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12.08.2018 · Kardinal · Gedanken zum Evangelium

Kann denn Gott einen Sohn haben?

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Sonntag, 12. August 2018 (Joh 6, 41-51)

Jesus sagt: "Niemand kann zu mir kommen, wenn nicht der Vater, der mich gesandt hat, ihn zu mir führt; und werde ihn auferwecken am Letzten Tag."

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Sonntag, 12. August 2018 (Joh 6, 41-51)

Ein Gespräch mit einem Taxifahrer ist mir unvergesslich. Er erkannte mich und sprach mich gleich an: „Sie haben doch studiert. Sie müssen doch wissen, dass Gott keinen Sohn haben kann. Er ist kein Mensch, kein Vater, der einen Sohn haben kann.“ Es war mir klar: Der junge Taxifahrer war ein gläubiger Moslem und was er sagte, ist eine der tragenden Säulen des Islam: Gott ist Einzig und neben ihm gibt es keinen! Der christliche Glaube, dass Jesus der Sohn Gottes ist, stößt deshalb im Islam auf entschiedene Ablehnung: Gott kann doch keinen Sohn haben!

 

Aber der Koran, das heilige Buch des Islam, ist nicht der erste, der diese tragende Säule des Christentums ablehnt. Jesus selber ist schon zu Lebzeiten auf heftigen Widerstand gestoßen, weil er Gott seinen Vater nannte und sich als seinen Sohn bezeichnete. Anfangs war es nur ein Murren gegen manche seiner Aussagen. Aber dieses Murren wurde nicht leiser, es wurde zur immer ausdrücklicheren Feindschaft, die schließlich zum Tod Jesu führte.

 

Der Evangelist Johannes berichtet von dieser wachsenden Ablehnung und schreibt sie „den Juden“ zu. Doch Vorsicht: Wenn im Johannesevangelium von „den Juden“ die Rede ist, meint das nicht das ganze jüdische Volk, alle Juden. Denn die Jünger Jesu waren ja auch Juden und Maria, seine Mutter, ist Jüdin und sie hat ihn sicher nicht abgelehnt. Mit „den Juden“ bezeichnet Johannes die, die in den anderen Evangelien „die Pharisäer und Schriftgelehrten“ genannt werden, das heißt die religiöse Elite des jüdischen Volkes. Sie haben zunehmend über Jesus „gemurrt“, an ihm Anstoß genommen.

 

Der Anlass für dieses Murren wird klar und deutlich benannt: „weil Jesus gesagt hatte: Ich bin das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist.“ Wie kann Jesus behaupten, er sei vom Himmel herabgekommen, wo doch seine Herkunft bekannt ist: „Ist das nicht Jesus, der Sohn Josefs, dessen Vater und Mutter wir kennen?“

 

Mich beeindruckt, wie wenig Jesus versucht, seine Worte zu entschärfen. Wäre Jesus ein Populist gewesen, der nur auf seine Beliebtheit geschaut hätte, dann wäre er sicher behutsamer vorgegangen. Dann hätte er seine Aussagen abgeschwächt, um sie leichter annehmbar zu machen. Dieser Versuchung geben wir Christen oft zu schnell nach, aus Angst, dass wir mit unserem Glauben anecken könnten. Jesus nimmt seine Worte nicht zurück, sondern wird noch deutlicher: „Niemand kann zu mir kommen, wenn nicht der Vater, der mich gesandt hat, ihn zu mir führt.“

 

An Jesus glauben, das ist nicht eine Sache beliebiger Meinungen, sondern Gottes Gabe. Jesus hat sich nicht selber zum Sohn Gottes gemacht und die Christen haben sich das nicht selber ausgedacht. Jesus konnte, wenn ich so sagen darf, gar nicht verschweigen, wer er ist, ob dies „ankam“ oder nicht: „Niemand hat den Vater gesehen außer dem, der von Gott ist; nur er hat den Vater gesehen.“

 

Jesus ist aber noch weiter gegangen. Dass er von Gott, vom Himmel gekommen ist, hat nur ein Ziel: uns Menschen das volle, unzerstörbare Leben zu bringen, das kein Tod uns nehmen kann, das ewige Leben. Deshalb nennt er sich selber „das Brot des Lebens“. „Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben.“ Er selber, sein Fleisch, seine lebendige Gegenwart, ist dieses Lebensbrot. Oft frage ich mich, wie ich meinem jungen muslimischen Taxifahrer diese wunderbaren Worte Jesu glaubwürdig vermitteln kann.

erstellt von: Kardinal Christoph Schönborn
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Johannesevangelium 6, 41-51

In jener Zeit murrten die Juden gegen Jesus, weil er gesagt hatte: Ich bin das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist Und sie sagten: Ist das nicht Jesus, der Sohn Josefs, dessen Vater und Mutter wir kennen? Wie kann er jetzt sagen: Ich bin vom Himmel herabgekommen? 3Jesus sagte zu ihnen: Murrt nicht! Niemand kann zu mir kommen, wenn nicht der Vater, der mich gesandt hat, ihn zu mir führt; und ich werde ihn auferwecken am Letzten Tag. Bei den Propheten heißt es: Und alle werden Schüler Gottes sein. Jeder, der auf den Vater hört und seine Lehre annimmt, wird zu mir kommen. Niemand hat den Vater gesehen außer dem, der von Gott ist; nur er hat den Vater gesehen. Amen, amen, ich sage euch: Wer glaubt, hat das ewige Leben. Ich bin das Brot des Lebens. Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. So aber ist es mit dem Brot, das vom Himmel herabkommt: Wenn jemand davon isst, wird er nicht sterben. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, ich gebe es hin für das Leben der Welt.


Kardinal Schönborn

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Gedanken zum Evangelium

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