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28.09.2019 · Kardinal · Gedanken zum Evangelium

Die Globalisierung der Gleichgültigkeit

Gedanken von Kadinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Sonntag, 29. September 2019 (Lk 16,19-31)

Wir gewöhnen uns ans Wegschauen. Wir finden uns damit ab, dass es anderen elendiglich geht. Jesus hat „Himmel und Hölle“ bewegt, um uns aufzuwecken aus der Gleichgültigkeit.

Gedanken von Kadinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Sonntag, 29. September 2019 (Lk 16,19-31)

Sie gehören inzwischen zum Bild unserer Städte: die Bettler und die Obdachlosen. Sie betteln in den Straßen, vor den Kirchen, sie sitzen auf Parkbänken und stellen sich bei Armenküchen an. Natürlich ist das in Österreich nicht so sichtbar wie in anderen Ländern. Auch gibt es bei uns Obdachloseneinrichtungen wie die „Gruft“ in Wien, wo Tag und Nacht Notleidende Essen, Wärme, Notschlafstellen finden. Wien ist nicht Kalkutta, Österreich nicht das Armenhaus der Welt. Bei uns gibt es nicht die Elendsviertel, die sich wie ständig wachsende Ringe um die Riesenstädte der Entwicklungsländer bilden. Einen Lazarus, wie Jesus ihn beschreibt, wird man bei uns kaum vor einer Haustüre liegen sehen, einen Armen, „dessen Leib voller Geschwüre war“, die die herumstreunenden Hunde lecken. Solche Szenen findet man eher in Afrika. Gibt es dennoch auch bei uns Gestalten wie den armen Lazarus vor der Tür des Reichen?

 

Das Gleichnis, das Jesus heute erzählt, handelt von einer Situation, die es überall gibt und die Jesus als eine höchst bedrohliche Gefahr darstellt. Es ist das Drama der Gleichgültigkeit. Der reiche Mann ist kein Bösewicht. Es geht ihm gut und er lässt es sich gut gehen. Er hat sich an sein gutes Leben gewöhnt, und das hat ihn blind gemacht. Vielleicht hat er am Anfang noch ein Unbehagen darüber gespürt, dass da dieser Arme vor seiner Haustüre herumlungert. Aber man gewöhnt sich an alles. So ist es halt im Leben. Die einen haben Glück, die anderen Pech. Und wer weiß, wahrscheinlich ist der Arme selber daran schuld, dass er ins Elend geraten ist.

 

Das Elend des Reichen ist es, dass sein Gewissen eingeschlafen, seine Seele träge, seine Wahrnehmung stumpf geworden sind. Er sieht den Armen einfach nicht mehr. Und er lebt gut damit. Es ist ihm gelungen, das Elend vor seiner eigenen Haustüre nicht mehr zu bemerken. Jesus sieht darin eine so große Gefahr, dass er alle Register zieht, um uns vor der Gleichgültigkeit zu warnen. Deshalb macht er uns „die Hölle heiß“. In dramatischen Bildern schildert Jesus, wie die Folgen für den Reichen aussehen. Ich glaube nicht, dass es Jesus darum geht, uns eine genaue Geographie von Himmel und Hölle zu bieten. Er erinnert uns nur an die nüchterne Tatsache, dass wir alle einmal sterben müssen und dass es „drüben“ eine ausgleichende Gerechtigkeit gibt: Der Arme wird getröstet, der Reiche leidet die Qualen, die er auf Erden beim Armen übersehen hat.

 

Im Jenseits besteht zwischen Himmel und Hölle „ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund“. Jesus sagt uns mit dieser bildlichen Darstellung etwas Entscheidendes über unser Leben auf dieser Erde: Der Abgrund zwischen Arm und Reich kann hier und jetzt überwunden werden! Denn dazu braucht es nur eines: Hinschauen! Not nicht übersehen! Es wird immer Arm und Reich geben. Aber immer gibt es auch die Möglichkeit zu teilen. Der Reiche wäre nicht armgeworden, wenn er den Hunger des armen Lazarus gestillt hätte. Vor allem aber: Er hätte schon auf Erden ein erfüllteres und glücklicheres Leben gehabt, wenn die Geschwüre des Armen sein Herz bewegt hätten, ihm zu helfen.

 

Papst Franziskus hat immer wieder von der Globalisierung der Gleichgültigkeit gesprochen: Wir gewöhnen uns ans Wegschauen. Wir finden uns damit ab, dass es anderen elendiglich geht. Jesus hat „Himmel und Hölle“ bewegt, um uns aufzuwecken aus der Gleichgültigkeit. Denn es geht um unser (ewiges)Glück.

erstellt von: Kardinal Christoph Schönborn
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Lukasevangelium 16,19-31

Es war einmal ein reicher Mann, der sich in Purpur und feines Leinen kleidete und Tag für Tag glanzvolle Feste feierte. Vor der Tür des Reichen aber lag ein armer Mann namens Lazarus, dessen Leib voller Geschwüre war. Er hätte gern seinen Hunger mit dem gestillt, was vom Tisch des Reichen herunterfiel. Stattdessen kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren. Es geschah aber: Der Arme starb und wurde von den Engeln in Abrahams Schoß getragen. Auch der Reiche starb und wurde begraben. In der Unterwelt, wo er qualvolle Schmerzen litt, blickte er auf und sah von Weitem Abraham und Lazarus in seinem Schoß. Da rief er: Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir und schick Lazarus; er soll die Spitze seines Fingers ins Wasser tauchen und mir die Zunge kühlen, denn ich leide große Qual in diesem Feuer. Abraham erwiderte: Mein Kind, erinnere dich daran, dass du schon zu Lebzeiten deine Wohltaten erhalten hast, Lazarus dagegen nur Schlechtes. Jetzt wird er hier getröstet, du aber leidest große Qual. Außerdem ist zwischen uns und euch ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund, sodass niemand von hier zu euch oder von dort zu uns kommen kann, selbst wenn er wollte. Da sagte der Reiche: Dann bitte ich dich, Vater, schick ihn in das Haus meines Vaters! Denn ich habe noch fünf Brüder. Er soll sie warnen, damit nicht auch sie an diesen Ort der Qual kommen. Abraham aber sagte: Sie haben Mose und die Propheten, auf die sollen sie hören. Er erwiderte: Nein, Vater Abraham, aber wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, werden sie umkehren. Darauf sagte Abraham zu ihm: Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht.


Kardinal Schönborn

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