Sie gingen die Sache mit einer grundlegend anderen Einstellung an, es war nunmehr eine demokratische Grundlage vorhanden, die Zusammenarbeit, Konsens und Kompromiss miteinschloss.
Sie gingen die Sache mit einer grundlegend anderen Einstellung an, es war nunmehr eine demokratische Grundlage vorhanden, die Zusammenarbeit, Konsens und Kompromiss miteinschloss.
Laut Wohnout war gemeinsamer Messbesuch von Renner und Figl am 9. Mai als Dank für das Kriegsende auch Zeichen für Neubeginn und Überwindung des Lagerdenkens der Zwischenkriegszeit.
Der vor kurzem zum Leiter des Staatsarchivs ernannte Zeithistoriker Helmut Wohnout hat aus Anlass des 75. Jahrestags der Gründung der II. Republik an die historische Geste von Staatskanzler Karl Renner (SPÖ) im Mai 1945 erinnert, mit der er die kirchenkämpferische Ausrichtung der Sozialdemokratie der 1920er-Jahre überwinden wollte. Renner entschloss sich damals - knapp zwei Wochen nach der Unabhängigkeits- und Regierungserklärung -, gemeinsam mit dem damaligen Staatssekretär Leopold Figl (ÖVP) eine Messe mit Te Deum im damaligen "Ersatzdom", der Peterskirche, zu besuchen. Anlass des Pontifikalamtes am 9. Mai 1945, das Kardinal Theodor Innitzer zelebrierte, war der Dank für das Kriegsende.
Wohnout hatte bereits in seiner Biographie über Leopold Figl unterstrichen, dass der 27. April 1945 keineswegs eine Rückkehr zur parlamentarischen Demokratie von 1919 bis 1933 bedeutete, sondern dass es eine "grundlegende neue Einstellung" der führenden Persönlichkeiten aus Christdemokratie und Sozialdemokratie gegeben habe: "Sie gingen die Sache mit einer grundlegend anderen Einstellung an, es war nunmehr eine demokratische Grundlage vorhanden, die Zusammenarbeit, Konsens und Kompromiss miteinschloss. Es dominierte nicht mehr die Ausschließlichkeit der politischen Lager, deren Vertreter in Parallelwelten gelebt und sich hermetisch voneinander abgeschlossen hatten, sondern ein Aufeinander-Zugehen angesichts von Not, Zerstörung und letztlich nach wie vor einem hohen Maß an Ungewissheit über die allernächste Zukunft."
Die Geste Renners, gemeinsam mit Figl in das Wiener provisorische Hauptgotteshaus - der Stephansdom war zerstört - zu gehen, sei jedenfalls "signifikant" gewesen, betonte der Zeithistoriker, der auch Vorstandsmitglied des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstands (DÖW) ist.
Der 27. April wird in Österreich als Gründungstag der Zweiten Republik begangen. Obwohl noch in Teilen des Landes gekämpft wurde, erfolgte am 27. April 1945 im Wiener Rathaus die österreichische Unabhängigkeitserklärung. Die "Proklamation über die Selbstständigkeit Österreichs" wurde von Vertretern der drei Gründungsparteien der Zweiten Republik (SPÖ, ÖVP und KPÖ) unterzeichnet. Mit ihr wurde der "Anschluss Österreichs" an das Deutsche Reich vom 13. März 1938 für null und nichtig erklärt wurde. Diese politische, verfassungs- und staatsrechtliche Willenserklärung bildete die Basis für die am gleichen Tag erfolgte Konstituierung der Provisorischen Staatsregierung unter von Vorsitz von Karl Renner (SPÖ), die dann bis zum 20. Dezember 1945 im Amt war.