Die Präsidentschaftskandidaten in Gesprächen mit unseren Redakteuren Georg Gatnar und Stefanie Jeller.
Die Präsidentschaftskandidaten in Gesprächen mit unseren Redakteuren Georg Gatnar und Stefanie Jeller.
Am Sonntag, 4. Dezember, sind die Österreicher zur Wahl aufgerufen, um zu entscheiden, wer in den kommenden sechs Jahren Staatsoberhaupt unserer Republik sein wird. Kurz vor dem Wahlgang haben wir Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer noch einmal zum Interview gebeten. "Der SONNTAG" liefert "O-Ton" und Analysen.
Seit fast einem Jahr läuft der Wahlkampf um das Amt des Bundespräsidenten bereits. Eigentlich ist längst alles gesagt und jedes Argument ausgetauscht. Mehrmals! Doch Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer haben noch einmal die Wahlmaschinerie angeworfen, Plakate sind geklebt und am Programm stehen Wahlkampftermine und Interviews am laufenden Band.
In den Gesprächen mit unseren Redakteuren Stefanie Jeller und Georg Gatnar wirken die Präsidentschaftskandidaten dabei aber kein bisschen müde. Sie geben sich ruhig, fokussiert und staatsmännisch.
Sowohl Norbert Hofer von der FPÖ als auch Alexander Van der Bellen, der frühere Parteichef der Grünen, unterstreichen die Wichtigkeit der Religion:
„Religionen sind ein Leuchtturm für die Menschen und geben Richtungen vor. Unsere Gesellschaft würde nicht funktionieren, wenn es Religionen nicht geben würde,“ sagt Hofer.
„Religiosität ist etwas sehr Schönes, wenn man es für sich hat. Ich kenne zum Beispiel jemanden, der schon über 80 ist, wöchentlich eine Dialyse braucht und das mit Geduld und Fassung trägt im Vertrauen auf seinen Gott. Das ist in solchen Situationen etwas sehr Tröstliches“, bekräftigt Van der Bellen.
Wie religiös sind Hofer und Van der Bellen?
Was die Wichtigkeit von Religion im Generellen anbelangt, scheinen sich die beiden Kontrahenten einig zu sein. Doch wie schaut der Glaube für jeden der beiden im jeweiligen Alltag konkret aus?
Van der Bellen: „Ich habe als Jugendlicher den Glauben an diesen einen persönlichen Gott verloren. Ich glaube, man nennt solche Leute wie mich Agnostiker.
Aber ich habe größten Respekt vor der Botschaft des Neuen Testaments, der Bergpredigt, wenn Sie so wollen, was Christlichkeit ausmacht. Das ist ganz sicherlich etwas ganz Wichtiges, auch für mich als Politiker.“
(Anm. der Redaktion: die Bergpredigt ist ein Textabschnitt des Matthäusevangeliums, in dem es um Mitmenschlichkeit, Mitgefühl, Verzeihen, Friedfertigkeit, Feindesliebe und Verständnis für die anderen geht).
Hofer: „Im christlichen Glauben ist das Verzeihen ein ganz wichtiger Wert. Das ist besonders nach einem Wahlkampf wichtig, das muss man auch wissen. Und dass man sein Gewissen reinhalten muss, jeden Tag versuchen muss, den Tag so zu gestalten, dass man am Abend sagen kann: „Es war in Ordnung.“ Es wird nicht jeden Tag gelingen. Ein ganz großer Wert für mich ist zudem die Dankbarkeit.“
Was schätzen Hofer und Van der Bellen aneinander?
Apropos Verständnis für die anderen: Im Zuge der unabhängig voneinander geführten Interviews möchten unsere Redakteure auch wissen, was die Präsidentschaftskandidaten am jeweils anderen besonders schätzen:
Hofer: „Alexander Van der Bellen ist jemand, der auch zu seinen Schwächen stehen kann und das ist nicht selbstverständlich. Er raucht hie und da eine Zigarette und er steht dazu. Das ist eine Charaktereigenschaft, die ich sehr schätze.“
Van der Bellen: „Das ist eine schwierige Frage, weil Herr Hofer und ich uns eigentlich nicht persönlich kennen. Wir sind uns politisch vor dieser Auseinandersetzung nie wirklich begegnet. Ich hoffe, er ist ein Hundefreund. Jedenfalls hat er seit Neuestem einen Hund, einen Australian Shepherd, glaube ich. Das sind sehr schöne, liebe Hunde. Er hat es sicher nicht leicht mit seinem Parteichef.
Wenn man so will, schätze ich seine Loyalität zu seiner Partei, wenn ich auch so gut wie nichts von den Ansichten teile. Wir werden schon noch Gelegenheit haben, einander etwas näher kennen zu lernen.“
Das Thema „Religion“ setzen die Kandidaten strategisch ein, um gewisse Zielgruppen anzusprechen, sagt Laurenz Ennser-Jedenastik, Politikwissenschaftler an der Universität Wien. „Es geht bei der Stichwahl ganz klar um die Wählerinnen und Wähler, die am Ende die Wahl entscheiden werden, und diese stammen aus einem traditionell-katholischen konservativen Milieu.“
Kann man sagen, welche christlichen Gruppen zu welchem Kandidaten tendieren?
Laurenz Ennser-Jedenastik: Bei diesen Kandidaten tue ich mir sehr schwer, weil keine Daten zu der Stichwahl vorhanden sind. Generell tendieren Menschen, die römisch-katholisch und stark religiös sind, zur ÖVP. Es gibt leichte Tendenzen von protestantischen Wählern zur SPÖ.
Die Katholiken sind keine homogene Gruppe. Deshalb gibt es jetzt einen offenen Kampf darüber, wer die Mehrheit aus diesem Lager an sich zieht. Religiös praktizierende Wähler haben üblicherweise eine höhere Tendenz, zur Wahl zu gehen. Sie sind in ihrem Umfeld sozial eingebunden und im Pfarrgemeinderat, Kirchenchor, Frauenbewegung etc. engagiert.
Wie schätzen Sie das Amt des Bundespräsidenten politisch ein?
Ennser-Jedenastik: Es gibt einen Widerspruch zwischen dem, was das Amt in der Praxis darstellt und was in den Verfassung drinnen steht. Auf dem Papier wäre das Amt ein sehr mächtiges. In der Praxis hat sich gezeigt, dass die Amtsinhaber bisher seit 1945 den sogenannten Rollenverzicht geübt haben. Man nimmt diese Kompetenzen – Entlassung der Bundesregierung oder Auflösung des Nationalrats – nicht wahr, sondern hält sie für absolute Notfälle zurück.
Klar ist: Nach so vielen Monaten Wahlkampf sind alle Aussagen längst mit Strategen und Trainern abgesprochen und auf Zielgruppen zugeschnitten. Beide Kandidaten bemühen sich dabei staatsmännisch um „bürgerliche“ Wähler.
Dennoch sind die hier getätigten Äußerungen im Großen und Ganzen glaubwürdig.
Van der Bellen hat auch früher schon von seiner Sympathie für die soziale Botschaft des Christentums gesprochen. Und Hofer hat sich längst als betender Christ „geoutet“.
Aber natürlich wird Hofer an dieser Stelle nicht unbedingt darüber sprechen, dass er im Jahr 2009 nach seinem Austritt die katholischen Kirche öffentlich abgekanzelt und gesagt hat: „Die katholische Amtskirche hat mich aufgrund der scheinmoralischen Aktivitäten ihrer linken Neo-Inquisitoren, falscher Frömmler und wahrer Heuchler endgültig verloren.“
Und Van der Bellen wird auch nicht gerade die SONNTAG-Leser damit konfrontieren, dass in seiner Zeit als Grünen-Chef seine Vize Eva Glawischnig Abtreibung auf Krankenschein forderte. Oder dass er selber 2010 als Europaratsabgeordneter für eine Resolution eingetreten ist, die alle öffentlichen Spitäler zwingen wollte, Abtreibung anzubieten, auch gegen das Gewissen des medizinischen Personals.
Wichtiger als bloße Statements ist, was die Kandidaten bisher getan haben.
Bei wem etwa spielte das christliche Menschenbild tatsächlich die wesentlichere Rolle?
Bei Van der Bellen, der für die Flüchtlingsaufnahme und gegen Hetze steht – oder bei Hofer, der sich gegen die Abtreibung behinderter Kinder stellt?
In „Amoris laetitia“ hat der Papst interessanterweise beide Themen zusammengefasst: „Die Aufmerksamkeit, die sowohl den Migranten als auch den Menschen mit Behinderungen geschenkt wird, ist ein Zeichen des Heiligen Geistes. Denn beide Situationen dienen gleichsam als Muster: In ihnen steht in besonderer Weise auf dem Spiel, wie heute die Logik der barmherzigen Aufnahme und der Integration der Schwachen gelebt wird.“
Jeder der beiden Kandidaten hat seine dunklen Seiten. Und wer behauptet, dass sonnenklar sei, wen ein Christ zu wählen habe, vereinfacht zu sehr. Ich verstehe aber jeden, der nach reiflicher Überlegung voll und ganz hinter „seinem“ Kandidaten steht.
Persönliche Analyse von Michael Prüller, Geschäftsführer des Medienhauses der Erzdiözese Wien