserwartung, abgebildet. Der Index zeigt Länder, die hochentwickelt sind, sozusagen im blauen Bereich und dann gibt es viele Länder mit niedrigem Index in roter Farbe, z.B. die Sahelzone in Afrika. Diese sind fast identisch mit jener Weltkarte, in der die Gebiete der kriegerischen Auseinandersetzungen eingezeichnet sind.
Daher komme ich zu dem etwas plakativen Schluss: Niedriges Bildungsniveau birgt hohes Konfliktpotenzial. Wenn wir diesen Teufelskreis durchbrechen wollen, müssen wir bei der Bildung ansetzen. Gut, wenn ein paar Hunderttausend syrische Kinder in Europa in die Schule gehen. Wenn die jungen Menschen im Heimat- oder Nachbarland nicht in die Schule gehen können, werden sie vielleicht in 15 Jahren so frustriert sein, dass sie der nächsten Ideologie nachlaufen und sich in einer Touristengruppe in Istanbul in die Luft jagen. Wenn wir einen friedliche Welt wollen, müssen wir die Menschen integrieren, denn es wächst wieder eine neue Kluft in der Welt: die digitale Kluft. Deshalb hat der Flüchtlingsdienst in Zusammenarbeit mit US-amerikanischen Jesuiten-Universitäten begonnen, ein Pilotprojekt zu entwickeln, wie man via Internet in Flüchtlingslagern und anderen Einrichtungen Universitätsbildung zugänglich macht.
Gibt es keine Probleme als christliche Organisation in islamischen Ländern zu arbeiten?
P. Peter Balleis: Auf meine Initiative hin kam es 2008 erstmalig zum Einsatz im Nahen Osten. Es gab Bedenken aufgrund des christlichen Namens. Ich hatte keine Absicht, Namen und Identität zu ändern. Wir halfen zunächst irakischen Flüchtlingen in Syrien. Manche Mitbrüder haben damals über mich gelacht: der spinnt ein bisschen, der ist naiv, der kennt die Komplexität der Welt nicht. Es stimmt, ich war naiv. Mir waren die Menschen wichtig, alles andere war sekundär.
Heute spielt sich 50 Prozent der Arbeit des Jesuitenflüchtlingsdienstes in islamisch dominierten Ländern ab. Wir haben Expertise, viele unserer Mitarbeiter sind Muslime. Man fragt sich eigentlich: „Warum geht das so gut?“ Es hat damit zu tun, dass wir uns gegenseitig respektieren und nicht Missionare sind, die sagen: „Jetzt müssen wir diese Bevölkerung zu Christen machen.“ Es ist ein humanitäres Prinzip, man nützt nicht seine Machtposition als humanitäre Organisation aus, um Leute für etwas zu gewinnen, weil sie von einem abhängen. Wir sind für jeden da.
Sie haben in Ihrer Arbeit sehr viel Leid gesehen. Besteht nicht irgendwann die Gefahr, die Hoffnung zu verlieren?
P. Peter Balleis: Im konkreten Handeln wächst stets ein Stück die Hoffnung, es gibt immer wieder Schritte nach vorne. Wir wissen nicht, wann der Krieg in Syrien aufhört. Aber aus Erfahrung wissen wir, wenn ich heute das Richtige tue, aus Barmherzigkeit handle und den Menschen mit Würde und Respekt begegne, dann wird sich eine Lösung finden und man bewegt sich langfristig in eine positive konstruktive Richtung. Wenn ich heute auf die Gewalt auch nur indirekt mit Gewalt reagiere, erleiden die Menschen die Gewalt eines Zaunes, der Ablehnung, der Ausnutzung durch die Schlepper. Das schafft Wunden, Verbitterung. Wenn wir heute Menschen aus dem Nahen Osten gut behandeln, haben wir morgen hervorragende kulturelle und wirtschaftliche Beziehungen zu diesen Staaten. Im Grunde bilden wir jetzt bei uns im friedlichen Bereich die Leute aus, die in zehn Jahren in den Heimatländern den großen Unterschied machen werden, damit die Bevölkerung nicht mehr von ihren Extremisten und Diktatoren getrieben wird und endlich Frieden herrscht.
Woraus schöpfen Sie die Kraft weiterzumachen?
P. Peter Balleis: Es ist die Wiener Klassik. Ich höre viel Musik beim Schreiben, beim Reflektieren und auf Reisen durch Krisengebiete. Man braucht als Mensch das Schöne und Harmonische. Mich baut die klassische Musik auf. Sie hilft als praktische Maßnahme, dass man sich einfach nicht so total runterziehen lässt. Natürlich gibt es schwierigere Situationen, am Ende bleibt immer die Hoffnung. Und der Glaube und die Liebe, das sind die entscheidenden Dinge im christlichen Leben. Man braucht die Liebe, dass man etwas tut, man braucht den Glauben, dass man etwas tun kann, und die Hoffnung, dass es etwas verändert.
Peter Balleis, 1957 geboren und in der Nähe von Augsburg in Bayern aufgewachsen, trat 1981 in den Jesuitenorden ein. Ab 1984 war er an verschiedenen Stationen als Missionar in Afrika tätig. 1988 wurde er in Simbabwe zum Priester geweiht. Von 2007 bis 2015 war Balleis internationaler Direktor des Jesuitenflüchtlingsdienstes.
E-Mail: redaktion@dersonntag.at
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