Gedanken zum Evangelium, von Kardinal Christoph Schönborn, am Sonntag, 5. Juli, 2015 (Markus 6, 1b-6).
Er kommt nach Hause – und wird abgelehnt. Das muss sehr weh getan haben. Jesus kommt nach Nazareth, wo er wirklich daheim war, und die eigenen Leute wollen nichts von ihm wissen.
Wie sehr freut es mich jedes Mal, wenn ich, viel zu selten, Zeit habe, einige Tage zu Hause zu verbringen, in der Gemeinde, in dem Ort, wo ich aufgewachsen bin, und mich dort willkommen fühle. Es tut so gut, sagen zu können: Hier bin ich daheim. Und hier sehen mich die Leute als einen der ihren an. Hier leben noch Schulkameraden, Jugendfreunde, hier gehe ich gerne auf den Friedhof, da sind die Gräber von so vielen, die ich gekannt habe.
Im Johannesevangelium steht dieses erschütternde Wort über Jesus: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“
Zu Hause nicht aufgenommen sein – welch ein Schmerz! Warum war das so? Warum war Jesus gerade in Nazareth nicht willkommen? Jesus hat selber dafür eine Erklärung: „Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie.“
Aber genau das ist der Stein des Anstoßes. Jesus bezeichnet sich selber als Prophet. Ist er ein „selbsternannter Prophet“? Macht er sich da nicht selber zu etwas Besonderem?
Gerade daran nehmen die Seinen, die Leute aus seiner Heimat, Anstoß. „Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria?“ Lebt nicht seine ganze Familie unter uns? Wir kennen ihn doch! Für wen hält er sich denn? „Und sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab.“
Noch einmal die Frage: Wieso diese Ablehnung? Sollten sie in Nazareth nicht stolz sein, dass einer der ihren plötzlich so berühmt wird? Alle reden von ihrem Jesus, vom Zimmermann, wegen seiner Wunder, staunen über seine Weisheit. Und anfangs ist ja auch bei ihm daheim eine gewisse Begeisterung da. Aber sie schlägt schnell um in eine negative Stimmung, ja sogar in offene Feindseligkeit.
Mich bewegt an dieser Geschichte eine Frage: Geht es Jesus heute immer noch so? Wird er gerade dort heute nicht geschätzt, wo er eigentlich zu Hause wäre? Wie geht es Jesus im heutigen Europa? Wie in Österreich? Wie wird er bei uns aufgenommen, angenommen? Wird er abgelehnt?
Europa hat nicht nur das Christentum durch Jahrhunderte beherbergt. Es war lange der christliche Kontinent. Es hat das Christentum in alle Teile der Welt hinausgetragen. Ist das Christentum inzwischen in Europa zum Fremdkörper geworden?
Ist Christus in Europa noch zu Hause? Äußerlich gesehen sicher! Kein Kontinent hat so viele Kirchen wie Europa. Kein anderer Erdteil weist so tiefe Spuren des christlichen Glaubens auf wie unserer.
Aber „fremdelt“ Europa nicht inzwischen seinen Wurzeln gegenüber? Von anderen Kontinenten hören wir erstaunte und enttäuschte Stimmen, die sich fragen: Was hat Europa mit seinem Christentum getan?
„Und Jesus wunderte sich über ihren Unglauben.“ Das galt damals von seiner Heimat Nazareth. Gilt das heute von unserem Europa? „Und Jesus konnte dort keine Wunder tun.“
Wo ihm kein Glauben geschenkt wird, dort kann Jesus auch nicht wirken.
Steht es wirklich so schlimm um Europa? Ist Christus inzwischen längst mehr in den anderen Kontinenten zu Hause? Mich bewegt diese Frage. Meine Antwort darauf?
Nur dieses schlichte Gebet:
Herr, bleibe bei uns!
Verlass uns nicht!
Wir wollen, dass du
bei uns zu Hause bleibst!
Jesus kam in seine Heimatstadt; seine Jünger begleiteten ihn.
Am Sabbat lehrte er in der Synagoge. Und die vielen Menschen, die ihm zuhörten, staunten und sagten: Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist! Und was sind das für Wunder, die durch ihn geschehen!
Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns? Und sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab.
Da sagte Jesus zu ihnen: Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie.
Und er konnte dort kein Wunder tun; nur einigen Kranken legte er die Hände auf und heilte sie.
Und er wunderte sich über ihren Unglauben. Jesus zog durch die benachbarten Dörfer und lehrte.
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