"Heute feiert die Kirche das Fest der Heiligsten Dreifaltigkeit. Wie das Judentum und der Islam glauben wir Christen an einen Gott", so Kardinal Christoph Schönborn.
"Heute feiert die Kirche das Fest der Heiligsten Dreifaltigkeit. Wie das Judentum und der Islam glauben wir Christen an einen Gott", so Kardinal Christoph Schönborn.
Gedanken zum Evangelium, von Kardinal Christoph Schönborn, am 31. Mai 2015. (Matthäus 28,16-20)
Zwei Erinnerungen verbinde ich mit dem heutigen Evangelium. Beide haben mit dem Islam zu tun und mit seinem Verhältnis zum Christentum. Beide liegen schon einige Jahre zurück, sind aber höchst aktuell. Die erste: Ich steige beim Stephansplatz in ein Taxi. Der Taxifahrer erkennt mich im Rückspiegel. Es ist ein junger Moslem, und er beginnt gleich ein Gespräch: „Sie sind doch ein studierter Mensch. Sie müssen wissen, dass Gott keinen Sohn haben kann. Er ist doch kein Mensch wie wir.“ Damit berührte er direkt die Kernfrage des christlichen Glaubens und dessen Kritik durch den Islam.
Heute feiert die Kirche das Fest der Heiligsten Dreifaltigkeit. Wie das Judentum und der Islam glauben wir Christen an einen Gott. Man nennt unsere drei Glaubensgemeinschaften daher auch die „monotheistischen Religionen“. Freilich wird den Christen von den beiden anderen Religionen vorgeworfen, dass wir in Wirklichkeit nicht an einen Gott, sondern an drei Götter glauben, weil wir auch Jesus und den Heiligen Geist als Gott verehren. Jesus selber hat seinen Jüngern den Auftrag gegeben, die Menschen zu taufen „im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Und im christlichen Glaubensbekenntnis sagen wir, dass wir an einen Gott glauben, den Vater und seinen Sohn Jesus Christus und den Heiligen Geist.
Was konnte ich meinem jungen, sympathischen moslemischen Taxifahrer antworten? Zuerst habe ich ihm recht gegeben: Gott ist nicht ein Mensch, und Jesus ist nicht Gottes Sohn wie ich der Sohn meines Vaters bin. Aber Gott ist auch nicht ein einsamer Herrscher wie ein weltlicher Machthaber. Wir glauben, dass Gott die Liebe ist, und Liebe gibt es nur zwischen Personen. Wir glauben, dass Gott Gemeinschaft ist, so einig und eins, dass wir von einem Gott in der Gemeinschaft von drei Personen sprechen können. Und weil wir glauben, dass Gott Gemeinschaft ist, vertrauen wir auch darauf, dass unter uns Menschen Gemeinschaft möglich ist. Wenn Liebende, Freunde, Partner „ein Herz und eine Seele“ sind, dann ist das wie eine Ahnung von dem, was in Gott selber ist. Ich weiß nicht, ob ich meinen Taxifahrer überzeugen konnte. Aber ich habe zumindest versucht, ihm zu erklären, dass wir Christen wirklich an einen Gott glauben und nicht drei Götter anbeten.
Die zweite Erinnerung liegt auch schon einige Jahre zurück. Ich war Gast an einer islamischen Universität in Teheran, im Iran. Es ging in meinem Vortrag vor Professoren und Studenten um den islamisch-christlichen Dialog. Gleich zu Beginn habe ich das heutige Evangelium zitiert und erklärt, dass wir Christen von Jesus einen Auftrag haben: „Macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie … und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe“. Jesu Worte sind ein klarer Missionsauftrag. Er ist universal, gilt allen Menschen aller Zeiten. Wie soll da noch Platz sein für den Dialog? Müssen wir nicht versuchen, alle Menschen, auch die Muslime, zu Christen zu machen? Ich fügte dann gleich hinzu: Aber auch Sie, die Muslime, haben einen Missionsauftrag: Alle Menschen sollen den Koran als Offenbarung Gottes anerkennen und damit Muslime werden.
Wie soll es da zwischen uns Toleranz und Dialog geben? Zeigen nicht die heutigen Religionskonflikte, dass es unselig ist, wenn eine Religion beansprucht, allein seligmachend zu sein? Es gab damals in Teheran eine lebhafte und spannende Diskussion darüber. Eines ist klar: Jesus hat nie den Zwang gepredigt. Er wollte nicht, dass seine Jünger andere Menschen nötigen, Christen zu werden. Weil Gott die Liebe ist, kann Zwang nie sein Weg sein. Die Liebe will das Herz gewinnen. Sie darf auch den anderen überzeugen wollen. Sie muss aber immer das Gewissen des anderen achten. Jesus wollte keine Sklaven als Anhänger, sondern Freunde, die in Freiheit ihm nachfolgen. Nur in diesem Geist kann ein gutes Miteinander der Religion gelebt werden. Und so kann es auch tatsächlich gelingen.
In jener Zeit gingen die elf Jünger nach Galiläa auf den Berg, den Jesus ihnen genannt hatte. Und als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder. Einige aber hatten Zweifel. Da trat Jesus auf sie zu und sagte zu ihnen: Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.
Mehr über Kardinal Christoph Schönborn
Gedanken zum Evangelium von Kardinal Christoph Schönborn