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30.11.2019 · Kardinal · Gedanken zum Evangelium

Warten auf einen lieben Gast

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium, 1. Dezember 2019 (Mt 24,37-44)

Advent, das ist wie das Warten auf das Kommen eines lieben Gastes.

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangeliuma am ersten Adventsonntag, 1. Dezember 2019 (Mt 24,37-44).

Der Alltag hat uns alle fest im Griff. Von früh bis spät haben wir zu tun, vom Aufstehen bis zum Schlafengehen. Die Tage sind erfüllt von einer Vielzahl von kleineren und größeren Tätigkeiten, die einfach zum Leben gehören. Der Alltag gibt uns Halt. Wir wissen, was heute zu tun ist. Er kann aber auch durch Stress zur Belastung werden. Dann kommen wir uns vor wie in einem Hamsterrad, in dem wir laufen und rennen und doch nicht vom Fleck kommen.

 

Im Alltag denken wir selten daran, dass plötzlich in unser Leben Unerwartetes hereinbrechen kann, ein Unglück, eine Krankheit, eine Katastrophe. Wir können ja nicht gut jeden Tag so leben, als könnte heute etwas Dramatisches passieren. Die Rettung und die Feuerwehr leben damit, ständig bereit zu sein für Unfälle und Notsituationen. Das ist ihr dankenswerter Dienst.

 

Jesus erwartet wohl etwas Ähnliches von uns allen: „Darum haltet auch ihr euch bereit.“ Wie soll das gehen? Wie unseren Alltag ganz normal leben und gleichzeitig bereit sein für das Unvorhersehbare? Den Alltag kann ich halbwegs planen. Das Überraschende nicht. Jesus spricht drei ganz anschauliche Situationen an, in denen Unerwartetes die Menschen gewissermaßen überfällt.

 

Das erste Beispiel nimmt Jesus aus der Bibel. Die große Flut, die Sintflut, traf die meisten Menschen völlig unvorbereitet. Sie lebten ihren Alltag und „ahnten nichts, bis die Flut hereinbrach“. Die Haltung der Menschen von damals ist auch uns heute nicht fremd. Wir leben nur allzu sehr mit dem Motto: „Nach mir die Sintflut!“ Ich gestehe, dass es mir selber schwerfällt zu glauben, dass der Klimawandel, die Umweltzerstörung, die möglichen wirtschaftlichen Krisen uns alle treffen können. Irgendwie hoffe ich, dass es nicht so schlimm kommt wie manche behaupten. Und vermutlich hoffen die meisten Menschen dasselbe.

 

Das zweite Beispiel, das Jesus bringt, ist aus der Alltagserfahrung genommen. Zwei Männer arbeiten miteinander. Plötzlich ist einer nicht mehr da. Eine Krebserkrankung hat ihn weggerafft. Oder ein Autounfall hat ihn aus dem Leben gerissen. Und ebenso die beiden Frauen, die gemeinsam Hausarbeit machen: „Eine wird mitgenommen und eine zurückgelassen.“

 

Das dritte Beispiel ist allen schmerzlich bekannt, die schon einmal in ihrer Wohnung oder in ihrem Haus einen Einbruch erlebt haben: Wenn wir nur wüssten, wann und wie der Dieb kommt, dann könnten wir uns besser vor ihm schützen. Aber das ist ja die Methode des Einbrechers, dass er mit der Unaufmerksamkeit der Leute rechnet.

 

Was will Jesus mit diesen drei Beispielen sagen? Er spricht von der „Ankunft des Menschensohnes“, also von seinem Kommen, denn mit dem Wort „Menschensohn“ bezeichnet er sich selber. Um welche Ankunft handelt es sich? Heute ist ja der erste Adventsonntag. Advent heißt Ankunft. In 24 Tagen ist Weihnachten, das Fest der Geburt, der Ankunft Jesu in unsere Welt. Advent heißt aber auch Erwartung der anderen, letzten Ankunft Jesu, seiner Wiederkunft. Von ihr spricht er heute, und die Kirche stellt seine Worte an den Anfang des Advent. Für dieses andere Ankommen sollen wir bereit sein. „Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt.“

 

Dieser Tag soll uns nicht wie die Katastrophe der Sintflut überraschen, auch wie ein Dieb in der Nacht. Wie dann? Anderswo hat Jesus es in einem schönen Bild gesagt: Wir sollen so wachen, wie man wartet auf das Kommen des Bräutigams zur Hochzeit. Mitten in der Routine und im Stress des Alltags gibt es Momente, in denen wir ahnen und spüren, dass Gott in unser Leben kommt. Advent, das ist wie das Warten auf das Kommen eines lieben Gastes.

erstellt von: Kardinal Christoph Schönborn
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Matthäusevangelium 24,37-44

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Denn wie es in den Tagen des Noach war, so wird die Ankunft des Menschensohnes sein. Wie die Menschen in jenen Tagen vor der Flut aßen und tranken, heirateten und sich heiraten ließen, bis zu dem Tag, an dem Noach in die Arche ging, und nichts ahnten, bis die Flut hereinbrach und alle wegraffte, so wird auch die Ankunft des Menschensohnes sein. Dann wird von zwei Männern, die auf dem Feld arbeiten, einer mitgenommen und einer zurückgelassen. Und von zwei Frauen, die an derselben Mühle mahlen, wird eine mitgenommen und eine zurückgelassen. Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt. Bedenkt dies: Wenn der Herr des Hauses wüsste, in welcher Stunde in der Nacht der Dieb kommt, würde er wach bleiben und nicht zulassen, dass man in sein Haus einbricht. Darum haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.


Kardinal Schönborn

Mehr über Kardinal Christoph Schönborn

 

Gedanken zum Evangelium


Die "Gedanken zum Evangelium" jeden Sonntag auf "radio klassik Stephansdom" zum Nachhören:

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