Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium, 13. Dezember 2015 (Lk 3,10-18)
Ihr Natterngezücht! Ihr Schlangenbrut! Mit diesen gar nicht zarten Worten hat Johannes der Täufer die Menschen seiner Tage angesprochen. Er wollte sie aufrütteln. Sie zur Umkehr bewegen: „Wer hat euch denn gelehrt, dass ihr dem kommenden Gericht entrinnen könnt?“ Johannes war gewiss, dass eine Zeit der Prüfung bevorsteht. Eine Zeit, in der sich zeigt, was standhält und was untergeht. Eine Zeit, in der „die Spreu vom Weizen getrennt wird“. Und diese Zeit liegt nicht irgendwo in der Zukunft. Sie ist bereits da: „Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt. Jeder Baum, der keine guten Früchte hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen.“
Diese Rede ist hart, aber treffend. Viele Menschen spürten damals, dass große Veränderungen in der Luft lagen. Heute ist eine ähnliche Situation. Sorgen und Ängste nehmen zu. Die Unsicherheit wächst. Die Zukunft ist ungewiss. Vieles kommt zusammen, das den Horizont verdüstert. Die zunehmende Arbeitslosigkeit, der abnehmende Wohlstand, die großen Flüchtlingszahlen, unsere niedrigen Geburtszahlen, der Rückgang des Christentums, der Vormarsch des Islam, die wachsende Unsicherheit, die Veränderung des Klimas, der drohende Terror…
Grund genug, besorgt in die kommenden Zeiten zu blicken. Doch was tun wir? Die Schuld an alledem bei den Anderen suchen! An erster Stelle bei den Politikern, als könnten diese mit dem Zauberstab alle genannten Gefahren abwenden. Dann bei den anderen Ländern, den anderen Religionen, den Ausländern, den Wirtschaftsflüchtlingen… Allzu selten hören wir die Fragen, die damals die Menschen dem Täufer Johannes stellten: Was sollen wir tun? Wir, nicht die anderen! Was die Anderen tun sollten, das scheinen wir nur zu gut zu wissen! An jedem Stammtisch weiß man besser, was zu tun wäre – von den anderen!
Es ist Zeit, uns selber die Frage zu stellen: „Was sollen wir also tun?“ So ernst die Worte des Johannes waren, so einfach sind seine Antworten: Du kannst etwas tun! Es ist gar nicht so kompliziert! Du kannst nicht die ganze Welt verändern. Aber du kannst dein Verhalten ändern. Und damit ein kleines Stück der Welt!
Du hast mehr Gewand als du brauchst? Teile es mit denen, die keines haben! Wie schön, dass so viele Menschen in unserem Land genau das tun! Zahlreiche Beispiele ließen sich nennen. Viele der Flüchtlinge, die nur das eigene Gewand am Leib haben, erleben die Hilfsbereitschaft der Menschen bei uns. Sie erfahren so, dass christliche Haltungen bei uns gelebt werden.
Wer zu essen hat, gebe denen, die nichts zu essen haben! Wie beeindruckt war ich dieser Tage von der Flüchtlingshilfe am Hauptbahnhof. Die Sikhs, Mitglieder einer indischen Religion, kochen seit Wochen ehrenamtlich für die Flüchtlinge. So viele freiwillige Helfer gibt es in unserem Land, wann immer eine Notsituation Hilfe erfordert!
Was tun? Nicht bei Preisen, Kosten, Leistungen betrügen! Den anderen nicht über den Tisch ziehen! Und was Johannes den Soldaten sagt, das passt für viele anderen auch: „Misshandelt niemand, erpresst niemand, begnügt euch mit eurem Sold!“ Wir können den Krieg in Syrien und den Hunger in Afrika nicht beenden. Aber wir können Tag für Tag das hier und jetzt Mögliche tun. Und darauf kommt es vor allem an! Das kann mein Beitrag sein!
In jener Zeit fragten die Leute den Johannes den Täufer: Was sollen wir also tun? Er antwortete ihnen: Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso. Es kamen auch Zöllner zu ihm, um sich taufen zu lassen, und fragten: Meister, was sollen wir tun? Er sagte zu ihnen: Verlangt nicht mehr, als festgesetzt ist. Auch Soldaten fragten ihn: Was sollen denn wir tun? Und er sagte zu ihnen: Misshandelt niemand, erpresst niemand, begnügt euch mit eurem Sold! Das Volk war voll Erwartung, und alle überlegten im Stillen, ob Johannes nicht vielleicht selbst der Messias sei. Doch Johannes gab ihnen allen zur Antwort: Ich taufe euch nur mit Wasser. Es kommt aber einer, der stärker ist als ich, und ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe aufzuschnüren. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. Schon hält er die Schaufel in der Hand, um die Spreu vom Weizen zu trennen und den Weizen in seine Scheune zu bringen; die Spreu aber wird er in nie erlöschendem Feuer verbrennen. Mit diesen und vielen anderen Worten ermahnte er das Volk in seiner Predigt.