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12.04.2017 · Kardinal · Gedanken zum Evangelium

Nicht wegschauen

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium, 14. April 2017 (Joh 19,17-30)

Wieviel leichter ist das Leben in Zeiten großen Leides, wenn wir nicht wegschauen, sondern aufeinander schauen, füreinander da sind, zueinander stehen.

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium, 14. April 2017 (Joh 19,17-30)

Der russische Schriftsteller Michail Bulgakow (1881-1940) wurde vor allem durch seinen Roman „Der Meister und Margarita“ bekannt. Manche halten dieses Buch für den besten russischen Roman des 20. Jahrhunderts. Mir ist vor allem eine Szene stark in Erinnerung geblieben. Darin kommt etwas vor, an das ich selber nie gedacht hatte und das ich seither immer vor Augen habe, wenn ich an die Kreuzigung Jesu denke: die Fliegen!

 

Bulgakow schildert die Fliegenplage des Gekreuzigten. Schweiß und Blut auf seinem Gesicht ziehen Schwärme von Fliegen an. Wehrlos ist der Gekreuzigte ihnen ausgeliefert.

 

Der Bericht des Evangeliums schildert keine solchen Einzelheiten. Er ist nüchtern und knapp: „Dort kreuzigten sie Jesus und mit ihm zwei andere.“ Kein Wort über die Grausamkeit dieses Geschehens. Alle wussten damals, was kreuzigen heißt. Für viele ein allzu gewohnter Anblick.

 

Wer großem Leid begegnet, kann hinschauen oder wegschauen, kann weitergehen oder stehenbleiben. Aber nicht jeder, der hinschaut und stehenbleibt, hat auch Mitgefühl mit dem Leidenden. Viele blieben damals stehen und lasen das Schild, das oben am Kreuz angebracht war. Da stand üblicherweise der Grund für die Kreuzigung, das Verbrechen, wofür die Todesstrafe verhängt worden war. Bei Jesus stand gleich in drei Sprachen: „Jesus von Nazareth, König der Juden.“ Das klang wie ein Hohn, wie Spott, und war doch auch Ausdruck einer Ahnung, die Pilatus wohl spürte.

 

Man kann großem Leid auch mit sachlichem Abstand begegnen. So ging es wahrscheinlich den Soldaten, die Jesus und die beiden anderen gekreuzigt hatten. Sie haben ihre Pflicht getan.

 

Mitten in der Menschenmenge, die da an der Richtstätte, am Golgota-Hügel, vorbeigeht, sind einige, die da stehen, um wirklich bei den Gekreuzigten zu sein. Aus den traditionellen Bildern sind wir gewohnt, vor allem drei Personen bei dem Kreuz Jesu stehen zu sehen: Maria, seine Mutter; Johannes, der Lieblingsjünger Jesu, und Maria von Magdala. Es waren aber mehr als diese drei Personen. Es ist die Rede von der Schwester seiner Mutter, also der Tante Jesu. Und von der Frau des Klopas, die auch Maria hieß. Klopas dürfte der Bruder des Joseph gewesen sein. So war diese Maria auch eine Tante Jesu. Ich finde es sehr tröstlich, dass in dieser schrecklichen Stunde besonders ganz nahe Verwandte bei Jesus waren. Sie haben ihn nicht allein gelassen. Und Jesus denkt trotz der unsäglichen Situation nicht an sich, sondern an seine Mutter. Er vertraut sie dem an, den er besonders geliebt hat, dem Johannes.

 

Er, der das alles aufgeschrieben hat, ist sehr sparsam mit Gefühlsausdrücken. Johannes sagt nur, dass er von dieser Stunde an Maria, die Mutter Jesu, zu sich nahm. Er war von jetzt an bis zu ihrem Lebensende für sie da. Und sie war ihm nahe wie eine Mutter. Wieviel leichter ist das Leben in Zeiten großen Leides, wenn wir nicht wegschauen, sondern aufeinander schauen, füreinander da sind, zueinander stehen.

erstellt von: Kardinal Christoph Schönborn
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Johannesevangelium 19,17-30

Jesus trug sein Kreuz und ging hinaus zur so genannten Schädelhöhe, die auf hebräisch Golgota heißt. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere, auf jeder Seite einen, in der Mitte Jesus.  Pilatus ließ auch ein Schild anfertigen und oben am Kreuz befestigen; die Inschrift lautete: Jesus von Nazaret, der König der Juden. Dieses Schild lasen viele Juden, weil der Platz, wo Jesus gekreuzigt wurde, nahe bei der Stadt lag. Die Inschrift war hebräisch, lateinisch und griechisch abgefasst. Die Hohenpriester der Juden sagten zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden.  Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben. Nachdem die Soldaten Jesus ans Kreuz geschlagen hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile daraus, für jeden Soldaten einen. Sie nahmen auch sein Untergewand, das von oben her ganz durchgewebt und ohne Naht war. Sie sagten zueinander: Wir wollen es nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll.  So sollte sich das Schriftwort erfüllen: Sie verteilten meine Kleider unter sich und warfen das Los um mein Gewand. Dies führten die Soldaten aus. Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala.  Als Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner Mutter: Frau, siehe, dein Sohn!  Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. Danach, als Jesus wusste, dass nun alles vollbracht war, sagte er, damit sich die Schrift erfüllte: Mich dürstet. Ein Gefäß mit Essig stand da. Sie steckten einen Schwamm mit Essig auf einen Ysopzweig und hielten ihn an seinen Mund. Als Jesus von dem Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! Und er neigte das Haupt und gab seinen Geist auf.

 


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Kardinal Schönborn

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Gedanken zum Evangelium

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