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07.07.2018 · Kardinal · Gedanken zum Evangelium

Verwunderlicher Unglauben!

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Sonntag, 8. Juli 2018 (Mk 6,1b-6)

Manchmal habe ich den Eindruck, dass unser „christliches Abendland“ heute dem Nazareth von damals ähnlich ist. Man beruft sich auf „christliche Werte“, aber ist Jesus wirklich bei uns willkommen? Wundert er sich über unseren Unglauben?

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Sonntag, 8. Juli 2018 (Mk 6,1b-6)

Heimkommen – und nicht willkommen sein! Es gehört zu den schlimmsten Erfahrungen, die ein Mensch machen kann: in der eigenen Heimat wie ein Fremder behandelt werden. Von denen, mit denen man aufgewachsen ist, abgelehnt werden, das tut besonders weh. Diesen Schmerz erlebt Jesus, als er nach Nazareth, in seine Heimatstadt, zurückkehrt. Was ist da geschehen? Wie konnte es dazu kommen? Eines scheint sicher zu sein: Seit dieser schlimmen Erfahrung ist Jesus nie mehr nach Nazareth zurückgekehrt.

 

Erinnern wir uns an die Ereignisse. Geboren wurde Jesus in Bethlehem, weil Joseph, sein Ziehvater, ein Nachkomme des großen Königs David war, der aus Bethlehem stammte. Dort musste sich Joseph bei der Volkszählung hinbegeben. Dort kam für Maria die Zeit der Geburt. Bald nach der Geburt erfolgte die Flucht nach Ägypten, weil Herodes das Kind töten wollte. Nach seinem Tod kehrte die kleine Familie wieder nach Nazareth zurück. Dort ist Jesus aufgewachsen, dort hat er bis zu seinem dreißigsten Jahr gelebt. Dort lebten nicht wenige Verwandte, ein Teil seiner Großfamilie. Dort arbeitete Jesus in dem Handwerk, das er von seinem Vater gelernt hatte, als Zimmermann.

 

Mich überrascht an dem Bericht des Evangelisten Markus, dass offensichtlich Jesus als Jugendlicher und als Erwachsener nicht besonders aufgefallen ist. Sonst wäre es schwer verständlich, dass er plötzlich so ein Erstaunen auslöst. Irgendetwas muss mit ihm geschehen sein. Die Leute sind über ihn verwundert: „Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist?

 

Als Jesus etwa dreißig Jahre alt war, hat er sich, wie viele andere damals, von Johannes im Jordan taufen lassen. Das war eine Wende in seinem Leben. Er verließ Nazareth, seine Familie, seinen Beruf. Er begann zu predigen, Menschen um sich zu sammeln. Die Familie war besorgt, befürchtete, dass er einem religiösen Wahn verfallen ist, wollte ihn zur Vernunft bringen, ihn heimholen nach Nazareth, ins „normale Leben“.

 

Schließlich kommt er von sich aus nach Nazareth zurück, nicht allein, sondern mit einer ganzen Schar seiner Anhänger. Am Sabbat in der örtlichen Synagoge lehrt er, und alle staunen über die Kraft seiner Worte. Aber irgendwie schaffen es seine Landleute nicht, anzunehmen, dass er anders geworden ist. Wir kennen ihn doch! Er ist doch einer von uns! Für wen hält er sich? Er macht sich wichtig, glaubt, er sei was Besonderes, anders als wir! „Und sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab.“

Die Antwort Jesu verrät, wie weh ihm diese Ablehnung getan hat. Er zitiert ihnen ein Sprichwort, das durch ihn berühmt geworden ist: „Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie.“ Was ihn wohl am meisten geschmerzt hat, war der Unglaube, den er ausgerechnet bei seinen Nächststehenden erlebt hat, in der eigenen Familie, in seiner Heimat.

 

Zwei Gedanken bewegen mich bei diesem Evangelium. Warum tun wir uns oft so schwer, Menschen anzunehmen, wenn sie anders sind als wir es uns erwarten? Wenn jemand aus den gewohnten Bahnen ausbricht, stößt er oft gerade in der eigenen Familie auf großes Unverständnis. Als ich mit achtzehn Jahren ins Kloster ging, hat das in der Familie (nicht bei allen!) auch heftigen Widerstand ausgelöst.

Bis heute scheiden sich an Jesus die Geister. Manchmal habe ich den Eindruck, dass unser „christliches Abendland“ heute dem Nazareth von damals ähnlich ist. Man beruft sich auf „christliche Werte“, aber ist Jesus wirklich bei uns willkommen? Wundert er sich über unseren Unglauben?

erstellt von: Kardinal Christoph Schönborn
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Markusevangelium 6,1b-6

Jesus kam in seine Heimatstadt; seine Jünger begleiteten ihn. Am Sabbat lehrte er in der Synagoge. Und die vielen Menschen, die ihm zuhörten, staunten und sagten: Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist! Und was sind das für Wunder, die durch ihn geschehen! Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns? Und sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab. Da sagte Jesus zu ihnen: Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie. Und er konnte dort kein Wunder tun; nur einigen Kranken legte er die Hände auf und heilte sie. Und er wunderte sich über ihren Unglauben. Jesus zog durch die benachbarten Dörfer und lehrte.


Kardinal Schönborn

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Gedanken zum Evangelium

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